Montagsinterview über HIV-Infektionen

Adelheid Merle vom Gesundheitsamt: „Soziales Aids ist ein Problem“

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Pieks in den Finger: Bei einem HIV-Antikörper-Test, wie der Aidstest korrekt heißt, wird das Blut auf Antikörper untersucht. Diese Antikörper werden nach einer Ansteckung vom Immunsystem produziert und zeigen so eine Infektion an. Sie lassen sich lebenslang im Blut nachweisen.

Anlässlich des Welt-Aids-Tages haben wir mit Adelheid Merle, Ärztin im Gesundheitsamt Hersfeld-Rotenburg, über die Gefahr des Virus gesprochen.

Die Entwicklung der Aids-Erkrankungen liest sich eigentlich erfreulich: Seit 1996 sind die HIV-Infektionen weltweit um fast die Hälfte zurückgegangen. Dennoch infizieren sich 1,7 Millionen Menschen pro Jahr mit dem Virus, das das Immunsystem schwächt. In Deutschland sind es jedes Jahr rund 2000 Menschen. Anlässlich des Welt-Aids-Tages (gestern) haben wir mit Adelheid Merle, Ärztin im Gesundheitsamt Hersfeld-Rotenburg, über die Gefahr des Virus gesprochen.

Frau Merle, um gleich mit einem Vorurteil aufzuräumen: Ist eine HIV-Infektion heute noch tödlich?

Das kommt darauf an, in welchem Teil der Erde Sie diese Infektion bekommen. Wenn Sie in Deutschland leben, ist es wahrscheinlich nicht mehr so. Bei uns ist eine HIV-Infektion inzwischen gut behandelbar – aber nicht heilbar. Wird die Infektion regelmäßig mit Medikamenten behandelt, können Betroffene ein normales Leben führen, auch wenn es natürlich immer auch zu Komplikationen bei dieser chronischen Erkrankung kommen kann. Wenn Sie jedoch in Afrika in der Subsahara-Region leben, führen eine HIV-Infektion und die oft begleitenden Mitinfektionen wie Tuberkulose unbehandelt immer noch zum Tod.

Woran liegt es, dass hierzulande Aids für viele Menschen immer noch ein Tabuthema ist und dass Infizierte immer noch stigmatisiert werden?

Das hat mit der Geschichte der HIV-Infektion zu tun. Anfang der 1980er Jahre kam diese Infektion hauptsächlich im Drogenmilieu und bei homosexuellen Männern vor. HIV und Aids wurden als Tabuthema betrachtet. Dabei gab es damals auch viele Übertragungen durch Blutkonserven. Tests waren ab 1985 möglich, dadurch konnten viele Übertragungen verhindert werden. Seit den 1990er Jahren verbesserte sich die Behandlung für HIV-Infizierte deutlich. Und damit auch das gesellschaftliche Verständnis dafür. Heute ist es zwar so, dass sich bei vielen Menschen das Verständnis von Sexualität verändert hat, der Umgang mit dem Thema offener und kein Tabuthema mehr ist. Trotzdem wird die Erkrankung leider manchmal immer noch mit den Anfängen der Aids-Epidemie assoziiert.

Was würden sie sich im gesellschaftlichen Umgang mit Aids wünschen?

Ich würde mir mehr Verständnis für Betroffene wünschen. Sie werden mit Medikamenten behandelt, sind dann nicht mehr ansteckend, gehen in vielen Fällen ganz normal arbeiten und führen ein ganz normales Leben. Leider werden Betroffene aufgrund ihrer Erkrankung aber immer noch sozial diskriminiert, wenn sie sich outen. Das sollte nicht sein. „Soziales Aids“ ist ein großes Problem für Menschen, die HIV-positiv sind. Deshalb steht der Welt-Aids-Tag auch unter dem Motto „Du hast HIV? Damit komme ich (nicht) klar. Streich die Vorteile“. Ein gutes und richtiges Motto.

Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass in Hessen rund 6300 Menschen mit HIV leben, fast 900 wissen nichts von ihrer Infektion. Wie kann das sein?

HIV hat eine relativ lange Latenzzeit, das heißt, zwischen Ansteckung mit dem Virus und Ausbruch der Erkrankung können bis zu zehn Jahre liegen. Es kommt also durchaus vor, dass sich Menschen infizieren, es aber gar nicht merken und so den Virus unwissentlich weiterverbreiten können. Die Krankheit Aids wird also eventuell erst Jahre später diagnostiziert.

