Soldat war dreimal am Hindukusch

Interview mit Oberstabsfeldwebel aus Kathus über Afghanistan: „Es war nicht alles umsonst“

Im fliegenden Krankenhaus: Oberstabsfeldwebel Michael Barth aus Kathus an seinem Arbeitsplatz an Bord einer Med-Evac Transall der Bundeswehr, irgendwo im Luftraum über Afghanistan. Mit der fliegenden Klinik war Barth in fast allen Landesteilen im Einsatz.
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Im fliegenden Krankenhaus: Oberstabsfeldwebel Michael Barth aus Kathus an seinem Arbeitsplatz an Bord einer Med-Evac Transall der Bundeswehr, irgendwo im Luftraum über Afghanistan. Mit der fliegenden Klinik war Barth in fast allen Landesteilen im Einsatz.

Rund 100.000 deutsche Soldaten waren in den vergangenen 20 Jahren in Afghanistan im Einsatz. Einer von ihnen ist Michael Barth (49) aus dem Bad Hersfelder Ortsteil Kathus.

Kathus – Der Oberstabsfeldwebel war als Sanitätsfeldwebel und Rettungsassistent im Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr dreimal am Hindukusch. 16 Jahre lang war er in der Alheimer-Kaserne in Rotenburg stationiert. Über seine Eindrücke angesichts der Machtübernahme durch die Taliban sprach Michael Barth mit Kai A. Struthoff.

Herr Barth, was haben Sie in Afghanistan gemacht?
Ich war 2006, 2007 und 2010 jeweils für etwa drei Monate in Afghanistan. Bei den ersten beiden Einsätzen war unsere Operationsbasis noch in Termiz in Usbekistan, am Nordufer des Flusses Amudarja, der das Land von Afghanistan trennt. Dort war damals das Einsatzgeschwader stationiert, weil der Flughafen in Masar-i-Sharif noch nicht ausgebaut war. Von dort aus waren wir mit unserem MedEvac-Flugzeug vom Typ Transall C-160 im ganzen Land unterwegs, um Verletzte und Verwundete aufzunehmen, die nach ihrer medizinischen Erstversorgung vor Ort in andere Militärkrankenhäuser oder Versorgungseinrichtungen, etwa nach Deutschland, Italien oder andere Länder, ausgeflogen werden sollten.
Was haben Sie für Erinnerungen an Afghanistan?
Außerhalb des Bundeswehrlagers konnten wir uns damals nie richtig frei bewegen. Trotzdem waren wir mit unserer Transall, aber zum Teil auch mit Fahrzeugen unterwegs – zum Beispiel zu Krankenhäusern oder Rettungszentren unserer Partnernationen, um dort Patienten auf ihre Transportfähigkeit zu begutachten und abzuholen. Dabei haben wir natürlich auch zivile Einrichtungen sowie Land und Leute kennengelernt. Landschaftlich ist Afghanistan beeindruckend schön, speziell der Hindukusch.
Und die Menschen?
Auch der Kontakt zu den Menschen, vor allem zu den einheimischen Ortshelfern, wie etwa den Dolmetschern oder Reinigungskräften, war gut und durchaus kooperativ. Trotzdem hat man aber deutlich gemerkt, dass sie aus anderen über Jahrhunderte gewachsenen Bevölkerungsstrukturen stammen. Da kann man nicht einfach mit seiner westlichen Mentalität hinkommen und sagen: Freunde, wir bringen Euch jetzt mal Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Es heißt nicht umsonst, andere Länder, andere Sitten. Das muss man einfach anerkennen und respektieren. Will man es ändern, braucht man viel Zeit.
Lange wurde darüber diskutiert, ob die Bundeswehr in einem Kriegseinsatz war. Wie haben Sie das empfunden?
Anfangs war es eher ein Unterstützungs- und kein Kampfeinsatz. Ich habe das auch eher als Aufbaumission gesehen. Deshalb sind meine Erinnerungen an die ersten beiden Einsätze im Grunde auch eher positiv. Aber die negativen Eindrücke haben sich dann von Einsatz zu Einsatz gesteigert. Das belegen auch die Zahlen: Allein im Jahr 2010 kamen 710 Soldaten ums Leben, davon allein 498 Amerikaner. Die vielen Verwundeten, die zum Teil für ihr Leben gezeichnet sind, noch nicht mitgerechnet. Deswegen von Kampfeinsatz oder gar Krieg zu sprechen, halte ich persönlich durchaus für gerechtfertigt, denn die Einsatzkräfte haben es so empfunden.
Haben Sie Verständnis dafür, dass die Amerikaner angesichts dieser hohen Verluste raus wollten?
Ich kann verstehen, dass die Amerikaner einsatzmüde waren. Es waren aber ja auch noch viele andere ausländische Helfer im Land, die Polizisten ausgebildet, Brunnen gebohrt oder Schulen gebaut haben. Dass man einen Militäreinsatz irgendwann beenden muss, ist ganz klar. Deutschland und die europäischen Staaten sind bei solchen Entscheidungen allerdings stark von den USA abhängig. Allein können wir wenig bewirken. Auch jetzt würde die Evakuierung ohne die amerikanischen Soldaten nicht funktionieren.
Es heißt ja, man könne Afghanistan nicht mit fremden Mächten beherrschen?
Schon viele haben das versucht und sind daran gescheitert: die Briten, die Sowjets und auch jetzt die westliche militärische Allianz. Man hätte deshalb schon frühzeitig einen klareren Plan für die Zeit nach dem Ende des Militäreinsatzes entwickeln müssen. Das wurde anscheinend versäumt. Aber natürlich hat auch keiner damit rechnen können, dass die Taliban so schnell vorrücken und die Macht im Land übernehmen.
Es wird immer wieder beklagt, dass die Leistung der Bundeswehr in der Heimat nicht angemessen gewürdigt wird. Wie sehen Sie das?
Mir persönlich macht das nicht so viel aus, aber es fehlt schon an Wertschätzung, speziell auch seitens der deutschen Politik. Man sieht das jetzt auch an der Diskussion um den Großen Zapfenstreich für die Soldaten, die aus Afghanistan heimgekehrt sind. In anderen Nationen haben die Streitkräfte gesellschaftlich einen höheren Stellenwert. Aber auch privat wurde ich kaum nach meinen Einsätzen und meinen Erlebnissen in Afghanistan gefragt. Natürlich habe ich mit Freunden, die selbst bei der Bundeswehr sind oder waren, darüber geredet. Aber wir sprechen ja auch die gleiche Sprache.
Wenn Sie jetzt die aktuellen Bilder aus Afghanistan sehen: Was geht dann ihn Ihnen vor?
Das ist erschütternd! Die Bilder im Fernsehen machen mich nahezu sprachlos – mich erinnert das ein wenig an die Fernsehübertragung der Terroranschläge von 9/11. Damals war ich ebenfalls tief betroffen. Wenn man die aktuellen Bilder sieht und bedenkt, was die Bundeswehr dort 20 Jahre lang im Auftrag des Parlaments geleistet hat: Kameraden sind gestorben oder verwundet worden, Ehen und Familien sind darüber kaputt gegangen, manche sind bis heute traumatisiert. All diese persönlichen Schicksale – und jetzt scheint alles für die Katz gewesen zu sein.
Ist es das tatsächlich?
Ich glaube, es ist nicht alles ganz umsonst gewesen. Die Bevölkerung hat immerhin 20 Jahre eine gewisse Entwicklung erfahren und auch Bildung erhalten – vor allem für Frauen und Mädchen. Das werden auch die Taliban nicht ganz zurückdrehen können, allein schon aus Eigeninteresse. In diesen 20 Jahren wurde vieles aufgebaut und geschafft. Aber was von diesen positiven Errungenschaften am Ende übrig bleiben wird, wird erst die Zeit zeigen.
Was bedeutet die Erfahrung in Afghanistan für andere Auslandseinsätze der Bundeswehr, etwa im westafrikanischen Mali?
Der Einsatz dort ist aktuell eigentlich noch gefährlicher als in Afghanistan. Deshalb stellt sich umso mehr die Frage, wie es dort zukünftig weitergehen soll. Denn die Situation ist ähnlich: Wir bilden Militär aus und bauen Strukturen auf. Aber irgendwann muss man den Staffelstab an die Einheimischen übergeben und gehen. Das hat in Afghanistan leider überhaupt nicht funktioniert. Hoffentlich werden die richtigen Lehren aus diesen Erfahrungen gezogen.
Michael Barth

Zur Person

Michael Barth (49) wurde in Bad Hersfeld geboren. Nach der Mittleren Reife am Obersberg hat er dort die höhere Handelsschule besucht und danach bei der AOK eine Ausbildung absolviert und gearbeitet. Seit 1992 ist Michael Barth im Sanitätsdienst der Bundeswehr tätig und fachlich ausgebildeter Notfallsanitäter. Barth war allein 16 Jahre in Rotenburg stationiert, er diente aber auch in Hessisch Lichtenau, Fritzlar und ist seit 2015 in Hammelburg. Er ist verheiratet und hat einen 21-jährigen Sohn und 17-jährige Zwillingstöchter. Michael Barth ist seit 2011 Ortsvorsteher im Stadtteil Kathus und sitzt seit 2016 für die FWG im Stadtparlament von Bad Hersfeld.

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