Buch setzt bewegenden Facebook-Post fort

Er verlor seine Frau, will die Terroristen aber nicht hassen

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Antoine Leiris setzt seinen berührenden Facebook-Post, den er nach den Terroranschlägen im Pariser Bataclan schrieb, mit seinem Buch "Meinen Hass bekommt ihr nicht" fort.

Paris - Antoine Leiris hat mit einem einzigen Facebook-Post tausende Menschen berührt. Er schrieb den Pariser Terroristen, dass sie seinen Hass niemals bekommen - obwohl sie seine große Liebe getötet haben. Lesen Sie einen Auszug aus seinem Buch.

Der Journalist Antoine Leiris hat drei Tage nach den Terroranschlägen in Paris sein Innerstes nach außen gekehrt. Mit ergreifenden, ehrlichen, hoffnungsvollen Worten hat er sich in seinem Facebook-Post an die Terroristen gewandt und ihnen etwas versprochen: "Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Sohnes, aber meinen Hass bekommt ihr nicht." Mit seinen Worten will er die grausamen Männer entwaffnen. Der junge Franzose wird zum Symbol des Widerstandes gegen den Terror.  

Leiris' Frau Hélène gehört mit 89 anderen Menschen zu den Opfern der Anschläge im Pariser Konzertsaal Bataclan.

Seinen berührenden Facebook-Post vom 16. November haben inzwischen mehr als 231.000 Menschen geteilt. Sein jetzt erschienenes Buch "Meinen Hass bekommt ihr nicht" vertieft, was er erlebt hat.

Lesen Sie einen Auszug aus seinem Buch

"13. November 22:37 Uhr.

Melvil ist ohne einen Mucks eingeschlafen, wie meistens, wenn seine Mama nicht da ist. Er weiß, dass bei Papa die Lieder weniger sanft sind und die Umarmungen weniger weich, also verlangt er keine Zugaben. Um mich wach zu halten, bis sie zurückkommt, lese ich.

Die Geschichte eines ermittelnden Romanciers, der herausfindet, dass ein Romancier und Mörder den Roman, der ihn selbst zum Romancier werden ließ, in Wirklichkeit gar nicht geschrieben hat. Von Verwicklung zu Verwicklung finde ich heraus, dass der Romancier und Mörder in Wirklichkeit niemanden umgebracht hat. Und dafür der ganze Aufwand. Auf dem Nachttisch vibriert mein Handy.

"Hallo, alles gut? Seid ihr zu Hause?"

Ich möchte nicht gestört werden. Ich hasse diese nichtssagenden SMS. Keine Antwort.

"Alles in Ordnung?"

"…"

"Seid ihr in Sicherheit?"

Was soll das heißen, "in Sicherheit"? Ich lege das Buch weg und haste auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer. Ich darf das Baby nicht wecken. Ich greife nach der Fernbedienung, die Horrorkiste braucht irrsinnig lange, bis sie endlich an ist.

Attentat im Stade de France. Die Bilder sind wenig aussagekräftig. Ich denke an Hélène. Daran, sie anzurufen und ihr zu sagen, dass sie besser mit dem Taxi nach Hause kommen sollte. Aber da ist noch etwas. In den Gängen des Stadions stehen einige Menschen erstarrt vor den Bildschirmen. Den Inhalt der Bilder kann ich nur von ihren Gesichtern ablesen. Sie wirken verstört. Nehmen etwas wahr, das ich nicht sehe.

Noch nicht. Dann bleibt das Schriftband, das viel zu schnell über den unteren Rand des Bildschirms läuft, plötzlich stehen. Das Ende der Unschuld.

"Attentat im Bataclan."

Tonausfall. Ich höre nur noch mein Herz, das aus meiner Brust auszubrechen versucht. Die Wörter hallen in meinem Kopf nach wie ein nie enden wollendes Echo. Eine Sekunde, lang wie ein Jahr. Ein Jahr der Stille, da auf meinem Sofa. Es muss ein Irrtum sein. Ich vergewissere mich, dass sie wirklich dorthin gegangen ist, ich könnte mich geirrt oder etwas vergessen haben. Ja, das Konzert findet im Bataclan statt. Hélène ist im Bataclan.

Bildausfall. Ich sehe nichts mehr, doch ich spüre einen elektrischen Schlag durch meinen ganzen Körper. Ich möchte losrennen, einen Wagen stehlen, sie holen. In meinem Schädel brennt nur noch drängende Eile. Diese Flammen lassen sich nur durch Bewegung eindämmen. Doch ich kann nicht weg, nebenan schläft Melvil, ich stecke hier fest."

Das Buch "Meinen Hass bekommt ihr nicht" ist jetzt erschienen

Sie werden dieses Buch mit einem Kloß im Hals lesen. Antoine Leiris' Buch "Meinen Hass bekommt ihr nicht" (12 Euro) ist im Blanvalet Verlag erschienen. 

Terroranschläge in Paris - Bilder

Video: Trauerbotschaften am Batclan werden archiviert

Die nach den Anschlägen von Paris an der Konzerthalle Bataclan abgelegten Trauer- und Friedensbotschaften werden archiviert. So soll das Gedenken an die zahlreichen Opfer lebendig gehalten werden.

sah

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