Im Maschinenbau und Tuchfabriken

Auch in Bad Hersfeld: Zwangsarbeiter als billige Kräfte für den Krieg

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Spürten der Zwangsarbeit nach: Die Referenten Ernst-Wolfram Schmidt und Karin Brandes

Bad Hersfeld. Großes Publikumsinteresse für einen spannenden Themenabend im Buchcafé in Bad Hersfeld: Es ging um das Thema Zwangsarbeit in den Betrieben der heutigen Kreisstadt. 

Vergangenheit ist nicht vorbei, sie hinterlässt ihre Spuren bis ins Heute. Das zeigte sich auch am großen Interesse für die Veranstaltung der Arbeitsgemeinschaft „Zeitsprünge“ im Buchcafé zum Thema Zwangsarbeit in den Bad Hersfelder Betrieben.

Wie Moderator Hans Karl Schäfer von der AG Zeitsprünge gleich zu Anfang betonte, wurde in der Nachkriegszeit wenig über Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in Bad Hersfeld erzählt. 

Doch die Hinweise waren da: So blieben etwa die Baracken auf ehemaligen Fabrikgeländen erhalten und wurden „nachgenutzt“. Spätestens bei beharrlichem Nachfragen kämen die Erinnerungen bei vielen älteren Hersfeldern wieder zutage.

Viele Kriegsgefangene kamen aus dem Stammlager in Trutzhain

Den größeren Zusammenhang schilderte die Leiterin der Gedenkstätte Trutzhain, Karin Brandes. In dem heutigen Ortsteil von Schwalmstadt befand sich von 1939 bis 1945 ein Kriegsgefangenenlager, das Stammlager IX, in dem mehrheitlich Franzosen, aber auch Polen, Belgier und Italiener interniert waren. Von Trutzhain aus wurden Gefangene auch in Arbeitskommandos in und um Bad Hersfeld geschickt.

Der prominenteste Insasse war der spätere französische Präsident François Mitterand. Für Kriegsgefangene aus der Sowjetunion gab es in Trutzhain einen abgetrennten Bereich, in dem die Lebensbedingungen noch wesentlich härter waren.

Vor allem in den späteren Kriegsjahren sei es darum gegangen, möglichst viele und möglichst billige Arbeitskräfte einzusetzen. Dabei seien auch bei Landräten, Bürgermeistern, Kreisbauernführern und in der Industrie Begehrlichkeiten geweckt worden, so Brandes. 

Ob Autobahnbau, Kanalarbeiten in Heringen, Entwässerung in Motzfeld, Fabrikarbeit in Bad Hersfeld oder Arbeit in der Landwirtschaft – die Kriegswirtschaft basierte zu nicht unerheblichen Teilen auf der Ausnutzung der Arbeitskraft von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern. 

In Trutzhain blieben 80 Prozent der Gebäude erhalten. Viele der ehemaligen Lagerbaracken dienen bis heute zu Wohnzwecken. Seit 2003 befindet sich hier eine der vier zentralen NS-Gedenkstätten in Hessen.

Schilde, Rehn, Rechberg und Braun - Sie alle nutzten die billigen Arbeitskräfte

Nach intensiver Suche stieß Ernst-Wolfram Schmidt auf Spuren von Zwangsarbeit in Bad Hersfeld, nach denen nicht nur die Firma Schilde Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene beschäftigte – zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen. 

Die Arbeiter wurden in Baracken auf dem Werksgelände sowie im „Schilde-Lager“ am Zellersgrund unterbrachte. Auch für die Tuchfabriken Rechberg und Braun, die Firma Rehn sowie für die Jute-Spinnerei gebe es Belege für den Einsatz von Zwangsarbeitern.

Hier sei während des Krieges zudem nicht nur die Textilproduktion weitergegangen, sondern auch Rüstungsgüter wie Geschützlafetten und Flugzeugteile produziert worden. Ein Teil der Braunschen Tuchfabrik habe während des Krieges auch als „Hersfelder Maschinenfabrik“ firmiert.

Von Ute Janßen

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