Im Interview

Amazon-Standortleiter in Bad Hersfeld: „Das Wetter trifft uns härter als Streik“

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Sind beide seit zwölf Jahren bei Amazon in Bad Hersfeld: Christian Dülfer, Standortleiter des FRA 1 am Eichhof, und Stephanie Schreiber, Standortleiterin des FRA 3 an der Amazonstraße. Unser Foto zeigt beide inmitten der Regale im FRA 1, in das in diesem Jahr kräftig investiert wurde. 

Bad Hersfeld. Im Interview sprechen Christian Dülfer und Stephanie Schreiber über Veränderungen, Weihnachtseinkäufe und die Zukunft des Standorts Bad Hersfeld.

Bad Hersfeld. Sieben Millionen Euro hat Amazon in diesem Jahr in das Logistikzentrum FRA 1 am Eichhof investiert, von wo aus nun auch Bier, Wein und Spirituosen versendet werden (wir berichteten). Im FRA 3 an der Amazonstraße war bereits im vergangenen Jahr unter anderem in eine neue Fördertechnik investiert worden.

Wir haben mit den Standortleitern über Veränderungen, Weihnachtseinkäufe und die Zukunft des Standorts Bad Hersfeld gesprochen.

Das FRA1 war das erste Amazon-Logistikzentrum in Deutschland und feiert 2019 20-jähriges Bestehen – was hat sich in dieser Zeit verändert?

Christian Dülfer: In den fast 20 Jahren hat sich sehr viel verändert. Als wir hier angefangen haben, haben wir beispielsweise noch mit sogenannten Pick-Listen gearbeitet, also mit manuellen Listen auf Papier, mit denen der Kommissionierer zu den Regalen gelaufen ist. Er hat die Artikel aus den Fächern genommen, auf dem Arm getragen und sie auf der Liste durchgestrichen. Heute ist der Scanner eines der beliebten Arbeitsgeräte und ‘Silver Carts’ erleichtern die Arbeit zusätzlich. Wir haben in den letzten Jahren viel im Bereich Ergonomie gemacht, die höhenverstellbaren Packtische sind ein tolles Beispiel.

Auch die Mitarbeiterzahl ist stark gestiegen. Die ersten 80 Mitarbeiter feiern nächstes Jahr 20-jährige Betriebszugehörigkeit. Heute sind am Eichhof rund 1000 Mitarbeiter beschäftigt, im Weihnachtsgeschäft noch etwa 200 mehr.

In Summe hat sich natürlich auch das gesamte Amazon-Netzwerk entwickelt, es ist spannend zu sehen, was für eine Erfolgsgeschichte das ist.

Das FRA 3 wird immerhin zehn Jahre alt – im vergangenen Jahr wurde der Mietvertrag verlängert, im Herbst das neu gebaute Parkhaus eröffnet. Wie sicher ist der Standort Bad Hersfeld?

Stephanie Schreiber: Wir sind beide gekommen, um zu bleiben und glauben ganz fest an unseren Standort und dessen Zukunft. Wir investieren in zukunftsweisende Technik. Im FRA 3 haben wir vor kurzem auch noch einen neuen Roboter bekommen. Wir bleiben! (lacht)

Stichwort Zukunft: Wären in Bad Hersfeld auch die Auslieferung mit Drohnen und Lebensmittellieferungen denkbar?

Dülfer:Aktuell fokussieren wir uns hier auf zwei Kategorien: Bekleidung und Schuhe im FRA 3 und Bier, Wein und Spirituosen im FRA 1, wovon wir glauben, dass das ein wachsendes Segment ist. Darauf liegt der Fokus. Was in Zukunft noch kommt, können wir aktuell nicht sagen, da lassen wir uns überraschen.

Seit Oktober werden Alkoholika versendet – gibt es eigentlich irgendetwas, das es bei Amazon nicht gibt?

Dülfer: Tatsächlich gibt es gewisse Artikel, die wir nicht anbieten. Waffen sind ein Beispiel, da gibt es strenge Kriterien, und immer wieder tauchen Artikel auf, die wir uns ganz genau anschauen. Grundsätzlich möchte Amazon aber eigentlich alles anbieten, was legal erhältlich ist und den Kunden ein möglichst breites Spektrum bieten.

Schreiber: Es gibt ja auch Artikel, die gar nicht direkt aus unseren Logistikzentren kommen, sondern von den Lieferanten versendet werden, die nur unsere Plattform nutzen. Was wir übrigens ebenfalls nicht verkaufen, sind echte Pelze von Pelztierfarmen.

Das Weihnachtsgeschäft läuft. Wo kaufen Sie Ihre Geschenke, bei Amazon oder in den Geschäften vor Ort?

Schreiber: (lacht) So und so. Nach einem langen Tag ist es bequem, abends von der Couch aus einzukaufen. Kleidung für meinen Sohn bekomme ich bei Amazon jedoch nicht, da wird immer der lokale Händler vorgezogen. Und es gibt einfach Dinge, die man vor dem Kauf gerne mal anfassen möchte.

Dülfer: Ich schlendere gerne mit meiner Familie durch die Innenstadt, ob in Hersfeld, Homberg oder Kassel. Das gehört einfach dazu. Nur weil man bei Amazon arbeitet, kauft man nicht alles bei Amazon. Es ist gut, dass man beide Möglichkeiten hat, online und offline.

