Polizei-Kampagne “NoNotruf“ 

Aus diesen Quatsch-Gründen wählen Menschen 110

+
Die Berliner Polizei startet eine Kampagne gegen Notruf-Missbrauch.

Berlin - Täglich gehen im Schnitt 820 völlig unnötige - und oft auch skurrile - Notrufe bei der Berliner Polizei ein. Die Social-Media-Kampagne „NoNotruf“ soll die Flut eindämmen.

„Die Polizei - Dein Freund und Helfer“: Der Spruch ist deutlich älter als die Erfindung des tragbaren Telefons. Hilfe bei der Polizei suchen die Menschen aber inzwischen nicht mehr nur bei Überfällen und Schießereien. Kaum eine Frage ist zu unwichtig oder zu naiv, als dass sie nicht irgendwann in der Notrufzentrale landet - und eine der Leitungen für echte Notfälle blockiert. Ob die Anrufer vor allem gedankenlos, naiv oder auch dreist sind, ist schwer zu sagen

Hier sind kuriose Beispiele

EHEBERATUNG GEFÄLLIG? Private Schwierigkeiten sind ein dominierendes Thema der Anrufe. Zum Beispiel: „Wie kann ich meine Frau loswerden? Ich zahle Miete aber sie ist hier gemeldet. Ich möchte sie loswerden.“ Mit die beliebtesten Tweets der Kampagne waren diese: „Meine Schwiegertochter will an mein Erbe“ und „Ich habe eine Freundin, die ist geistig nicht auf der Höhe. Die will ich nicht mehr als Freundin.“

TAXI, BITTE! Nummer verwechselt? „Können Sie mich zum Supermarkt fahren? Es regnet und ich will nicht laufen.“ Nicht selten ist bei den Anrufern Alkohol im Spiel: „Können Sie mich nach Hause fahren? Ich bin total voll.“ Oder: „Wir wissen nicht so richtig wo wir sind. Wir wollen in den nächsten Club. Sie wissen doch sicher, wo der ist?“

IST DA DIE SERVICEHOTLINE? Es gibt Produkte, die werfen Fragen auf: „Wie oft muss ich beim Entkalken meiner Kaffeemaschine mit Wasser spülen, damit der Kaffee wieder schmeckt?“ Andere benötigen ein offenes Ohr zum Meckern: „Der Ladenbetreiber will meine Pfandflaschen nicht annehmen, der muss die doch zurücknehmen.“ Und auch das noch: „Die Reparatur meiner Heizdecke dauert nun schon 5 Wochen.“

GEFÜHLTE NOTRUFE Erster Berlin-Besuch und etwas irritiert: „Hier jongliert einer mit 3 Schwertern an der Kreuzung.“ - „Das ist in Berlin normal.“ - „Ich kenne sowas nicht“. Andere scheinen durchaus in persönlichen Notlagen: „Hallo, können Sie mir sagen, ob gegen mich ein Haftbefehl vorliegt?“ Oder: „Ich komme mit meiner Kohle nicht klar, könnt ihr mir Geld geben?“

KUMMERKASTEN Miese Stimmung - Polizei: „Ich hab schlechte Laune, weil ich nichts zu rauchen habe“, klagt einer. Andere sind traurig und ahnen einen Ausweg: „Meine 2. Frau ist letzte Woche gestorben. Ich möchte jetzt als Ausgleich einen Hund vom Tierheim.“

FRAGEZEICHEN Bei manchen Anliegen kann sich die Polizei nicht erklären, was das soll. Einmal twittern die Beamten: „Anrufer stellt sich als „Hitler 2“ vor und erzählt noch andere wirre Sachen...“ Am Freitag lieferte die Stuttgarter Polizei den Berliner Kollegen ein Beispiel zu, womöglich ein Schwabe beim Kreuzworträseln: „I such e Rudltier mit fünf Buchstabe. Und des isch nedd dr Fuchs.“

Kampagne „NoNotruf“

Mit einer einwöchigen Kampagne will die Berliner Polizei gegen den Missbrauch des Notrufes vorgehen. Das Motto lautet: „NoNotruf“. Über Twitter und Facebook veröffentlicht die Polizei seit Montag skurrile und nervige Fälle aus der Vergangenheit und vom gleichen Tag. Ein Anrufer beschwert sich: „Die Reparatur meiner Heizdecke dauert nun schon fünf Wochen.“ Ein anderer ängstigt sich: „Meine Schwiegertochter will an mein Erbe“. Kurz darauf klagt ein Anrufer: „Ich habe eine Freundin, die ist geistig nicht auf der Höhe. Die will ich nicht mehr als Freundin.“

Rund 1,3 Millionen 110-Notrufe gehen jedes Jahr bei der Berliner Zentrale ein. Laut Polizei gibt es bei 300 000 davon keinerlei Grund für einen Polizeieinsatz. Das sind durchschnittlich 820 überflüssige Anrufe pro Tag. Sie blockieren eine der Telefonleitungen und verursachen Wartezeiten bei echten Notfällen. Die Feuerwehr hat mit ihrer Nummer 112 genau die gleichen Probleme.

„Bewusstsein nicht mehr vorhanden“

Yvonne Tamborini vom Internet-Team der Berliner Polizei beschreibt es so: „Ein Großteil der Leute ist nicht mehr sensibel für diese Telefonnummer. Das Bewusstsein, dass die 110 für Notsituationen gedacht ist, ist nicht mehr vorhanden.“ Das zunehmende Problem liege auch an den Handys, die jeder bei sich trage, sagt sie. Die Versuchung, einfach schnell die Polizei anzurufen, um sie auch bei Banalitäten um Rat zu fragen, ist groß.

Vielen Anrufern ist vielleicht nicht klar, dass die Polizei die Telefonnummer auch dann erkennen kann, wenn sie am Gerät unterdrückt wird. Auf einem Bildschirm wird zudem der Standort des Anrufers angezeigt. Gezielter Missbrauch könnte verfolgt werden. Meist beenden die Polizisten aber nur bestimmt das Gespräch. Sie können auch einen Knopf für eine schnelle Bandansage drücken: „Das ist kein Grund für einen Notruf bei der Polizei Berlin.“

„Nicht andere in der Wartscheleife hängen lassen“

Die Kampagne hängt auch damit zusammen, dass die Berliner Polizei kürzlich eingestehen musste, die 110-Anrufer immer länger in der Warteschleife hängen zu lassen. Im ersten Halbjahr 2016 wurden nur 62 Prozent der Notrufe innerhalb der ersten zehn Sekunden angenommen. Alle anderen mussten länger warten, zum Teil mehrere Minuten. 2014 und 2015 kam die Polizei immerhin noch auf eine Quote von 70 Prozent. Erklärtes Ziel ist es aber, 90 Prozent der Anrufe nach spätestens zehn Sekunden anzunehmen.

Tamborini appelliert: „Niemand sollte einfach aus Bequemlichkeit den Notruf wählen und andere dafür in der Warteschleife hängen lassen. Einfach mal an die Mitmenschen denken, wäre gut.“ Für normale Fragen gibt es ein extra Bürgertelefon der Polizei (030 4664 4664).

dpa

Kommentare