Gespräch mit der Amtsgerichtsdirektorin

Interview: Straftäter lassen oft Respekt vor Gericht vermissen 

Quantität und die Qualität der Straftaten haben sich verändert: Das sagt Michaela Kilian-Bock, Direktorin des Amtsgerichts Bad Hersfeld.
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Quantität und die Qualität der Straftaten haben sich verändert: Das sagt Michaela Kilian-Bock, Direktorin des Amtsger ichts Bad Hersfeld.

Michaela Kilian-Bock, Direktorin des Amtsgerichts Bad Hersfeld, im Gespräch über die chronische Überlastung der Justiz, einen absehbaren personellen Umbruch und Respektlosigkeiten.

Frau Kilian-Bock, Sie hatten vor einiger Zeit die immense Arbeitsbelastung durch den Enforcement-Trailer, ein Blitzgerät auf der Autobahn, beklagt. Wie ist die Situation aktuell?

Das hat sich auf hohem Niveau stabilisiert. Wir haben eine zusätzliche Richterstelle und zusätzliche Servicekräfte als Entlastung bekommen. Deshalb ist diese Arbeit jetzt zu bewältigen.

Aber mal Hand aufs Herz, sind Richter für diese Ordnungswidrigkeiten nicht überqualifiziert und werden eigentlich für kompliziertere Aufgaben benötigt?

Das sehe ich auch so. Aktuell wird in der Justiz geprüft, ob zentrale Ordnungswidrigkeitsgerichte für den Enforcement-Trailer eingerichtet werden könnten. Auch könnte man das Bußgeldverfahren weiter straffen und die Möglichkeit der Rechtsbeschwerde einschränken. Andererseits gehört es zum Rechtsstaat, dass die Betroffenen einen Anspruch auf die Überprüfung von Verwaltungsentscheidungen durch einen Richter haben. Also folgt manchmal ein langes Urteil für einen 30-Euro-Bußgeldbescheid. Einen Anreiz für Einsprüche schafft übrigens die Vergütung der Rechtsanwälte in Bußgeldsachen, die im Vergleich zu anderen Verfahren unverhältnismäßig hoch ist.

Also viel zu viel Aufwand für das, was am Ende dabei heraus kommt?

Ja. Wenn ich das zum Beispiel mit einem Mordprozess oder einem schwierigen Zivilprozess vergleiche, da sind die Richter gefragt. Aber doch nicht bei der Frage, ob einer zu schnell gefahren ist oder nicht.

Das Amtsgericht Bad Hersfeld hat aber noch ein anderes Problem. Es steht vor einem großen personellen Umbruch, weil fünf von sieben Richtern um die 60 Jahre alt sind und in absehbarer Zeit in Ruhestand gehen werden. Das bedeutet nicht zuletzt einen erheblichen Verlust an Lebenserfahrung.

Das treibt uns in der Tat um. Es sind prägende, erfahrene Richter, einschließlich meiner Wenigkeit, die dann innerhalb überschaubarer Zeit in Pension gehen. Aber natürlich bemühen wir uns, den Jüngeren unsere Erfahrungen mitzugeben. 

Wir haben regelmäßige Richter-Dienstbesprechungen und gemeinsame Treffen, in denen wir uns austauschen. Die meisten jüngeren Kollegen fragen auch nach und nehmen Ratschläge an. Aber mehr können wir aus eigener Kraft nicht tun. Aber ja, die Altersstruktur ist ungesund.

Das Amtsgericht wird in der Öffentlichkeit in erster Linie durch die Strafgerichtsbarkeit wahrgenommen. Gibt es da Entwicklungen, die Ihnen Sorge bereiten?

Und ob. Ich kann aus eigener Anschauung sagen, dass sich die Quantität und die Qualität der Straftaten verändert haben. Aber auch die jungen Leute haben sich verändert. Den Wandel der Gesellschaft erlebe ich im Sitzungssaal. Als ich 1991 hier angefangen habe, waren Angeklagte in der Regel geständig und haben ihr Fehlverhalten eingesehen. Das ist heute viel, viel seltener der Fall. Da muss ich für einen einfachen Diebstahl eine Beweisaufnahme mit fünf Zeugen machen und hinterher wird immer noch gesagt: „Ich war’s nicht.“ Hinzu kommt die Internetkriminalität, ein ganz neues Gebiet, in das wir uns auch erst einarbeiten mussten. Sorgen macht mir auch, dass der Respekt nachgelassen hat.

Sie erleben also im Sitzungssaal dasselbe, was aktuell Polizei, Ordnungs- und Rettungskräfte beklagen?

Genau so. Ich fasse es manchmal gar nicht, wenn Angeklagte oder Zeugen offenbar glauben, die Gerichtsverhandlung sei eine Art Party. Da wird gegessen und getrunken und mit dem Handy gespielt. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich mal so streng werden würde. Oft geht es dann nur mit Ansage: Kappe ab! Kaugummi raus! Handy aus! Und wenn das nicht fruchtet, kann es schon mal passieren, dass jemand in die Gewahrsamszelle kommt. Hat es früher so nicht gegeben.

Werden Sie und Ihre Kollegen auch außerhalb des Gerichts angefeindet oder gar bedroht?

Ja, schon. Es gibt auch Menschen, die mich, aus welchem Grund auch immer, heimlich filmen. Da wird mir schon blümerant. Und von einem Kollegen weiß ich, dass bei ihm daheim plötzlich einer vor der Tür stand und ihn bedroht hat. Aber andererseits ist es bei mir komischerweise auch manchmal so, dass mich jugendliche Straftäter in der Stadt mit Namen freundlich grüßen. Einer hat mich sogar schon mal in der Dudenstraße vor einem Übergriff bewahrt. Schlimmer ist das im Familienrecht, wo die Emotionen hochkochen.

Zur Person

Michaela Kilian-Bock (60) stammt aus Hagen in Westfalen, wo sie 1978 das Abitur bestand. Sie studierte Jura in Marburg, begann als Richterin am Amtsgericht Kirchhain, war dann am Marburger Landgericht und folgte 1991 ihrem Mann nach Bad Hersfeld, der dort als hauptamtlicher Erster Stadtrat arbeitete, ans hiesige Amtsgericht. Von Anfang an war sie für die Jugendstrafabteilung zuständig. 

Im Oktober 2000 wurde sie stellvertretende Direktorin, wechselte 2008 als Vizepräsidentin ans Landgericht Fulda und kehrte im Juli 2012 als Direktorin nach Bad Hersfeld zurück. Kilian-Bock ist zudem Mitglied des Hessischen Staatsgerichtshofs. Sie ist verheiratet und reist gern. Ausgleich zum Beruf findet sie beim Joggen im Wald und beim Lösen schwieriger Kreuzworträtsel.

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