Leiter des Umweltbildungszentrums Alheim-Licherode

Waldbiologe Stefan Ross: „Der Wolf ist ein Krafttier“

Nach dem Studium hat Stefan Ross zehn Jahre an der kanadischen Westküste als Förster, Wildbiologe und Berater gearbeitet. Seit 2020 ist er Leiter des Umweltbildungszentrums in Licherode, das 1995 als erstes ökologisches Schullandheim und Tagungshaus Deutschlands gegründet wurde.
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Nach dem Studium hat Stefan Ross zehn Jahre an der kanadischen Westküste als Förster, Wildbiologe und Berater gearbeitet. Seit 2020 ist er Leiter des Umweltbildungszentrums in Licherode, das 1995 als erstes ökologisches Schullandheim und Tagungshaus Deutschlands gegründet wurde.

Der studierte Waldbiologe Stefan Ross hat eine eigene Sicht auf die Rückkehr des Wolfs. Wir haben mit ihm ein Interview geführt.

Licherode – Stefan Ross ist Landschaftsgärtner, Förster und studierter Waldbiologe. Lange Jahre hat er in Kanada gearbeitet und hatte dabei auch engen Kontakt zu den First Nations, also den Ureinwohnern. Inzwischen ist Ross Leiter des Umweltbildungszentrums in Licherode und hat eine eigene Sicht auf die Rückkehr des Wolfs in unsere Region. Darüber sprach er mit Kai A. Struthoff.

Herr Ross, der Wolf erhitzt die Gemüter. Es hat Freunde und Feinde, aber nicht viel dazwischen. Warum polarisiert der Wolf so?

Der Wolf polarisiert, weil er tatsächlich in das Leben der Menschen eingreift. Der Wolf wurde bei uns ausgerottet, weil er den Menschen im Weg war und man der Meinung war, die Welt ohne Wolf besser gestalten zu können. Der Wolf weckt Ängste. Eine anthropozentrisch technische Sicht auf die Welt leitet die eine Seite, die andere reicht bis in romantisierende, esoterische Sichtweisen.

Stichwort Ängste. Müssen wir uns wirklich vorm Wolf fürchten, oder haben wir nur zu viele Rotkäppchen-Märchen gehört?

Wir haben eindeutig zu viele Märchen gehört. Klar ist aber auch, dass der Wolf ein Raubtier ist - wie übrigens auch Bären, Löwen und Tiger. Wenn man diesen Tieren respektlos begegnet, dann kann es zu einem Unfall kommen. Aber eigentlich möchte der Wolf nichts mit Menschen zu tun haben und geht uns deshalb aus dem Weg.

Wie groß ist überhaupt die Wahrscheinlichkeit, dass mir beim Wandern oder Hund ausführen ein Wolf im Wald begegnet?

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr, sehr gering. Der Wolf kann auf viele hundert Meter einen Menschen riechen und ihn auch sehr früh hören. Dann will er uns ausweichen. Allerdings sind Wölfe auch neugierig und sie haben nicht wirklich Angst vor Menschen. Aber der Wolf will eigentlich keinen Kontakt, und wenn man ihm mit Respekt begegnet, dann geht er auch weg. Denn wir stehen nicht auf der Speisekarte des Wolfes.

Sie hatten engen Kontakt mit den amerikanischen Ureinwohnern. Wird bei Ihnen der Wolf auch dämonisiert?

Überhaupt nicht. Übrigens auch nicht bei den nordeuropäischen Waldvölkern, den Slaven, Kelten, Balten. Dort gilt der Wolf als Krafttier. Man bewunderte dort vielmehr den Wolf für seine Kraft, Intelligenz, Ausdauer und seine Überlebensfähigkeit. Dämonisiert wurde der Wolf erst sehr viel später von uns.

In den Büchern von Jack London, in „Ruf der Wildnis“ oder „Wolfsblut“, wurde der Wolf aber auch im darwinistischen Sinne glorifiziert und romantisiert. Trifft das eher zu?

Das trifft genauso wenig zu wie die Dämonisierung. Der Wolf ist ein Teil unseres Ökosystems und spielt darin eine wichtige Rolle. Aber er ist weder romantisch noch geheimnisvoll, sondern einfach ein Teil des Ganzen.

Genau das bezweifeln aber viele. Der Wolf war lange nicht hier, und viele haben ihn nicht vermisst.

Die Zeit, in der wir unsere Umwelt als Wildnis begriffen, die erobert werden musste, ist lange vorbei. Das haben die frühen Siedler in Amerika oder die christlichen Ritterheere die vor 600 Jahren die „Große Wildnis“ im heutigen Polen und Russland eroberten so gesehen. Aber nicht die Menschen, die dort schon lebten. Die hatten kein Konzept von Wildnis. Für sie war es ein normaler Lebensraum in den sich alle Lebewesen eingefügt haben. Die Vorstellung, dass man die Natur bezwingen muss, gab es bei den Naturvölkern gar nicht.

