Respekt auf dem Rasen fehlt

Prügelattacke gegen Schiedsrichter: Aggression auf Fußballplätzen nimmt zu

Er weiß, wie es sich anfühlt, auf dem Platz bedrängt zu werden: Schiedsrichter Tobias Lecke aus Bebra.
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Er weiß, wie es sich anfühlt, auf dem Platz bedrängt zu werden: Schiedsrichter Tobias Lecke aus Bebra.

Nach der Attacke gegen einen Schiedsrichter in Südhessen sind die Fußball-Funktionäre in Hersfeld-Rotenburg entsetzt. Und stellen fest: Der Umgang im Kreis ist rauer geworden. 

Nachdem bei einem Kreisliga-Fußballspiel in Südhessen am Sonntag ein Spieler einen Schiedsrichter bewusstlos geschlagen hat, als dieser ihn des Feldes verweisen wollte, sind bundesweit Diskussionen über den Umgang auf Fußballplätzen entbrannt.

„Bei uns im Kreis hat es so etwas glücklicherweise noch nicht gegeben“, sagt Kreisfußballwart Karl-Heinz Blumhagen. Von Verbandsseite habe es bislang noch keine offiziellen Informationen zu dem Fall gegeben, der sich bei einem Spiel der Kreisliga C Dieburg (Landkreis Darmstadt-Dieburg) ereignet hatte, so der 79-jährige Rotenburger. 

Blumhagen, seit 1993 Fußballchef im Kreis, meint selbst, in der jüngeren Vergangenheit festgestellt zu haben, dass der Umgangston und die Verhaltensweise auf den Fußballplätzen rauer geworden seien.

"Ohne Schiedsrichter gibt es bald auch keinen Fußball mehr"

Das bestätigt auch Christian Grunwald, Vorsitzender des Sportkreises Hersfeld-Rotenburg: „Es ist schlimm genug, dass es erst so einen Fall braucht, um die zunehmende Verrohung im Fußball in den Fokus der öffentlichen Diskussionen zu rücken.“ Grunwald appelliert an den Verband und die Vereine, präventiv auf Spieler und Zuschauer einzuwirken, damit sich solche Szenen auf den heimischen Plätzen niemals ereignen. 

Der Rotenburger Bürgermeister weist auf die Bedeutung der oftmals noch jungen Schiedsrichter hin („wenn es sie nicht mehr gibt, gibt es bald auch keinen Fußball mehr“) und fordert mehr Respekt für die Referees, die sich für 22 Euro Wochenende für Wochenende auf den Platz stellen.

Selbst die jüngsten Schiedsrichter werden schon massiv angegangen

Der FSV Münster, aus dessen Reihen der Schläger stammt, hat nach dem Vorfall am Wochenende ein Zeichen gesetzt: Er hat den Übeltäter lebenslang gesperrt und seine Mannschaft vom Spielbetrieb zurückgezogen.

Reiner Heß aus Heringen, Schiedsrichterobmann des Kreises Hersfeld-Rotenburg, hat ebenfalls beobachtet, dass die Gewaltbereitschaft gegenüber Schiedsrichtern kontinuierlich zugenommen habe. „Es sind ja nicht nur körperliche Bedrohungen, sondern auch psychische – beispielsweise durch permanente Beschimpfungen“, sagt der 53-Jährige. Selbst die jüngsten Schiris würden schon massiv angegangen.

Schiedsrichter im Interview: Wer zuschlägt, sollte nie mehr spielen dürfen"

Tobias Lecke ist 23 Jahre alt und Fußballschiedsrichter aus Leidenschaft. Und er hat Erfolg. Der Gilfershäuser hat Spiele in der Hessenliga der Männer geleitet und in der Bundesliga der Junioren an der Linie assistiert. Vor gut drei Jahren sah er sich in Weidenhausen (Werra-Meißner-Kreis) auf dem Spielfeld einer bedrohlichen Rudelbildung ausgesetzt. 

