Neuenstein

Acht Gänge vor und vier zurück: Heinrich Becker ist stolz auf seinen seltenen Oldie-Schlepper

Hunderte Stunden haben sie gemeinsam verbracht: Heinrich Becker (69) aus Neuenstein hat seinen geliebten roten Schlepper von Grund auf restauriert. Jetzt fehlt nur noch der TÜV und der Schlüter rollt wieder auf die Straße und – wenn sie denn stattfinden – zu den Schlüter-Treffen in der Region.
+
Hunderte Stunden haben sie gemeinsam verbracht: Heinrich Becker (69) aus Neuenstein hat seinen geliebten roten Schlepper von Grund auf restauriert. Jetzt fehlt nur noch der TÜV und der Schlüter rollt wieder auf die Straße und – wenn sie denn stattfinden – zu den Schlüter-Treffen in der Region.

Ein echtes Schätzchen hat Heinrich Becker aus Neuenstein da: Einen Schlüter-Diesel-Schlepper S 350 V von 1965.

Neuenstein – Das S in der Modellbezeichnung steht für Schlüter, die 350 weist auf die 35 Pferdestärken hin und das V steht für Vierrad. Nur 1700 Stück gibt es von dem Modell – ganz wenige davon haben einen Allradantrieb. Darauf ist der 69-Jährige besonders stolz. 1991 oder 1992 – ganz genau weiß er es nicht mehr – hat Becker den Schlepper für 4500 D-Mark gekauft, um damit in den Wald zu fahren und Holz zu machen. Inzwischen ist er schon etwa zehn Jahre nicht mehr in Gebrauch. Anfang des vergangenen Jahres hat Becker dann begonnen, seinen Schlüter zu restaurieren. In seiner Garage in Neuenstein hat er sich ein Feuerchen angemacht und das Radio laut aufgedreht. So hat er mehrere hundert Stunden verbracht, sagt er.

Allein das Abschleifen des alten Lacks hat mehrere Wochen gedauert. Das war eine Arbeit, die dem Rentner nicht so viel Spaß gemacht und ihn viel Schweiß gekostet hat. Sprüche wie „Du bist ja immer noch nicht weiter“ von gelegentlichen Besuchern haben ihren Teil dazu beigetragen. Aber es hat sich gelohnt: Der Schlepper sieht jetzt wieder aus wie neu. Seinen Wert schätzt Becker auf 12 000 bis 15 000 Euro. Spaß hat ihm das Restaurieren trotzdem gemacht, vor allem der Wiederaufbau, nachdem er den Schlüter bis auf den Motor und das Getriebe komplett in seine Einzelteile zerlegt hatte, war eine schöne Arbeit. „Es war ein Späßchen“, sagt Heinrich Becker.

Zuerst wurde der Schlepper in einen technisch einwandfreien Zustand gebracht: Die Elektronik hat Becker mit seinem Sohn Mathias komplett neu gemacht. Danach wurden einige Löcher abgedichtet, aus denen Öl ausgetreten war. Alles, was nicht mehr zu beschaffen war, wurde aufgearbeitet. Einiges musste geschweißt und gespachtelt werden, wie die Verkleidung und die hinteren Kotflügel, und manches musste Becker auch selbst anfertigen, zum Beispiel die Dämpfergummis des Sitzes.

Erstrahlt in neuem Glanz: Bei der Restauration seines Schlüter-Schleppers hatte Heinrich Becker immer das Original vor Augen. Angefangen bei den modelltypischen Farben über die Ersatzteile bis zum Sitz. Er hat keine Kosten und Mühe gescheut, um den Originalzustand wiederherzustellen.

Der Sitz selbst ist der originale von 1965. Alleine, um ihn wiederherzustellen, sind laut Becker schon etwa 20 Stunden draufgegangen. Ein Bekannter seines Sohnes hat ihn dann neu aufgepolstert und mit Kunstleder bezogen. „Der Sitz ist ein echter Hingucker“, sagt Becker stolz. Ein neuer Sitz hätte vom Stil einfach nicht zum Schlepper gepasst, findet er. Der 69-Jährige ist bei der ganzen Restauration dem Original treu geblieben und hat mit viel Fleiß im Internet Originalteile zusammengesucht, und den Schlepper, nachdem der Vorbesitzer halbherzig alles rot eingefärbt hatte, in den exakten Farben lackiert. Die konnte er in einer offiziellen Tabelle nachlesen: Rot und Silber als Grundfarben, grau-schwarze Akzente und die Felgen in einem Mix aus Gelb und Beige.

Demnächst will Becker das Liebhaberstück wieder anmelden und damit zu Schlüter-Treffen fahren. Als Mitglied im Oldtimer-Traktoren-Verein ist er immer dabei, wenn irgendwo etwas los ist. Auch mit seinen kleinen Enkelinnen will er ein paar Spritztouren machen. Die sind schwer begeistert und wollen gar nicht mehr runter von der kleinen Holzbank auf dem Schlüter. Zum Arbeiten wird der Schlepper nicht mehr benutzt – er ist nur noch ein „Schönwetter-Schlepper“, wie Heinrich Becker ihn nennt.

Erstrahlt in neuem Glanz: Bei der Restauration seines Schlüter-Schleppers hatte Heinrich Becker immer das Original vor Augen. Angefangen bei den modelltypischen Farben über die Ersatzteile bis zum Sitz. Er hat keine Kosten und Mühe gescheut, um den Originalzustand wiederherzustellen.

Bei Schleppern wird die Laufleistung nicht in Kilometern, sondern in Betriebsstunden angegeben. 12 812 Stunden ist Beckers Schlüter gelaufen. Was für den Schlepper-Laien auch interessant ist: Das ZF-Getriebe hat 8/4 Gänge – acht Vorwärts- und vier Rückwärtsgänge. In den meisten Fällen orgeln alte Dieselmotoren erst einmal ziemlich lange, bis sie dann endlich anspringen. Das bedeutet, dass der Anlasser beim Drehen des Zündschlüssels arbeitet, der Motor aber nicht anspringt. Der wassergekühlte Drei-Zylinder von Heinrich Becker reagiert hingegen auf Knopfdruck und schnurrt wie am ersten Tag, trotz des langen Stehens.

Die Liebe zu seinem Schätzchen ist bei Becker während der Restauration noch mehr gewachsen. Seine Garage wurde dabei auch gerne einmal zum Treffpunkt für Freunde und Nachbarn. Heinrich Becker ist stolz auf seinen Schlüter. Er freut sich, wenn Corona vorbei ist und endlich wieder Treffen stattfinden, auf denen er sein Prachtstück dann präsentieren kann. (Lea-Sophie Mollus)

Heinrich Becker aus Neuenstein ist stolz auf seinen Schlüter Schlepper S 350 V

Ein roter Schlüter-Diesel-Schlepper S 350 V von 1965
Ein roter Schlüter-Diesel-Schlepper S 350 V von 1965
Ein roter Schlüter-Diesel-Schlepper S 350 V von 1965
Ein roter Schlüter-Diesel-Schlepper S 350 V von 1965
Heinrich Becker aus Neuenstein ist stolz auf seinen Schlüter Schlepper S 350 V

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare