Interview mit der Leiterin des Gesundheitsamts

Adelheid Merle: „Sind bisher glimpflich davongekommen“

Hat Maske und Desinfektionsmittel immer griffbereit: Adelheid Merle, die Leiterin des Fachbereichs Gesundheit beim Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Foto: Nadine Maaz

Seit März kümmert sich das Gesundheitsamt des Kreises hauptsächlich um den Infektionsschutz. Wir sprachen mit Leiterin Adelheid Merle.

Das Coronavirus verlangt vielen Menschen nicht nur im Alltag einiges ab. Auch die Mitarbeiter des Fachdienstes Gesundheit beim Landkreis Hersfeld-Rotenburg haben seit Ausbruch der Pandemie alle Hände voll zu tun. Und trotz Unterstützung aus anderen Abteilungen müssen einige Aufgaben derzeit liegen bleiben. Wir haben mit Leiterin Adelheid Merle gesprochen.

Frau Merle, wie hat sich Ihr Arbeitsalltag seit Ausbruch der Corona-Pandemie verändert?

Seit dem 12. März, also seit die ersten Fälle im Landkreis bekannt wurden, ist das komplette Gesundheitsamt mit allen Mitarbeitern fast ausschließlich im Infektionsschutz tätig und alle arbeiten fleißig mit.

Die eigentliche Infektionsschutz- und Hygieneabteilung besteht nur aus einer Handvoll Leute, insgesamt arbeiten im Gesundheitsamt circa 20 Leute. Für bestimmte Aufgaben werden deshalb weitere Mitarbeiter aus anderen Behörden wie dem sozialpsychiatrischen Dienst, dem schulzahnärztlichen Dienst oder der Betreuungsbehörde eingesetzt. Zudem haben wir Unterstützung von einem „RKI-Scout“ bekommen, also einem Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts. Viel Hilfe haben wir zu Beginn der Pandemie, als auch das Bürgertelefon freigeschaltet wurde, außerdem vom übrigen Verwaltungsstab erhalten, der uns speziell in diesem Bereich unterstützt hat.

Über die Hotline erreichen uns immer noch etwa 100 Anrufe am Tag, von Privatleuten ebenso wie von Geschäftsleuten. Denn mit den Lockerungen sind neue Fragen aufgekommen. Viele Menschen sind unsicher, was sie dürfen und was nicht.

Welche Aufgaben müssen derzeit ruhen?

Pflichtaufgaben wie Hygiene- oder die routinemäßigen Trinkwasserkontrollen müssen natürlich weiterhin erfüllt werden, unabhängig von Corona. Fast alle anderen grundlegenden und amtsärztlichen Aufgaben ruhen allerdings seit Ausbruch der Pandemie oder können nur sehr eingeschränkt erfüllt werden. Dazu gehören zum Beispiel verschiedene Beratungen, Gutachten, die Untersuchungen für Lkw-Führerscheine und Verbeamtungen, die Bearbeitung von Kuranträgen beispielsweise von Lehrern, aber auch die Schuleingangsuntersuchungen, die unterbrochen werden mussten. Wir haben jedes Jahr etwa 1000 Schulanfänger. Für die Kinder, die noch nicht untersucht werden konnten, ist aktuell eine Reihenuntersuchung im Herbst angedacht, die dann in den Schulen stattfinden könnte.

Zuletzt wurden wieder vermehrt Infektionen gemeldet – droht jetzt schon die zweite Welle?

Das weiß wohl niemand und auch ich kann leider nicht hellsehen. Die Gesamtzahl der Infektionen in Deutschland hat im Vergleich zu Mitte März deutlich abgenommen. Mit Blick auf die Lockerungen und die Aufhebung der Reisewarnungen müssen wir nun die Entwicklung abwarten. Aus den einzelnen neuen Fällen im Landkreis lässt sich sicher keine zweite Welle ableiten. Die Fallzahlen hängen mitunter auch davon ab, wie die Labore arbeiten. So kann es passieren, dass sich Ergebnisse an einem Tag häufen, ohne dass wir einen Hotspot befürchten müssen.

Das ist ein gutes Stichwort. Über die Anzahl der tatsächlich Infizierten herrscht große Unsicherheit, da nicht jeder getestet wird. Wie aussagekräftig sind die gemeldeten Zahlen überhaupt?