„Ich kam da nicht raus, und von außen kam auch keiner rein, um mir zu helfen“, erinnert er sich. Lecke wurde im Gerangel beschimpft und geschubst. Jeden Moment rechnete er damit, einen Schlag an den Kopf zu bekommen. Er hatte Glück und wurde nicht durch einen Faustschlag niedergestreckt wie jetzt sein Schiri-Kollege im südhessischen Münster. Wir sprachen mit ihm über Gewalt gegen Unparteiische. 

Was hat der Vorfall in Südhessen in Ihnen ausgelöst, bei dem der Schiri von einem Spieler bewusstlos geschlagen wurde und mit dem Hubschrauber in eine Klinik geflogen werden musste? 

Der Vorfall in Weidenhausen ist mir natürlich in Erinnerung gerufen worden. Aber er hat in mir keine Krise ausgelöst. Ich glaube, dass ich mich dem Schiedsrichter einfach verbundener gefühlt habe als Kollegen, die so eine Situation noch nicht erlebt haben.

Haben Sie auch das Gefühl, dass die Gewaltbereitschaft gegen Schiedsrichter in den vergangenen Jahren größer geworden ist? 

Auf jeden Fall. Das ist auch mit Zahlen zu belegen. Man liest immer häufiger, dass uns Spieler angehen. Die Hemmschwelle ist gesunken, verbal und darüber hinaus durch körperliche Attacken. Erst kürzlich wurde ein Schiedsrichter aus unserem Kreis im Hünfelder Raum von einem Spieler auf dem Platz geohrfeigt. 

In Berlin haben Schiedsrichter gestreikt, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Ist das ein geeignetes Mittel, um eine Verbesserung zu erreichen?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Damit bestrafe ich ja alle Fußballer, auch die, die sich nichts zuschulden kommen lassen. Es muss auf der anderen Seite aber auch mal ein Zeichen gesetzt werden, dass wir Schiedsrichter uns nicht alles gefallen lassen. 

Aber wie könnte dieses Zeichen noch aussehen?

Es hilft nichts, Schilder aufzustellen oder zu sagen, seid fair zum Schiedsrichter. Zündstoff wird auch oft von außen aufs Feld getragen. Ich habe in letzter Zeit verstärkt wahrgenommen, dass Anhänger glauben, dass wir ihre Mannschaft benachteiligen. Das kann ich nicht verstehen. Sie kennen zwar die Regeln nicht genau, aber sie haben kein Vertrauen in die Schiedsrichter. Sie glauben nicht, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen vorgehen. Das muss sich ändern.

Kann man durch härtere Strafen etwas erreichen? 

Auf jeden Fall muss das Strafmaß geändert werden. Wer einen Gegenspieler, Mitspieler oder Schiedsrichter schlägt, hat auf dem Fußballplatz nichts mehr zu suchen. Der sollte lebenslänglich gesperrt werden. 

Nehmen wir das Beispiel der unteren Klassen: Dort gibt es im besten Fall ein paar Menschen mit einer Ordnerbinde in Platznähe. Ist das ausreichend? 

Wir Schiedsrichter sind dazu da, durch gelbe und rote Karten die Gesundheit der Spieler zu schützen. Wir haben auf dem Platz aber keine Verbündeten. Einen Schiedsrichter wirksam zu 100 Prozent zu schützen, ist gar nicht möglich. Und wenn es soweit kommt, dass ich ein Spiel nur noch mit Schutz durch Bodyguards oder Polizei pfeifen kann, dann ist eine Grenze überschritten. Was soll das noch mit Spaß zu tun haben?

Hintergrund: Die Hemmschwelle auf dem Platz sinkt

Von einer Respektlosigkeit, die aus den Ballungszentren längst aufs Land übergeschwappt sei, berichtet Kreisschiedsrichter-Obmann Reiner Heß aus Heringen. 

So habe es in der vergangenen Saison schon im Jugendbereich einige Spielabbrüche nach Tätlichkeiten gegeben. Oftmals würde von Zuschauern und Offiziellen von außen ein Leistungsdruck aufgebaut, der sich dann durch (verbale) Gewalt entlade. „Die Hemmschwelle sinkt immer mehr“, beklagt Heß.

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