Theater, Musik und andere Events in der ganzen Stadt

Ein anderer Sommer in Bad Hersfeld: Auftakt mit „Galileis Nachtgedanken“ und mehr

„Galileis Nachtgedanken“ von Holk Freytag präsentierten bekannte Festspiel-Darsteller wie Gunther Emmerlich als Galileo und Kristin Hölck als Tochter Virginia. Emmerlich sitzt auf einem Stuhl, Hölck steht dahinter. Im Hintergrund am Schlagzeug Günter „Baby“ Sommer. 
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„Galileis Nachtgedanken“ von Holk Freytag präsentierten bekannte Festspiel-Darsteller wie Gunther Emmerlich als Galileo und Kristin Hölck als Tochter Virginia. Im Hintergrund am Schlagzeug Günter „Baby“ Sommer. 

Mit Theater, Musik und mehr ist das Kulturprogramm „Ein anderer Sommer“ in Bad Hersfeld gestartet, das eine Alternative zu den Festspielen bieten soll.

Und auch das schöne Wetter lockte viele Menschen in die Stadt, wo an verschiedenen Orten ein buntes Programm geboten wurde.

„Galileis Nachtgedanken“ von Holk Freytag in der Abfüllhalle

Der Grebekeller ist unterwegs. Mit „Galileis Nachtgedanken“ präsentierten die Macher des bekannten Kellertheaters im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Ein anderer Sommer“ Holk Freytags Bearbeitung von Bertolt Brechts „Das Leben des Galilei“.

Wegen der mit dem Eigentümerwechsel der Grebe-Immobilie verbundenen Umbauarbeiten fand die Veranstaltung diesmal nicht im historischen Gewölbekeller unter dem Linggplatz statt, sondern in der als Probenbühne der Festspiele dienenden ehemaligen Abfüllhalle im Kurpark. Unterstützt wurden die Theatermacher vom Medienpartner Hersfelder Zeitung und der Gesellschaft der Freunde der Stiftsruine.

„Ich glaube an den Menschen und das heißt, ich glaube an seine Vernunft“ lautete das Credo Galileo Galileis, jenes Universalgelehrten, der Anfang des 17. Jahrhunderts das geozentrische Weltbild durch das heliozentrische ersetzte und damit die Erde aus dem Mittelpunkt des Universums rückte. Hierdurch geriet er in Konflikt mit der Kirche und der Inquisition, was ihn fast auf den Scheiterhaufen brachte.

Galileo widerrief und wurde erst 1992 von der katholischen Kirche rehabilitiert. Das Leben Galileis als ein einziger Konflikt zwischen Wissenschaft und Kirche, zwischen Erkenntnis und Aberglaube oder aktuell zwischen Fakten und Fake-News ist der rote Faden, der sich durch Freytags bemerkenswerte Inszenierung zieht.

„Die Menschen um 1600 mussten feststellen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt von allem ist; heute ist es ein winziges Virus, das alles auf den Kopf stellt. Wieder schaut alles auf die Wissenschaft, die als einzige eine Antwort geben kann“ betonte Freytag zu Beginn der Veranstaltung. Folgerichtig thematisiert „Galileis Nachtgedanken“ den Erkenntnisgewinn, der überkommene Herrschaftsstrukturen in Frage stellt; legt die Protagonisten nicht als Einzelpersönlichkeiten an, sondern als gesellschaftlich geprägte Charaktere, welche die Gegensätze zwischen Festhalten an längst Überkommenem und Voranschreiten in die Moderne symbolisieren.

So steht Galileis Tochter Virgina (Kristin Hölck) für das Beharren in der Tradition, Galileo (Gunther Emmerlich) für den Aufbruch in die Moderne, während Ludovico (Philipp Lind) – eher Pragmatiker – zwischen den beiden Polen steht. Musikalische Akzente setzten ein glänzend aufgelegter Günter „Baby“ Sommer am Schlagzeug sowie Kristin Hölck mit berührenden Liedbeiträgen aus Emilio de’ Cavalieris „Rappresentatione di Anima et di Corpo“, der ersten vollständig erhaltenen Oper.

Einmal mehr eine zwar puristische, aber höchst anspruchsvolle, zum Nachdenken anregende Aufführung, die vom Publikum begeistert aufgenommen wurde.

Von Thomas Landsiedel

„Geschichten vom Anfang“ hatten das Festspiel-Ersatzprogramm eröffnet

„Wir spielen nicht trotzdem, sondern wie immer, wenn auch unter anderen Vorzeichen“. So hatte Intendant Joern Hinkel die Eröffnungsveranstaltung des „Anderen Sommers“ eingeleitet. Dabei hatten sich Hinkel und sein Team diese textlich eher schwere Kost ausgesucht: In den „Geschichten vom Anfang“ gingen Cordula Trantow, Horst Janson, Nell Pietrzyk und Elias Krischke sowie ein ungenannter „Techniker“ gemeinsam mit Matthias Trippner als musikalischem Begleiter in einigen der ältesten überlieferten Geschichten der Menschheit auf die Suche nach Anfang, Sinn und Ende.