Seit September haben Menschen, die kein HIV haben, aber als besonders gefährdet gelten, ein Anrecht auf Medikamente, um sich vorsorglich vor einer Ansteckung zu schützen. Wer ist besonders gefährdet?

Für wen die Krankenkassen diese sogenannte Prä-Expositions-Prophylaxe bezahlen, ist festgelegt. Die Medikamente sorgen dafür, dass das Infektionsrisiko sinkt. Behandelnde niedergelassene Ärzte können die Verordnung von Medikamenten für gefährdete Gruppen beantragen. Unter diese gefährdeten Gruppen fallen zum Beispiel Männer, die Sex mit Männern haben, Transgender-Personen, die ungeschützt Sex haben, Partner von HIV-infizierten Menschen, Drogenabhängige, die keine sterilen Spritzbestecke verwenden.

Einen Impfstoff gibt es noch nicht?

Bis jetzt leider nicht. Das HI-Virus hat die unangenehme Eigenschaft, dass es seine Oberflächenstruktur permanent ändert, deshalb ist es extrem schwierig, einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln.

Wo kann man sich im Landkreis auf eine HIV-Infektion testen lassen?

Zum Beispiel im Gesundheitsamt oder beim Hausarzt. Die Tests sind anonym. Ein Test kostet im Gesundheitsamt 19 Euro. Es gibt zwei Testarten, Blutabnahme mit Test im Labor oder einen Schnelltest. Wir beraten die Betroffenen umfänglich, welcher Test der geeignetere ist. Seit 2018 sind HIV-Schnelltests für zuhause übrigens auch in Apotheken erhältlich. Bei einem unklarem oder positivem Ergebnis sollte man auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen und sich dort weiter beraten lassen.

Eine Aufgabe des Gesundheitsamtes ist es, Menschen zu beraten. Haben Sie das Gefühl, dass Jugendliche heute sorgloser mit Aids umgehen, weil Aids für sie „so Achtzigerjahre“ ist?

Nein, im Gegenteil. Die Jugendlichen heute werden ganz anders aufgeklärt als noch vor 30 bis 35 Jahren. Sie haben einen ganz anderen Bezug zur Sexualität, wissen viel mehr über sexuell übertragbare Erkrankungen und sind, so zumindest mein Eindruck, viel umsichtiger und zum Glück auch selbstbewusster im Umgang mit ihrem Körper als frühere Generationen.

Wie wichtig ist Prävention dann heute noch?

Immer noch sehr wichtig. Nicht nur um HIV, sondern gerade auch um andere sexuell übertragbare Krankheiten wie Chlamydien, Syphilis und Hepatitis B zu vermeiden. Deshalb betonen wir bei unseren 150 bis 200 Aids-Beratungen pro Jahr und bei Aufklärungskampagnen in Schulen auch immer, wie wichtig es ist, sich und den Partner beim Geschlechtsverkehr zu schützen. Kondome schützen schließlich nicht nur vor einer ungewollten Schwangerschaft, sondern eben auch vor Aids und anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen.

Hintergrund: 38 Millionen Menschen leben weltweit mit HIV

Als Krankheit anerkannt ist Acquired Immune Deficiency Syndrome (Aids) seit 1981. Entdeckt wurde das HI-Virus, also der Aids-Erreger, im Jahr 1983 von den Virologen Luc Montagnier (Frankreich) und Robert Charles Gallo (USA). In der Anfangszeit war die Diagnose „HIV-positiv“ gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Die erste Zulassung für ein Medikament wurde in den USA 1987 erteilt. Inzwischen gibt es mehr als 20 Medikamente. In Deutschland lebten Ende 2018 rund 88 000 Menschen mit HIV, 71 400 nahmen laut Robert-Koch-Institut Medikamente. Bei 95 Prozent verläuft die Behandlung erfolgreich. Weltweit leben fast 38 Millionen Menschen mit HIV, 1,7 Millionen infizieren sich jedes Jahr neu, 770 000 Menschen sterben jährlich durch die Infektion. 

Zur Person

Adelheid Merle (58) ist Ärztin im Gesundheitsamt Hersfeld-Rotenburg. Nach dem Abitur in Bad Hersfeld hat sie Medizin in Göttingen, Heidelberg und in der Schweiz studiert. Sie ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Ludwigsau, wo sie auch aufgewachsen ist. ses

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