Wegen Drogenhandel vor Gericht

Angeklagter kam mit Glück vom Haken

Bad Hersfeld –Wegen wiederholten Drogenhandels musste sich ein 20-Jähriger vor Gericht verantworten. Einmal soll er sogar 1,3 Kilo Marihuana gekauft haben.

Es sah nicht gut aus für den Angeklagten: Über anderthalb Jahre hatte der heute 20-Jährige immer wieder Marihuana und Amphetamine verkauft, insgesamt 36 Fälle hatte Staatsanwalt Harry Wilke aufgelistet.

Der gravierendste Vorwurf: Einmal sollte der junge Mann aus Bebra gleich 1,3 Kilo gekauft haben, um damit seine Kundschaft zu bedienen, die überwiegend im nördlichen Kreisteil und in Ludwigsau zuhause war. 1,3 Kilo – das ist abhängig vom tatsächlichen Wirkstoff im Juristendeutsch eine „nicht geringe Menge“ und damit ein Verbrechenstatbestand.

Doch die Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht des Amtsgerichts Bad Hersfeld lief dann doch ganz anders als gedacht. Das lag zum einen an der vollkommenen Kehrtwende, die der Auszubildende nach seiner Festnahme im August 2017 vollzogen hatte. Und zum anderen hatte er großes Glück, dass sich die Gerichtsvorsitzende Michaela Kilian-Bock auf diesen Prozess gründlich vorbereitet hatte.

Die Amtsgerichtsdirektorin kannte nämlich auch die Akten im Falle des mutmaßlichen Verkäufers besagter 1,3 Kilo. Auch dieser junge Mann hatte sich gegenüber der Polizei geständig gezeigt – mit Ausnahme dieses einen Punktes.

So war es nachvollziehbar, was der Angeklagte im Gerichtssaal ausgesagt hatte: Die 1,3 Kilo seien vermutlich ein Missverständnis während seiner polizeilichen Vernehmung gewesen, ausgelöst durch seine Nervosität und das Bestreben, die Sache hinter sich zu bringen.

50 und 90 Gramm habe er von dieser Person gekauft, und diese Mengen versehentlich falsch zusammengerechnet: Aus 130 Gramm seien dann 1,3 Kilo geworden.

Weil die große Menge und der angeblich gezahlte Preis überhaupt nicht zu den anderen Geschäften des Bebraers passten, hatte auch Staatsanwalt Wilke kein Problem damit, diesen Anklagepunkt fallen zu lassen. Auch einige weitere Vorwürfe, die Amphetamine betrafen, wurden aussortiert, weil der 20-Jährige glaubhaft versicherte, nur mit Marihuana gedealt zu haben.

„Ich habe nicht drüber nachgedacht“, sagte der Bebraer auf die Frage nach dem Motiv, er hatte in den Rauschgiftgeschäften vor allem eine Möglichkeit gesehen, seine karge Ausbildungsvergütung aufzubessern. „Ich werde das ganz sicher nicht nochmal machen“, versicherte er.

Einsicht und guten Willen nahmen ihm denn auch alle Prozessbeteiligten ab. Neben der nach Jugendrecht möglichen Verwarnung für letztlich 29 Fälle des gewerbsmäßigen Handels mit Betäubungsmitteln verhängte das Gericht allerdings auch eine sogenannte Betreuungsweisung von sechs Monaten – eine Art Bewährungshilfe für Jugendliche –, die die positive Entwicklung des 20-Jährigen stabilisieren soll. Schädliche Neigungen, die zu den Tatzeiten zweifellos vorhanden waren, konnte das Gericht zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr feststellen. Auch hier hatte der Angeklagte durch die lange Verfahrensdauer Glück.

Sowohl Staatsanwalt Harry Wilke wie auch Verteidiger Klaus W. Königshof waren mit dem Urteil einverstanden, sodass es sofort rechtskräftig wurde.

VON KARL SCHÖNHOLTZ

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