Wie wollen wir leben?

Studie: Deutsche brechen mit alten Werten

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Laut einer aktuellen Studie hat für fast 60 Prozent der Deutschen eine Heirat als Ausdruck von Liebe einen sehr hohen Stellenwert.

Berlin - Zusammenbleiben, nur wegen der Kinder? Und arbeiten, bloß um Karriere zu machen? Die Deutschen werfen manche Vorstellungen über den Haufen - und sind bereit für Veränderungen.

Das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) befragten dafür im Auftrag der Wochenzeitung "Die Zeit" mehr als 3000 Menschen in Deutschland. Erste Auszüge wurden nun in Berlin vorgestellt. Einige Werte, die auf dem Prüfstand stehen:

Partnerschaft: Liebe ja, aber nicht unbedingt mit dauerhafter Bindung - so sehen die Deutschen die Zukunft. "Interessanterweise sind heute auch die über 65-Jährigen der Ansicht, dass es besser ist, sich zu trennen, wenn man sich nicht mehr versteht", sagt WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger. "Allein der Kinder wegen will und wird in Zukunft kaum noch jemand mit seinem Partner zusammenbleiben."

Immerhin: Eine Heirat als besonderer Ausdruck der Liebe hat für fast 60 Prozent derzeit dennoch eine sehr hohe Bedeutung. Nur jeder Zweite würde das allerdings auch uneingeschränkt nachfolgenden Generationen empfehlen - und nur 26 Prozent messen dem auch in der Zukunft einen sehr hohen Stellenwert bei. Eine Studie des Instituts Forsa ergab dabei kürzlich, dass sich die Mehrheit der jungen Deutschen Kinder wünscht - die wenigsten aber in jungen Jahren Nachwuchs bekommen.

Religion: "Die Religion hat einen so niedrigen Stellenwert, dass sie als Band zwischen den Menschen nicht mehr viel leisten kann", heißt es in der Zusammenfassung der Ergebnisse. Demnach schätzt nicht einmal jeder Dritte ihren Stellenwert hoch ein - und nur noch 11,5 Prozent schreiben Religion auch in der Zukunft eine große Bedeutung zu. Bei einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sagten allerdings 42 Prozent, dass es ohne Religion um die Moral in der Welt schlechter bestellt wäre.

Beruf: Berufstätigkeit hat für viele nicht unbedingt etwas mit Karriere und sozialem Aufstieg zu tun. Demnach gibt fast jeder Zweite an, auch dann arbeiten zu wollen, wenn er das Geld gar nicht brauche. "Früher mag im Berufsleben das materielle Motiv im Vordergrund gestanden haben", sagt die WZB-Präsidentin. "Heute erfüllt die Arbeit auch einen immateriellen Zweck." Nach dem Empfinden der Deutschen gehöre sie zu einem erfüllten Leben dazu.

Ein sicherer Job ist der kürzlich veröffentlichten Shell Jugendstudie zufolge zudem fast allen 12- bis 25-Jährigen (95 Prozent) wichtig oder sehr wichtig. Karriere ist eher zweitrangig: Weniger als die Hälfte (47 Prozent) hält Überstunden für nötig, um "etwas zu werden".

Ernährung: Das Thema Nahrung und ihre Herstellung hat für viele Deutsche inzwischen einen hohen Stellenwert. Fast 44 Prozent der Befragten geben an, sehr darauf zu schauen, wo und wie ihre Nahrungsmittel hergestellt werden. 74 Prozent würden das auch dringend nachfolgenden Generationen empfehlen. Wunsch und erwartete Wirklichkeit klaffen aber auseinander: Nur etwa 22 Prozent glauben, dass nachfolgende Generationen tatsächlich sehr darauf achten werden.

Technik: Die Bereitschaft zu Veränderung zeigt sich vor allem beim Thema Technik. "Hier scheint die Zukunft klar und eindeutig", erklären die Studienmacher. "Ein größeres Verständnis für und einen verstärkten Einsatz von Technik sehen alle in der Zukunft." Für jeden Zweiten ist es von großer Bedeutung, die neuste Technik zu verstehen. Mehr als 73 Prozent ist es wichtig, das auch jüngeren Generationen zu empfehlen - und etwas weniger (70 Prozent) glauben fest daran, dass sich die Menschen auch künftig sehr bemühen werden, neue Technik zu begreifen.

Dass sich jeder dritte Deutsche gar nicht mehr vorstellen könnte, ohne moderne Technik zu leben, geht indes aus einer YouGov-Umfrage hervor. Umgekehrt halten 17 Prozent die Welt demnach allerdings für übertechnisiert und sagen: "Früher war das Leben menschlicher."

Spass: Und wo bleibt der Spaß? Der kommt zumindest derzeit noch nicht zu kurz. Fast 82 Prozent ist es sehr wichtig, das Leben zu genießen. Etwas mehr (83,5 Prozent) würden das auch dringend ihren Kindern und Enkeln empfehlen. Die Erwartungen an die Zukunft sind aber eher spaßbefreit: Nur noch jeder Zweite glaubt, dass es nachfolgenden Generationen wichtig sein wird, Spaß zu haben.

dpa

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