Ausbau für Nah- oder Fernverkehr?

55 oder 76 Zentimeter: Irritationen um geplante Bahnsteighöhe in Bad Hersfeld

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40 Zentimeter obendrauf: Die geplante Anhebung des Hausbahnsteigs 1 im Bahnhof Bad Hersfeld auf das Niveau für Fernverkehrszüge – angedeutet durch die Höhe des Zollstocks – könnte eine Reihe von Problemen nach sich ziehen. Ohnehin fahren hier aktuell nur die niedrigeren Cantus-Bahnen des Nahverkehrs.

Bad Hersfeld - Die Deutsche Bahn beabsichtigt im Bahnhof Bad Hersfeld den barrierefreien Ausbau des Bahnsteigs 1 für rund eine Million Euro. Noch offen ist die Bahnsteighöhe. 

Die Deutsche Bahn beabsichtigt im Bahnhof Bad Hersfeld den barrierefreien Ausbau des Bahnsteigs 1 (Hausbahnsteig) für rund eine Million Euro. Dies hat Staatsminister Michael Roth (SPD) in Erfahrung gebracht.

Noch offen ist dabei nach Auskunft der Deutschen Bahn, ob der bisher bei 38 Zentimeter ab Schienenoberkante liegende Bahnsteig auf 55 oder auf 76 Zentimeter angehoben – und damit entweder auf die Nahverkehrszüge der Cantus-Bahnen oder auf den Fernverkehr mit IC und ICE ausgelegt wird. „Wir führen mit allen Beteiligten Gespräche und suchen nach einer Lösung für alle“, versicherte Bahn-Sprecher Thomas Bischoff auf Anfrage unserer Zeitung. Denn aktuell wird der Bahnsteig 1 ausschließlich von der Cantus-Linie RB7 nach Göttingen genutzt. Der Fernverkehr fährt ausnahmslos über die Gleise 2 und 3.

Die Planung für den Ausbau soll laut Bischoff bereits in den nächsten Wochen beginnen, die konkrete Baumaßnahme jedoch erst 2024 folgen.

Das bundesweite Bahnsteighöhenkonzept sorgt nicht nur in Bad Hersfeld für Irritationen. Zuletzt war in Bebra Kritik am Ausbau der Bahnsteige auf 76 Zentimeter laut geworden, weil bis auf zwei Fernzüge nur noch Cantus-Bahnen in der Eisenbahnerstadt halten.

Sabine Herms, Pressesprecherin des Nordhessischen Verkehrsverbundes (NVV), plädiert deshalb auch in Bad Hersfeld für die 55er Höhe und argumentiert, dass es um die Barrierefreiheit für ein ganzes Nahverkehrsnetz gehe. Letztlich entscheide aber die Bahn.

Thomas Bischoff versicherte, dass die Bedenken Gegenstand der bevorstehenden Gespräche seien. Schließlich solle der Ausbau „sinnvoll sein.“  

Abweichungen sind zulässig

Das bei der Deutschen Bahn verbindlich eingeführte Bahnsteighöhenkonzept soll Planungssicherheit schaffen und die Barrierefreiheit verbessern. Nach dem europäischen Eisenbahnbaurecht sind bei Bahnsteigneu- und -umbauten die zwei Regel-Bahnsteighöhen 76 und 55 Zentimeter zugelassen. In Deutschland ist eine Regelhöhe von 76 Zentimetern vorgesehen. Begründete Abweichungen sind jedoch zulässig und im Bahnsteighöhenkonzept festgelegt. Das Höhenkonzept – gemessen wird ab Schienenoberkante – ist Basis bei grundlegenden Erneuerungen von Bahnhöfen und Haltepunkten im Rahmen des laufenden Bahnhofsmodernisierungsprogramms. Der niveaugleiche Einstieg für Fahrgäste dient auch den Zielen des Behindertengleichstellungsgesetzes, das eine selbständige Nutzung der Bahn vorsieht.

170 Meter Länge und ein Wartehaus

Auch die Stadt Bad Hersfeld geht davon aus, dass sie in die Planungen der Deutschen Bahn für den Ausbau des Bahnsteigs 1 einezogen wird. Aktuell sei von dem angekündigten Vorhaben im Rathaus und in der Bauverwaltung nichts bekannt, erklärte Stadt-Pressesprecher Meik Ebert auf Anfrage. Überhaupt ist die Baumaßnahme erst durch eine Anfrage des örtlichen Bundestagsabgeordneten, Staatsminister Michael Roth (SPD) bekannt geworden. Der hatte sich nach der Freigabe der Fördermittel von 1,05 Millionen Euro durch den Haushaltsausschuss des Bundestages im Rahmen des Programms „Barrierefreiheit an kleinen Stationen“ über den geplanten Umbau infoprmiert. Demnach soll der Hausbahnsteigt auf 170 Meter verlängert und (vorläufig) auf 76 Zentimeter erhöht werden. Darüber hinaus werden der Treppenaufgang und alle weiteren Zugänge einschlie0ßlich des vorhandenen Aufzugs angepasst. Ein Wetterschutzhaus soll es geben und eine neue Beleuchtung. Derzeit befindet sich das Projekt in der Ausschrei8bung der Planungsleistung, die mit 170.000 Euro für die Jahre 2019 bis 2021 veranschlagt ist. In die Planungen sollen alle Beteiligten wie etwa der Nordhessische Verkehrsverbund als Betreiber der Cantus-Bahnen, die Stadt Bad Hersfeld und der Eigentümer des Bahnhofsgebäudes einbezogen werden. Die Kosten für die bauliche Realisierung schätzt die Bahn auf 1,05 Millionen Euro. Der Baubeginn ist erst für 2024 vorgesehen. Unabhängig davon wird der Bahnhof Bad Hersfeld mit Blick auf den Hessentag im Juni kleinere Verbesserungen erfahren. Avisiert wurden von der Deutschen Bahn neue Multifunktionsanzeigen für die beiden Bahnsteige des Fernverehrs an den Gleisen 2 und 3. Dort halten die Züge der ICE-Linien Dresden-Wiesbaden und umgekehrt. Bisher sind dort nur die schlichten Fahrgastinformationsanzeigen installiert, die lediglich die Uhrzeit und Verspätungen melden. (ks) 

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