Letzte Premiere der Bad Hersfelder Festspiele

Der alte Mann und das Meer: Im Kampf mit sich selbst

Alleine auf hoher See: Der alte Fischer Santiago (Horst Janson) macht den Fang seines Lebens, um ihn kurz darauf wieder an die Haie zu verlieren. Fotos: Sennewald

Bad Hersfeld. "Der alte Mann und das Meer" nach Hemingway im Schloss Eichhof - das war die letzte Premiere der Spielzeit 2018 bei den Bad Hersfelder Festspielen.

„Niemand sollte im Alter alleine sein, aber es scheint ja unvermeidlich“.

Untermalen die Gefühlslage des alten Fischers musikalisch: Sängerin Marie-Luise Gunst und (von links) Diogenes Nordarse, Michael Herrmann, Ralf Wüstneck sowie Jens Hasselmann.

In Jens Hasselmanns Bühnenfassung der bekannten Hemingway-Novelle „Der alte Mann und das Meer“, die am Sonntagabend in der Außenspielstätte Schloss Eichhof der Bad Hersfelder Festspiele Premiere feierte, wird der Kampf des greisen Fischers Santiago mit dem riesigen Speerfisch zum Sinnbild für die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergänglichkeit: Die Kräfte schwinden, die eigenen Fähigkeiten entsprechen längst nicht mehr den hohen Ansprüchen an sich selbst. Hinzu kommt die Erinnerung an frühere Tage, an denen alles leichter von der Hand ging. Aber auch die Hoffnung, noch einmal an die glorreichen Zeiten anknüpfen zu können.

Treuer Gefährte des glücklosen Fischers: Der Junge Manolo (Romeo Hinkel).

Der Kahn des alten Mannes segelt im Schloss Eichhof über ein Meer aus Plastikflaschen, das dank farbiger Beleuchtung ästhetisch anspricht, mit Blick auf die zunehmende Vermüllung der Ozeane gleichzeitig auch erschreckt – ein gelungener Kontrast. Eine Strandbar aus Treibholz und die Bretterbude des alten Fischers komplettieren das Bühnenbild. Das passende karibische Flair liefern die Musiker einer vierköpfige Liveband, die im Laufe des Stücks auch als Kneipenbesucher oder Fischerdorfbewohner herhalten müssen: Diogenes Nordarse (Percusssion/Gesang), Ralf Wüstneck (Akkordeon), Michael Herrmann (Akkordeon/Kontrabass) sowie Regisseur Jens Hasselmann an der Gitarre verhelfen dem Stück zum richtigen Drive, lassen ihre Instrumente mal melancholisch-verträumt, mal bedrohlich tosend erklingen – und unterstreichen so eindrucksvoll die Gefühlslage des Fischers.

Dessen Rolle scheint Horst Janson geradezu auf den Leib geschrieben zu sein: Im Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffen und Bangen, Glück, Euphorie, Verzweiflung und Resignation zeichnet er das Bild eines greisen Mannes, dessen Kräfte zwar schwinden, der aber zu keinem Zeitpunkt seine Würde verliert. Ihm zur Seite gestellt ist einerseits Barfrau, Erzählerin und Sängerin Marie-Luise Gunst, die mit klarer Stimme die Handlung vorantreibt, mal etwas mehr, mal etwas weniger und manchmal auch genau das wiedergibt, was gerade auf der Bühne passiert. Und die – wenn sie zum etwas blechern klingenden Gesangsmikrofon greift – in den Liedpassagen manchmal leider nur schwer zu verstehen ist. Ein erfrischender Kontrast zum alten Fischer ist sein junger, herzensguter, zuweilen etwas altklug daherkommender Gefährte Manolo (in der Premierenvorstellung verkörpert von Romeo Hinkel, während der insgesamt sieben Vorstellungen im Wechsel mit Jonathan Trümner zu sehen).

Trotz des narrativen Charakters der Vorlage ist Hasselmanns Bühnenfassung alles andere als langatmig. Dem Regisseur gelingt in der Inszenierung ein anrührender Blick auf einen alten Fischer im Kampf mit dem Fang seines Lebens – und ein stückweit auch mit sich selbst. Das Premierenpublikum im ausverkauften Schlossinnenhof spendet lang anhaltenden, herzlichen Applaus und trotzt dem Ensemble eine musikalische Zugabe ab.

„Das Schlimmste kommt noch und ich kann nichts dagegen tun“, bemerkt der alte Fischer im Laufe seines Kampfes. Im Bezug auf das Älterwerden ein ernüchternder Ausblick.

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