Sie haben ein Thesenpapier über den Wolf geschrieben, worin Sie darauf hinweisen, dass schon Noah in seiner Arche von jeder Art zwei Lebewesen mitgenommen hat – also auch zwei Wölfe. War das ein Fehler?

Ganz bestimmt nicht. Denn sonst würden wir ja wieder mit menschlichen Maßstäben ermessen, was wertvoll für uns ist und was nicht. Dieses Denken sollten wir überwunden haben. Denn die moderne Wissenschaft sagt uns, dass jeder Eingriff in die Natur das Gesamtgleichgewicht zerstört. Auch Wolfe sind wichtig für unser Ökosystem. Eigentlich sollten wir heute das Wissen und auch die Demut haben, zu verstehen, das alles, was auf der Erde kreucht und fleucht, Lebensrecht hat. Auch die Insekten.

.... die allerdings auch keine Schafe reißen?

Wir waren früher dankbar, wenn es im Sommer mal etwas weniger Mücken gab. Heute sind 80 Prozent der Insekten verschwunden, und wir merken, das ist auch ein Problem. Das gilt auch für andere Lebewesen, etwa im Boden. Natürlich ist diese Erkenntnis zuweilen unbequem. Und ich verstehe auch, wenn Menschen Sorge um ihre Schafe haben.

Halten Sie in den weiten Wäldern von Nord- und Osthessen die friedliche Koexistenz von Mensch und Wolf für möglich?

Ganz ohne Frage. Natürlich müssen Tierhalter besondere Schutzmaßnahmen ergreifen. Sie müssen dabei selbstverständlich unterstützt und auch entschädigt werden, wenn ihre Tiere doch gerissen werden. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Aber die Antwort darauf darf nicht sein: Der Wolf muss weg.

Sagen Sie das auch Ihren Nachbarn hier in Licherode, wo der Wolf ja schon Tiere gerissen hat?

Das sage ich jedem. Und wenn man es gut erklärt, sind meine Argumente, glaube ich, auch nachvollziehbar. Natürlich brauchen die Tierhalter Hilfe, auch die mit wenigen Schafen oder Ziegen: Finanzielle Hilfe und Bildung, um die Zusammenhänge zu verstehen. Aber eine erneute Vertreibung des Wolfs ist nicht die richtige Lösung.

Trotzdem schreiben Sie ihn ihrem Thesenpapier, dass sie den Abschuss von Wölfen „ethisch und moralisch“ für vertretbar halten, wenn sie regelmäßig Nutztiere töten. Ist das nicht ein Widerspruch?

Wenn ein Wolf ein Schaf frisst, dann ist das erst mal völlig normal, denn der Wolf ist ein Fleischfresser. Aber natürlich entsteht dem Besitzer des Schafs ein Schaden, finanzieller und emotionaler Art, und der muss ersetzt werden. Wölfe sind klug und lernen schnell. Wenn also ein Wolf immer wieder die Schutzzäune überwindet, dann kann man schon erwägen, ihn zu erlegen. Aber die Grundhaltung gegenüber unserer Biosphäre muss sich ändern. Man kann nicht alles, was dem Menschen im Weg ist, zerstören und sich dann wundern, dass das System wankt. Klima-, Umwelt- und Naturschutz ist letztlich auch Menschenschutz.

Wie könnte ein Kompromiss zwischen Mensch und Wolf aussehen?

Für einen Kompromiss ist es wichtig, den Menschen genug Wissen über den Wolf zu vermitteln. Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wenn jemand etwas weiß und die Zusammenhänge kennt, dann wird er achtsamer damit umgehen. Dabei darf man den einzelnen nicht allein lassen, schon gar nicht die Tierhalter. Aber man darf jedem Respekt und Achtung, Kreativität und Engagement bei der Findung dieser Kompromisse abverlangen.

Das alles kostet Geld.

Wenn wir weiterhin unsere Umwelt so behandeln, dass alles, was uns stört, weg muss, dann wird es sehr bald sehr viel teurer. Bis hin zur Unbezahlbarkeit, weil Dinge verloren gehen, die mit Geld nicht wieder zu beschaffen sind. „Hishuk‘ish tsawalk“ -– Alles ist eins, sagen die First Nations der kanadischen Westküste.

Nachhaltigkeit ist die Leitlinie

Das Umweltbildungszentrum Licherode, in dem kleinen Alheimer Ortsteil mit seinen 140 Einwohnern, besteht seit 25 Jahren. Hier bekommen Schulklassen und Jugendgruppen, aber auch Erwachsene, während ihres Aufenthaltes ein Begleitprogramm zu einem Thema der Umweltbildung. Wald, Wasser, Ernährung, Klima und vieles mehr: BNE – Bildung für nachhaltige Entwicklung ist die Leitlinie in Licherode. Daneben wird Mittagessen für Schulen und Kindergärten geliefert und das UBZ betreut, in Zusammenarbeit mit dem hessischen Kultusministerium, Umweltschulen und engagiert sich im Programm des Schuljahrs der Nachhaltigkeit. Weitere Infos unter https://umweltbildungszentrum-licherode.de/

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