Grausamer Säuglingstod

Prozessauftakt: Zwillingsvater  soll Babys fallen gelassen haben

+
Ein 32-jähriger Zwillingsvater soll seine Kinder fallen gelassen haben. Seit Donnerstag steht er vor Gericht.

Bielefeld - Sein Sohn starb in der Nacht, das Mädchen wurde schwer verletzt: Ein Zwillingsvater (32) soll seine dreieinhalb Monate alten Kinder fallen gelassen haben. Nun steht er vor Gericht.

Die Liste der Verletzungen, die der Staatsanwalt zum Prozessauftakt mit kraftvoller Stimme vorträgt, ist lang: Die damals dreieinhalb Monate alten Zwillingsgeschwister erlitten mehrere Einblutungen im Hirn, Brüche an der Schädeldecke, Rippenfrakturen. Der 32 Jahre alte Vater der Säuglinge sitzt mit gesenktem Kopf auf der Anklagebank. Eines seiner beiden Kinder lebt heute nicht mehr.

Die Staatsanwaltschaft will ihn nun zur Verantwortung ziehen, wirft ihm böswillige Vernachlässigung seiner Kinder vor, fahrlässige Körperverletzung, versuchten Totschlag durch Unterlassen. Er soll sie in dieser Novembernacht 2015 fallen gelassen haben, auf sie gestürzt sein und sie schwer verletzt in ihr Bett zurückgelegt haben. Den Arzt schaltete er erst ein, als es zu spät war: Am Morgen war sein Sohn tot.

Schwester wurde im Krankenhaus behandelt

In der späteren Obduktion sollten Gerichtsmediziner die schweren Hirn- und Kopfverletzungen feststellen, auch ältere Knochenbrüche, Blutergüsse unter der Schädeldecke. Todesursächlich allerdings war eine Lungenentzündung - ob als Folge andauernder Vernachlässigung ist unklar, aber möglich. Seine Schwester wurde mit ihren schweren Verletzungen im Krankenhaus behandelt.

Vor Gericht antwortet der Angeklagte am Donnerstag erst auf Fragen zu seinem Leben. Schwierige Kindheit, Misshandlungen im Erziehungsheim, früher Alkoholmissbrauch, dann Drogen. Er riss von zuhause aus, brachte keine Ausbildung zu Ende, arbeitete nie in einem festen Job. Als Zwillingsvater nahm er zuletzt täglich Amphetamine, Ecstasy, er kiffte. Zu den Anklagevorwürfen will er vorerst schweigen.

Anwalt spricht von großem Unglück

Am Rande der Verhandlung zeigt sich sein Anwalt Alexander Klemme aber überzeugt, dass es sich hier um ein großes Unglück handele. „Hier sitzt ein trauernder Familienvater, der immer eine liebevolle Beziehung zu seinen Kindern hatte.“ Er habe ihnen nie schaden wollen.

Daran, was der Angeklagte nach seiner Festnahme in den Vernehmungen zu Protokoll gab, erinnern sich zwei Ermittler als Zeugen. Völlig auf Drogen habe ihn das Schreien der Kinder überfordert. Er habe sie füttern wollen, der Zwillingsjunge sei zu Boden gestürzt, im Dunkeln sei er mit dem Mädchen im Arm auf ihn getreten, gestürzt.

Jammernde Kinder in Gitterbett

In einer anderen Vernehmung gab er an, beide Kinder seien zudem beim Ins-Bett-Legen mit den Köpfen aneinander gedonnert. Um die Kinder zu beruhigen habe er sie fest an die Brust gedrückt. Vielleicht zu fest. Auch früher schon. Der im Nebenzimmer angeblich schlafenden Kindsmutter sagte er nichts. Die jammernden Kinder ließ er im Gitterbett zurück, schlief im Wohnzimmer ein.

„Ich denke, dass er sich dafür verantwortlich fühlt, dass das Kind tot ist. Ich glaube aber, dass er seinen Kindern nicht schaden wollte“, sagt ein Vernehmungsbeamter aus. Die Staatsanwaltschaft jedoch unterstellt mit ihrer Anklage mehr als bloße Fahrlässigkeit, sondern auch versuchte Tötung. Die Kinder hatten auch ältere Verletzungen, die sich nicht alle durch den Sturz und das Stolpern erklären ließen, so das Gutachten des Rechtsmediziners.

dpa

Kommentare