Thomas Frankenbach: Zum einen merken sie, dass Sport ihnen hilft, gesund zu bleiben und aus eigener Sicht besser auszusehen. Sport wirkt aber auch auf die Seele. Er kann als Stresslöser nach einem harten Arbeitstag wirken, Aggressionen abbauen und inneren Ausgleich bringen.
Im immer anspruchsvolleren beruflichen Alltag wird der Ausgleich immer wichtiger. Welche Sportart empfehlen Sie?
Frankenbach: Den Ausdauersport. Er ist wegen seiner Monotonie besonders wirkungsvoll für viele Menschen. Denn wiederholende Bewegungsmuster helfen gut, um psychisch ins Gleichgewicht zu kommen. Die Wirkung der Monotonie in der Bewegung ist aus vielen Kulturen bekannt, vor allem im religiösen Bereich. Denken Sie unter anderem ans Beten des Rosenkranzes, an die Gebetsmühle, ans Mantren-Singen oder auch ans Pilgern.
Aber zuviel Sport kann wiederum auch Stress auslösen, oder?
Frankenbach: Es kommt auf die richtige Dosierung an. Wer regelmäßig Sport treibt, setzt sich zuerst einmal auch sinnbildlich in Bewegung. Der Aufwand dabei ist individuell verschieden. Aber manche übertreiben, richten manchmal sogar ihr komplettes Leben nach dem Sport aus. In der Tat ersetzt der Körperkult dann schon zum Teil die Religion, wie auch die sprachliche Definition zum Ausdruck bringt. Wir reden dann von Fitness- Tempeln, dem Ernährungsguru oder aber dem Laufpapst.
Kann man über die Sportart Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ziehen?
Frankenbach: Ja, auch wenn es uns manchmal nicht so vorkommt: Unser Wesen und unbewusste Sehnsüchte drücken sich auch in den Sportarten aus, die wir betreiben. Der Psychoanalytiker Siegmund Freud vertrat die Meinung, dass wir, wenn es gut läuft, unsere Triebwünsche in positive, gesellschaftlich anerkannte Formen umlenken. Zur besseren Erklärung: Wer gerne schneidet, sollte besser Chirurg als ein Jack The Ripper werden.
Können Sie uns bitte einige praktische Beispiele nennen?
Frankenbach: Wer Ausdauersportarten wie Laufen oder Radfahren ausübt, begeht ein Arbeitsritual. Man ist zäh, ausdauernd und belastbar, läuft unter Umständen aber auch im Hamsterrad. Das ist sehr oft symbolisch weil man womöglich auch im Leben immer die gleichen Runden dreht. Auch der Fitness- und Kraftsport kann eine Botschaft vermitteln. Auf der einen Seite ist es Arbeit an der eigenen Stärke und zeigt die Bereitschaft, Widerstände zu überwinden. Andererseits will hier aber vielleicht auch jemand nur vermehrt im Mittelpunkt stehen oder gebraucht seine Muskeln sinnbildlich als Schutzpanzer.
Wie sieht es im Vergleich dazu mit sogenannten Fun-Sportarten aus?
Frankenbach: Ekstase- und Funsportler wie Surfer, Snowboarder oder Paraglider stehen völlig im Gegensatz dazu. Sie nutzen die Elemente, nehmen die Welle und lassen sich treiben. Leichtigkeit, Lässigkeit, ein fließendes Lebensgefühl sind hier sehr oft charakteristisch. Die Kehrseite der Medaille: Wie steht es bei ihnen um den Eigenantrieb?
Sind Schwimmer im wahren Leben vielleicht auch stumm wie Fische?
Frankenbach: Sicher sollten wir uns vor Klischees hüten. Angesichts der eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten beim Schwimmen könnte man aber schon die Frage stellen, ob Schwimmer gern abtauchen und die Stille suchen.
Und was ist mit Mannschaftssportarten wie zum Beispiel Fußball?
Frankenbach: Denken Sie zurück an die Fußball-WM 2002, als Michael Ballack im Halbfinale gegen Südkorea ein taktisches Foul beging, um Deutschland den Finaleinzug zu ermöglichen. Ballack war klar, dass dadurch das Endspiel ohne ihn stattfinden würde. Er hat es dennoch getan. Teamsport fasziniert uns nicht zuletzt deshalb, weil er von Teamdynamik lebt. Davon, dass manche fürs Team Opfer bringen, manche führen und andere folgen. Oft drückt unser Interesse an Teamsport auch unsere Sehnsucht nach Gruppenzugehörigkeit aus. Vermutlich ist es nicht zuletzt auch das, was die Menschen in unserer Individualgesellschaft zum Public Viewing und in die Stadien treibt.
Von Michael W.Rimkus



























