Geburtstagsfeier und Konzert

40 Jahre Buchcafé: Etablierte Weltenretter

Die Chronik zum Geburtstag: Ereignisreiche 40 Jahre Buchcafé sin d auf diesen Collagen zu sehen, gehalten von einigen der unentwegten Helferinnen und Helfer. Mehr Fotos auf HZ Online. Fotos: Steffen Sennewald

Festlich, pointiert, musikalisch: Das Buchcafé feierte als Verein für Kultur und Kommunikation den 40. Geburtstag mit Gästen, Förderern und Mitgliedern.

Jörg Bennedik begrüßte für den Vorstand und bedankte sich für finanzielle Unterstützungen seitens der Stadt, des Kreises und des Landes sowie von Sparkasse, VR-Bankverein und privaten Förderern. Besonders würdigte er den Einsatz der aktuell zweihundertsechsunddreißig Mitglieder und von Freunden, die mit ihren Beiträgen und ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten das Buchcafé tragen.

40 Jahre Buchcafé: Geburtstagsparty mit Konzert

Landrat Dr. Michael Koch stellte die überregionale Wirkkraft und das „tolle Ganzjahresangebot bei einem vergleichsweise kleinem Budget“ heraus. Die Festbetragsförderung des Kreises sei gut angelegt. Er hatte einen Scheck dabei. Der Buchcafé-Chor leitete zur Festrede von Monika Schmidt über.

Eigentlich habe man vor vierzig Jahren „nur die Welt retten und einer Kultur auf die Bühne verhelfen wollen, die näher am Publikum und der Gesellschaft ist“. Das sei damals in der Provinz doch ziemlich mutig gewesen. Gegen Atomkraft, für Frieden, gegen Diskriminierung und für eine freie weltoffene Kultur - das stieß in Bad Hersfeld auf Skepsis. Heute sei das Buchcafé als Soziokulturelles Zentrum anerkannt und noch vorhandene Vorbehalte würden ausgehalten.

Nicht auszuhalten seien hingegen rechtsgerichtete Bestrebungen, den Kulturbegriff „deutsche Leitkultur“ á la AfD zu reduzieren, wie es in Dresden mit dem Europäischen Zentrum der Künste im Festspielhaus Hellerau durch Streichung der Förderung und Abwicklung betrieben werde.

Sie zeigte auf, wo Ansätze gegen „die braune und blaue Dezimierung der Kultur“ liegen könnten und zitierte dazu die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Angela Dorn: „Was wäre Goethe ohne persische Einflüsse?“ und „Soziokultur ist deutsches Kulturgut!“. Monika Schmidt sei auch ein Fan der Eintracht Frankfurt geworden, aber nicht wegen des Sieges gegen Bayern München am Samstag, sondern vielmehr wegen der Satzung des Fußballvereins, die die Integration von Migranten zum Ziel erklärt und Rassismus als Ausschlußgrund definiert.

Und: Jugendliche hätten eine Bewegung für den Erhalt des Planeten in Gang gesetzt, die es als „realen Heimatschutz“ zu unterstützen gelte. Schließlich verwies sie auf das halb volle Glas, welches anzeige, dass etwa achtzig Prozent „Nicht-Rechts-Wähler“ in Deutschland leben.

Die Buchcafé-Combo „Instant“ leitete mitreißend über zu lockeren Interviews. Geschäftsführerin Mercedes Thiel fragte Magistratsrat Dr. Rolf Göbel als Vertreter der Stadt, wo er das Buchcafé in zehn Jahren sieht. Er machte klar, dass er es dann immer noch als lebendige, unverzichtbare Einrichtung und wertvoll nicht nur allein für die Kulturszene ausmacht. Göbel überreichte ebenfalls einen Scheck.

Urgesteine des Buchcafés waren Sabine Kurz, geborene Koch, und Ulli Schröter im Interview. Sie erzählten von den verrückten Anfängen, wie sie erste Treffen mit Sinti und Roma und Türken organisierten, um Berührungsängste abzubauen.

Christel Zimmermann von der Veranstaltungsgruppe bilanzierte positiv, dass für 2020 das Veranstaltungsbuch schon vollgefüllt ist und erste Bleistiftideen für 2021 notiert seien. Margarete Horstmann vom Thekendienstteam beantwortete voller Leidenschaft das „Was und Warum?“ ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit im Buchcafé, die sie jung und fit hält.

Als letzter Interviewgast wurde Markus Pfromm als Vertreter des Stadtmarketingvereins und Geschäftsführer der Hersfelder Zeitung befragt. Seine Einschätzung „Die Stadt wird urban durch das Buchcafé“ führte spontan zu Applaus. Er wünschte sich vom Buchcafé, sich neben den Veranstaltungen wieder stärker politisch erkennbar in der Stadt und der Region zu machen, um die oft unterentwickelte Debattenkultur zu bereichern. Pfromm erinnerte an den früheren HZ-Geschäftsführer Hans-Friedrich Otto, der über die Standortunterstützung an der Badestube hinaus das Buchcafé gefördert habe. Ähnlich, wie heute Heiner Bohn mehr als nur Vermieter ist.

Zuletzt stellten Vereinsmitglieder die elf Kapitel der Buchcafé-Chronik in Form von großen Tafeln vor. Die Chronik, gestaltet von Heike Volkert, ist ab sofort für nur zwei Euro im Büro des Buchcafés zu erwerben.

Der Rest war freundschaftliche Austausch auf hohem Niveau.

Vom Buchcafé zum Brandenburger Tor

Damit war der Abend aber noch lange nicht zu Ende, denn die Dresdner Band „Banda Internationale“ war angesagt. Ein Konzert der Superlative diesmal in der Besetzung mit zehn Künstlern mit Musik aus dem Balkan und Osteuropa sowie Nordafrika und Lateinamerika. Mit einem von Anfang an urbanen Klang eines fantastischen Bläsersatzes und Sousaphons, Percussion, Schlagzeug und Gitarre zogen die Musiker die Zuhörer in ihren Bann und rissen sie später auch von ihren Stühlen. Melodisch und kraftvoll, zu Tränen rührend und laut tobend spielten sie sich die Seele vom Leib. Die „Banda Internationale“ hatte sich 2001 in Dresden gegen Naziaufmärsche und aufkommende Pegidademonstrationen gegründet. Zuerst in rein deutscher Besetzung, wurde ab 2015 immer mehr nach geflüchteten Musikern, die heute aus Syrien, Iran, Irak, Palästina und Burkina Faso stammen, gesucht. „Banda Internationale“ fährt vom Konzert im Buchcafé aus nach Berlin, um da am 9. November 2019 am Brandenburger Tor zum 30-Jahre-Mauerfall-Konzert unter anderem mit Anna Loos, Zugezogen Maskulin und Die Zöllner zu musizieren. Im Buchcafé wurden sie auf alle Fälle schon einmal begeistert gefeiert und mit viel Beifall überschüttet.

Von Steffen Sennewald

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