„Ein anderer Sommer“ in Bad Hersfeld: Eröffnung mit „Geschichten vom Anfang“ in der Stiftsruine. Auf der Bühne sitzen Horst Janson, Cordula Trantow, Matthias Trippner, Nell Pietrzyk und Elias Krischke (von links). 

Aus der Bibel, dem Gilgamesch-Epos, Ovids Metamorphosen und den Aramäischen Zaubertexten kamen große Teile der Texte der szenischen Lesung, die einen großen Bogen spannten und Einblicke in tiefe menschliche Gefühle und Bedürfnisse offenlegten. Liebe, Hass, Eifersucht, Mord, Herrschsucht, Eitelkeit, erotische Anziehungskraft, aber auch das Ringen mit Gott oder den Göttern und die Frage nach der Überwindung des Todes sind die Themen, die die Menschen offensichtlich von Alters her bewegen und antreiben. Gerade in einer Zeit, in der sich existenzielle Fragen in besonderer Weise stellen, wirkte es durchaus stimmig, sich diesen auch an dieser Stelle noch einmal neu anzunähern.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler schlüpften dabei in unterschiedliche Rollen: Die beiden ersten Paare aus der Schöpfungsgeschichte Lilith und Adam sowie Eva und Adam waren ebenso vertreten wie Enkidu und Gilgamesch, das Brüderpaar Kain und Abel sowie verschiedene Götterfiguren. Obwohl auf der Bühne – schon wegen der Abstandsregeln – wenig körperliche Aktion zu sehen war, gelang es den Akteuren, den Texten Leben und Plastizität einzuhauchen und die poetische Schönheit ebenso wie den Bilderreichtum der Sprache spürbar zu machen.

Mit winzigen Requisiten – Elias Krischke reichte etwa eine Krone und eine Strickmütze, um den Rollenwechsel zwischen König Gilgamesch und Enkidu sichtbar zu machen – bewältigten sie Sprünge zwischen Ebenen und Figuren. Horst Janson verkörperte die Götterfiguren mit einer Väterlichkeit, die sowohl sanfte als auch äußerst zerstörerische Züge enthielt. Cordula Trantow illustrierte das Ewig-Weibliche, das sowohl liebevoll-mütterlich als auch – wie bei der Schlange im Garten Eden – tückisch und eiskalt daherkam. Nell Pietrzyk schlüpfte in die Rollen der Verführerin, die an einigen Stellen mit keckem Selbstbewusstsein das Verhältnis der Geschlechter aufs Korn nahm. Elias Krischke bewältigte sowohl die Rolle des intriganten und tyrannischen Gilgamesch als auch des angesichts der Ansprüche seiner Frauen sowie der Autorität von Gott-Vater dauerüberforderten Adam souverän. Matthias Trippner untermalte die Lesung mit sparsamen Synthesizer- und Perkussionsklängen sowie Geräuschen, die dem Ganzen eine wirkungsvolle Tiefenschärfe verliehen.

Das Fazit dieses gehaltvollen, lebendigen Theatererlebnisses lässt sich vielleicht am ehesten so zusammenfassen: „Andere Zeiten“ hat es immer gegeben. Und wenn der Mensch schon sterblich ist, überdauern doch die Geschichten und Erzählungen.

Von Ute Janßen

„Marrakesch, Madrid oder das böse Herz“ in der Stiftsruine

Irgendwann platz Günther Meyer – mit th und ey – der Kragen: „Was wird hier eigentlich gespielt?“ brüllt er durch den Verhörraum. „Das ist eine gute Frage“, entgegnet ruhig der marokkanische Kriminalhauptkommissar Mohammed Marconi mit geradezu quälender Höflichkeit.

„Ein anderer Sommer“ in Bad Hersfeld: Mohammed Marconi (Carsten Hentrich) und Günther Meyer (Dirk Hoener) im Stück „Marrakesch, Madrid oder das böse Herz“.

In dem heruntergekommenen Verhörraum im alten Polizeipräsidium von Marrakesch treffen zwei ganz unterschiedliche Charaktere aufeinander. Hier der ganz in Schwarz gekleidete Kommissar Marconi (Carsten Hentrich) mit seiner Verehrung für deutsche Ordnung und Gründlichkeit. Sogar deutsche Verbrecher seien wunderbar, weil sie so klar denken können. Sein Gegenüber im weißen Knitteranzug ist der etwas zwielichtige deutsche Geschäftsmann Meyer (Dirk Hoener), der Marokko zwar mag, insgeheim aber tiefe Vorurteile gegen die „Kameltreiber, Teppichhändler und Gigolos“ hegt.