Grundsätzlich muss auch nicht jeder getestet werden. Das gilt zum Beispiel für Kontaktpersonen in Quarantäne, die keine Symptome haben. Anfangs waren allerdings auch schlicht nicht genug Testkapazitäten vorhanden, inzwischen sind mehr Tests möglich und die Hausärzte sind mit Gesundheitsminister Jens Spahn und der Kassenärztlichen Vereinigung in der Diskussion. Wir haben nun mal kein Testzentrum hier und das Gesundheitsamt testet nicht selbst. Eine große Reihentestung gab es im Altenzentrum in Niederaula, wo auch asymptomische Personen überprüft wurden. Klar ist: Das Virus bleibt. Für die Zukunft müssen wir Lösungen finden.

Mit Blick auf Lockerungen und Beschränkungen spielt die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz eine entscheidende Rolle. Bei 50 Fällen je 100 000 Einwohner wäre mit neuen Einschränkungen zu rechnen. Im Kreis mit rund 121 000 Einwohnern liegt der kritische Wert bei 60. Wie sinnvoll ist ein solches „Zahlenspiel“?

Das ist eine schwierige Frage. Bei Covid-19 handelt es sich um eine neue Erkrankung. Wir versuchen nun, mithilfe von Statistik Erkenntnisse zu gewinnen. Für die Politik ist es wichtig zu wissen, wann die Infektionen so stark zunehmen, dass die Lockerungen wieder zurückgefahren werden müssen. Ob nun die 50 Fälle die goldene Lösung sind, weiß ich nicht. Es laufen dazu auch Gespräche, dass wir im Kreis wahrscheinlich schon früher reagieren würden und nicht erst bei 60 Fällen.

Warum ist Covid-19 gefährlicher als etwa die Grippe?

Das Coronavirus ist ein ganz neues Virus, wir kennen die Krankheit noch nicht und lernen jeden Tag dazu. Allein deshalb ist Covid-19 gefährlicher als eine Erkrankung, die wir kennen, wie die Grippe, mit der wir es seit Hunderten von Jahren zu tun haben. Zumal es noch keine Impfung und keine Medikamente gibt. Man sollte das Thema deshalb nicht herunterspielen. Für eine abschließende Bewertung ist es jetzt noch viel zu früh.

Auch hier im Landkreis gab es Fälle, in denen jüngere Menschen ohne bekannte Vorerkrankungen stationär behandelt werden mussten, weil das Krankheitsbild entsprechend ernst war. Jeder kann sich anstecken und jeder kann krank werden.

Nicht überall halten sich alle an die häusliche Quarantäne. Wie kontrollieren Sie die Einhaltung, welche Konsequenzen drohen?

Wer in Quarantäne ist, wird täglich von uns angerufen, und im Zweifelsfall hat bisher ein ernsthaftes Gespräch geholfen. Quarantäneverweigerer hatten wir bisher nicht. Die Betroffenen arbeiten gut mit und verstehen, worum es bei der Isolierung geht. Im Extremfall würden Verweigerer unter Bewachung gestellt oder in eine geschlossene Einrichtung nach Frankfurt verlegt. Ein Bußgeld hilft im Sinne des Infektionsschutzes hier nicht weiter.

Immer lauter werden diejenigen, die das Ganze für Panikmache oder gar eine bewusste Inszenierung halten. Was entgegnen Sie solchen Stimmen?

Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung, und die darf man auch äußern. Im Vergleich mit anderen Ländern sind wir bis heute glimpflich davongekommen. Umso schwieriger ist es, klarzumachen, dass es auch schwere Verläufe und Todesfälle geben kann.

ZUR PERSON

Adelheid Merle (59 Jahre) stammt aus dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg und lebt in Friedlos. Nach dem Abitur am Obersberg hat sie in Göttingen und Heidelberg Medizin studiert. Unter anderem war sie anschließend am Herz-Kreislauf-Zentrum (HKZ) beschäftigt. Bereits von 2010 bis 2016 war sie beim Landkreis tätig, seit April 2019 ist sie zurück im hiesigen Gesundheitsamt. Parallel zum Beruf absolvierte sie die Weiterbildung zur Fachärztin für öffentliches Gesundheitswesen. Seit März dieses Jahres hat sie die Leitung des Fachbereichs Gesundheit inne. Merle ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. In ihrer Freizeit reist sie gern und viel, was derzeit natürlich nicht möglich ist.

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