Kommen Sie im Weihnachtsgeschäft denn weiterhin ohne Saisonkräfte aus dem Ausland aus?

Schreiber: Wir haben ein buntes Spektrum an Mitarbeitern, da sind natürlich auch Kollegen aus dem Ausland dabei. Die leben aber hier in der Region und werden nicht extra aus Spanien oder anderen Ländern geholt. Wir haben aktuell auch keine Mitarbeiter, die über Zeitarbeitsfirmen bei uns sind.

Dülfer:Wir haben in den vergangenen Jahren ja auch einige Flüchtlinge eingestellt und integriert. Für Mitarbeiter, die von etwas weiter weg kommen, bieten wir Unterstützung bei der Fahrt zum Arbeitsplatz an. Was wir nicht machen, ist Wohnraum anbieten.

Der Streik scheint Sie bisher wenig tangiert zu haben, gilt das auch für die Abläufe und Lieferversprechen im aktuellen Weihnachtsgeschäft?

Schreiber:Wir sind gut vorbereitet auf das Weihnachtsgeschäft, und können wie bei einem Sportevent nach langer Vorbereitung auf den Punkt liefern.

Dülfer: Der Streik ist nur eines von vielen Themen, auf die wir uns vorbereiten. Dazu gehört zum Beispiel das Wetter.

Schreiber: Nach dem Sturm Friederike im Januar hatten wir am FRA 3 einen großen Schaden am Dach, sodass ein Pick Tower komplett gesperrt werden musste. Das war ein Riesenthema. Gleiches galt für eine Sperrung, nachdem ein Lkw Diesel verloren hatte. So etwas trifft uns deutlich härter.

Das seit einigen Jahren gezahlte Weihnachtsgeld schreibt sich Verdi auf die Fahne. Was gibt es in diesem Jahr für die Beschäftigten?

Schreiber: In der heißen Phase des Jahres wollen wir die Mitarbeiter mit einem Bonus besonders honorieren, die an den volumenstarken Tagen im Einsatz sind. In zwei Wochen können so 200 Euro hinzuverdient werden.

Dülfer: Zur arbeitsintensiven und spannenden Weihnachtszeit gehört bei uns generell Spaß. Es gibt ein Musikevent, einen Weihnachtsmarkt, Plätzchen, eine Gutscheinverlosung und mehr. Darüber hinaus setzen wir uns mit Spenden für soziale Projekte und lokale Initiativen ein, allerdings das ganze Jahr über.

Welchen Weihnachtswunsch haben Sie für den Standort Bad Hersfeld?

Schreiber: Ich wünsche mir, dass wir alle Kundenaufträge erfüllen können und wir als Team das Weihnachtsgeschäft rocken. Außerdem stehen ein zweiter Roboter fürs FRA 3 und weitere Fördertechnik ganz oben auf meiner Wunschliste.

Dülfer: (lacht) Möglichst wenig kaputte Weinflaschen! Das Thema Bier, Wein und Spirituosen wird uns jedenfalls auch im nächsten Jahr noch beschäftigen und da sind noch einige Investitionen vorgesehen. 

Zu den Personen: 

Stephanie Schreiber (40) kommt aus Bad Hersfeld und lebt mit ihren beiden Kindern auf dem Johannesberg. An der Modellschule Obersberg hat Schreiber Abitur gemacht und anschließend in Würzburg Lebensmittelchemie studiert. Nach einem Jahr als Lebensmittelchemikerin in Leipzig ist sie in den Kreis Hersfeld-Rotenburg zurückgekehrt. Inzwischen ist Schreiber seit zwölf Jahren bei Amazon. Seit 1. August 2017 leitet sie das FRA 3. Entspannen kann die 40-Jährige bei der Gartenarbeit, beim Zumba oder bei gemeinsamen Reisen mit ihren Kindern. Christian Dülfer (42) kommt aus dem Schwalm-Eder-Kreis und ist ebenfalls seit zwölf Jahren bei Amazon, wo er als Abteilungsleiter begann. Seit 2016 leitet er das FRA 1, nachdem er zuvor schon die kommissarische Leitung innehatte. Dülfer ist ausgebildeter Speditionskaufmann, er hat studiert und ein Trainee-Programm bei einem Druckfarbenhersteller durchlaufen. Der 42-Jährige ist verheiratet und Vater eines Sohnes. Mit seiner Familie lebt er in Homberg/Efze. In seiner Freizeit geht er mit seinen Hunden spazieren, er fotografiert gerne und mag handgemachte Musik. 

Hintergrund: Zwei Logistikzentren in Bad Hersfeld

In Bad Hersfeld gibt es zwei Amazon-Logistikzentren: FRA 1 ist das älteste in Deutschland. Es wurde 1999 eröffnet und ist 42.000 Quadratmeter groß, was sieben Fußballfeldern entspricht. Anfangs wurde der gesamte Betrieb in einem Lager abgewickelt – heute sind es vier Lager. FRA3 ist das zweitgrößte Logistikzentrum. Es wurde 2009 eröffnet. Mit 110 000 Quadratmetern ist es größer als 17 Fußballfelder. Die Abkürzung FRA bezieht sich übrigens auf den nächstgelegenen internationale Flughafen – in diesem Fall Frankfurt.

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