Zunächst scheint alles reine Formsache. „Formalitäten sind der Stachel im Fleisch des Bürgers“, sagt Marconi verständnisvoll, wühlt in seinen Notizen, fragt alles mehrfach, erzählt von seinen Erlebnissen in Deutschland und schafft es nicht mal dem zunehmend gestressten „Opfer, nicht Beschuldigter“ Meyer ein Glas Wasser zu bringen. Der will eigentlich nur sein Flugzeug erreichen, aber die Zeit verrinnt. Erst nach und nach erfährt der Zuschauer, dass Meyers Ehefrau mit fünf Messerstichen brutal ermordet wurde. Meyer hat aber ein „wasserdichtes Alibi“. Er war in Madrid. Trotzdem gelingt es Marconi, mit orientalischer Höflichkeit und subtilen Drohungen Meyer immer mehr zu entlocken. Eine zerrüttete Ehe, Affären und eine reiche Erbschaft ergeben gleich mehrere Motive. „Da tun sich Abgründe auf, die Bestie Mensch ...“, meint Marconi und treibt Meyer immer mehr in die Defensive ohne ihn aber fassen zu können.

Eigentlich ist das Stück „Marrakesch, Madrid oder das böse Herz“, das Bettina Wilts für den „Anderen Sommer“ bearbeitet hat, ein Kammerspiel, das auch in den Grebe-Keller gepasst hätte, nun aber vor großer Kulisse in der Stiftsruine gespielt wird. Getragen wird es durch die beiden starken Schauspieler, die eine Unmenge von Text lernen mussten. Trotz einiger Längen und kleiner Texthänger, gelingt es ihnen, den Spannungsbogen über fast zwei Stunden zu halten.

Am Ende bleibt offen, wer Täter und wer Opfer war. Selbst der Autor des Stücks, der Schweizer Schriftsteller Christoph Braendle, hüllt sich in Schweigen. Braendle, der selbst bei der Premiere in der Ruine dabei war, hat selbst in Marokko gelebt und wurde zu seinem Stück von einem echten Kriminalfall inspiriert. Auch ob den Täter seine gerechte Strafe ereilt, bleibe „bewusst unklar“. Das Publikum spendet trotzdem lang anhaltenden Beifall.

Wer selbst auf Verbrecherjagd gehen will, hat dazu am Sonntag, 26. Juli, ab 20.30 Uhr noch einmal Gelegenheit in der Stiftsruine.

Von Kai A. Struthoff

Nachteulen-Talk mit Anouschka Renzi

Die Nachteulen sind auch in diesem „anderen Sommer“ hellwach, wenn andere schon schlafen. Zur Geisterstunde empfing Moderator Dominic Mäcke zum Auftakt der beliebten Late-Night-Talkreihe Schauspielerin Anouschka Renzi (Peer Gynt) und Trox-Geschäftsführer Udo Jung. Rund 150 Zuschauer hatten sich in der Stiftsruine eingefunden. Und natürlich war in diesem „anderen Jahr“ auch Corona dabei.

„Ein anderer Sommer“ in Bad Hersfeld: Schauspielerin Anouschka Renzi war beim Nachteulen-Talk dabei.

Anouschka Renzi, die eigentlich an der Ostsee bei den Störtebecker-Festspielen auf der Bühne stehen sollte, erzählte, sie habe sich mit dem „Elend abgefunden“, allerdings müsse sie ihre Rücklagen angreifen, um über die Runden zu kommen, und Engagements annehmen, die sie sonst ablehnen würde. „Ich gehe aber nicht ins Dschungelcamp“, stellte sie klar. So verzweifelt sei sie – noch – nicht. Andere Schauspieler indes wüssten in der derzeitigen Situation jedoch nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen. Sie kritisierte, dass Künstler kaum in den Genuss von Corona-Hilfsgeldern kämen.

Auf charmante Art entlockte ihr Dominic Mäcke so manche Anekdote aus ihrem bewegten Leben, etwa aus der Zeit als sie mit ihrer „Hippie-Mutter“ Eva Renzi im hellgrünen Ford Transit nach Indien gefahren ist, um als Elfjährige dort zwei Jahre zu leben und dabei sehr viel Schulstoff versäumte. Und sie erzählte von den zwei Ehen, die sie „in den Sand gesetzt hat“. Es sei zwar nicht schön, allein zu sein, „aber noch schlimmer ist es, einsam zu zweit zu sein.“

Bei Dominic Mäcke aber bleibt keiner einsam und allein. Dafür sorgte diesmal auch Udo Jung, dessen Firma Trox zu den wichtigen Sponsoren der Bad Hersfelder Festspiele gehört, der die Talkrunde vervollständigte. Er berichtete von den neuesten Erfolgen im Kampf gegen die Corona-übertragenden Aerosole mit den Spezial-Ventilatoren seiner Firma. „Gute Belüftung birgt viele Chancen im Kampf gegen Corona“, sagte er.

Damit die Talk-Nacht nicht allzu Corona-lastig wird, mussten die beiden Gäste Scharade spielen und ihr pantomimisches Talent unter Beweis stellen. Dabei machte Udo Jung eine durchaus gute Figur neben der Profi-Schauspielerin Anouschka Renzi. Gemeinsam sorgten sie dafür, dass die Zuschauer zu später Stunde mit einem Lächeln im Gesicht ins Bett gehen konnten.

Von Kai A. Struthoff

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Fotos vom Auftakt „Ein anderer Sommer".

Weitere Bilder vom Auftakt „Ein anderer Sommer“.

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