Prozess um tödliches Unglück

Traktorfahrer nach Zugunfall: „Es tut mir wahnsinnig leid“

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Der Prozess um das Zugunglück in Ibbenbüren im Frühjahr 2015 begann am Mittwoch. 

Ibbenbüren/Münster - Wenn er könnte, würde er die Zeit zurückdrehen: Weil sein schlecht gesicherter Anhänger auf einem Bahnübergang stecken blieb, steht ein junger Traktorfahrer wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. 

Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit fahre er über den Bahnübergang. Jeden Tag habe er die Katastrophe wieder vor Augen. Das sagt der 25 Jahre alte Traktorfahrer aus Ibbenbüren im Münsterland. Er sitzt an diesem Mittwoch als Angeklagter vor Gericht, weil ihm der Staatsanwalt vorwirft, durch seine Fahrlässigkeit verantwortlich für den tödlichen Zusammenstoß von einer Regionalbahn und einem leeren Güllewagen vor eineinhalb Jahren zu sein. Der Anhänger mit dem Güllefass war nicht richtig gesichert. Der Fahrer hatte sich nicht vergewissert, ob der Sicherungsbolzen an der Kupplung vorgeschoben war.

Zum Auftakt berichtet der Mann, wie er sich an das Unglück erinnert, bei dem der Lokführer und eine 18-Jährige starben sowie 15 weitere Menschen verletzt wurden. Er schildert, wie es einen Knall gab, als er mit seinem Traktorgespann über einen Bahnübergang fuhr; wie er sich umdrehte und sah, dass der leere Güllewagen aus der Kupplung gesprungen war und jetzt weit auf die Gleise ragte; wie er alles versuchte den Anhänger aus dem Weg zu räumen, obwohl die Räder blockierten; wie sich Minuten später schon die Schranken senkten.

Mit 127 Stundenkilometern krachte der Zug in den Anhänger

Zuvor hatte er einen Notruf abgesetzt („Die Züge müssen gestoppt werden“), Bekannte eines nahegelegenen Hofes alarmiert, sie mögen mit Ketten kommen und den Anhänger wegschleppen. Dann rannte er der Bahn entgegen, um den Lokführer zu warnen. Vergebens. Die Notbremsung kam zu spät.

Mit einer Geschwindigkeit von 127 Stundenkilometern krachte der Zug in das Hindernis. Die Fahrerkabine wurde zerdrückt, seitlich riss der Zug auf. Fahrgäste wurden durch den Waggon geschleudert, Gülle spritzte, Glas splitterte.

Die häufigsten Ursachen für Unfälle am Bahnübergang seien Leichtsinn, Unaufmerksamkeit und Unkenntnis, heißt es bei der Deutschen Bahn. Fast immer verhielten sich die Straßenverkehrsteilnehmer falsch, wie auch in diesem Unfall mit einem Zug des Anbieters Eurobahn. Die Zahl der Unfälle an Bahnübergängen geht zwar in den vergangenen Jahren zurück - dennoch passieren immer wieder tragische Unglücke. 154 waren es im Jahr 2015. Da unglaubliche Kräfte wirken, sind die Folgen oft verheerend, wie auch beim Unglück von Ibbenbüren.

„Es tut mir wirklich wahnsinnig leid, dass das Ganze passiert ist“

Zum Prozessauftakt des aus Platzgründen in Münster tagenden Amtsgerichts Ibbenbüren schildern mehrere Unfallopfer, wie sie bis heute nicht mehr Zug fahren können, sie sprechen von Alpträumen und von ihren Verletzungen. Im Gericht sitzen auch die Eltern der getöteten jungen Frau. Sie sei gerade 18 geworden, „hatte noch so viele Pläne“, sagt ihre Anwältin am Rande der Verhandlung. Für die Eltern sei es wichtig, mit dem Angeklagten ins Gespräch zu kommen. Bis jetzt habe es keine persönliche Entschuldigung gegeben.

Vor dem Amtsgericht fällt es dem Angeklagten sichtlich schwer, sich an die Hinterbliebenen zu wenden. Er kämpft mit seiner Stimme und den Tränen als er sagt: „Es tut mir wirklich wahnsinnig leid, dass das Ganze passiert ist.“ Glaubwürdig ist die Verzweiflung schon: Er räumt ein, sich nicht vor Abfahrt vergewissert zu haben, dass der Sicherungsbolzen vorgeschoben sei, angekoppelt sei der Anhänger jedoch schon bei Abfahrt gewesen.

Seit Jahren hilft er „hobbymäßig“ auf dem Hof der eng befreundeten Familie, auch mit seiner Ausbildung als Nutzfahrzeugmechatroniker hätte er es besser wissen müssen. Doch zurückdrehen kann er die Zeit nicht. Möglicherweise will der Amtsrichter bereits am nächsten Prozesstag ein Urteil fällen.

dpa

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