Nachruf auf den kanadischen Sänger und Poet

Zum Tod von Leonard Cohen: Anderswo 

+
Der kanadischer Singer-Songwriter Leonard Cohen starb mit 82 Jahren.

Los Angeles - Trauer um den Sängerpoeten Leonard Cohen, der Millionen Fans weltweit jahrzehntelang mit seinen melancholischen Songs verzauberte. Der kanadische Altmeister ist im Alter von 82 Jahren gestorben. In Montreal wehen die Fahnen auf Halbmast.

„Irgendwo muss man ja sein“, antwortet Leonard Cohen 1970 achselzuckend, als ihn sein Kollege Bob Dylan bei der ersten Begegnung fragt, wie es ihm denn gehe. Was klingt wie ein Missverständnis, ist in Wahrheit eine Lebensphilosophie – in einem Satz komprimiert. Dylan begreift das sofort und bezeichnet Cohen fortan als seinen Lieblingsdichter. 

Irgendwo ist man eben, und nun ist Leonard Cohen nicht mehr bei uns, sondern im Alter von 82 Jahren anderswo. „Das Leben ist ein Zimmer, der Tod ist ein anderes Zimmer, irgendwann wechselt man einfach den Raum“, erklärt Cohen das einmal bestechend schlicht. Genau das ist die Stärke dieses außergewöhnlichen Künstlers gewesen: mit einfachen Worten verdammt komplizierte Dinge verständlich zu machen – formal streng, in Rhythmus und Ausdruck möglichst weit entfernt von Schwurbelei. 

Schon als Kind will der Spross einer gutbürgerlichen jüdischen Familie aus Montréal Poet werden, begeistert sich für Lyrik von Federico García Lorca (nach dem er später seine Tochter Lorca benennt) und alte Volksweisen seiner Heimatprovinz Québec. Als Mittzwanziger wird er erstmals veröffentlicht und gilt prompt als wichtigster kanadischer Nachwuchsautor. Obwohl Montréal immer seine „Hauptstadt meiner Gefühlswelt“ bleiben wird, reißt Cohen aus, rastlos auf der Suche. Oder auch auf der Flucht, das ist nicht leicht zu sagen bei einem, der ein Leben lang unter Depressionen und Selbstzweifeln leidet. Israel, Kuba, Griechenland – Cohen irrlichtert durch die Welt und ist dabei vor allem immer: schwerst verliebt. Frauen treiben ihn um, faszinieren ihn. Es ist, als ob er von ihnen eine Art Erlösung erhofft oder wenigstens Linderung des Schmerzes, irgendwo sein zu müssen. Das geht natürlich immer schief, hinterlässt aber bewegende Lyrik. „Suzanne“ und „So long Marianne“ entstehen. Und weil Cohen preisgekrönt ist, aber auch völlig pleite, versucht sich der bekennende Nichtsänger im reifen Alter von 33 als Popstar. 

Man schreibt 1967, Singer-Songwriter sind in, und im Musikgeschäft ist damals noch viel Geld zu holen. Cohens Debüt schlägt ein, Millionen orientierungslose junge Menschen haben jemanden gefunden, der aussprechen kann, was sie fühlen: Enttäuschung, Wut, Trauer, Schmerz. 

Ähnlich wie bei Bob Dylan werden Cohens Lieder durch die Interpretationen anderer Sänger zu Hits. Seine Sprache gibt im Grunde die Melodien schon vor, die immer einfach sind, aber auch strahlend schön in ihrer Schlichtheit. Exemplarisch dafür steht das unverwüstliche „Hallelujah“ von 1984, das jeder kennt, selbst wenn er von Cohen nie gehört haben sollte. Mit Bekanntwerden seines Todes ist die Nummer am Freitag wieder einmal in den deutschen Single-Charts aufgetaucht, interpretiert vom texanischen A-cappella-Quintett Pentatonix. Mitte der Neunzigerjahre hält Cohen die Welt endgültig nicht mehr aus und verschwindet in einem buddhisitischen Kloster in den kalifornischen Bergen. Doch das fehlende Geld zwingt ihn zurück ins Rampenlicht: Seine Managerin hat sein Vermögen verjubelt, Cohen ist pleite. Also tourt er, der vor einem Auftritt gerne mal eine Flasche Rotwein gegen Lampenfieber trinkt, und nimmt neue Platten auf – und zwar sehr gute. Aber auch sehr düstere. Das gerade erschienene Album „You want it darker“ klingt wie eine Ankündigung seines Todes. Immerhin: Der Mann hat im Alter seinen Frieden gemacht mit sich, und er hat mit der Sängerin Anjani Thomas noch ein spätes Glück gefunden. 

In seinen letzten Interviews hat Leonard Cohen dann auch verraten, wie es doch klappen kann mit Männern und Frauen – ein schlechtes Gedächtnis helfe. Und wenn man ohnehin irgendwo sein müsse, dann am besten an der Seite einer Frau. Bitter ist nur, dass wir jetzt an einem Ort sein müssen, an dem Cohen nicht mehr ist. 2016 ist in jeder Hinsicht ein absolut katastrophales Jahr.

Zoran Gojic

Reaktionen auf den Tod von Leonard Cohen

„Mit tiefem Schmerz teilen wir mit, dass der legendäre Dichter, Songschreiber und Künstler Leonard Cohen gestorben ist“, hieß es auch auf seiner Facebook-Seite. „Wir haben einen der verehrtesten und produktivsten Visionär verloren.“

„Die Musik von niemand anderem klang oder hat sich so angefühlt wie die von Leonard Cohen. Trotzdem berührte sein Werk Generationen“, schrieb Kanadas Ministerpräsident Justin Trudeau bei Twitter. „Kanada und die Welt werden ihn vermissen.“ 

Der Bürgermeister von Cohens Geburtsstadt Montreal, Denis Coderre, schrieb: „Heute haben wir einen unserer größten Botschafter und Ikonen verloren.“ 

„Eine weitere magische Stimme ist verstummt“, schrieb die Sängerin und Schauspielerin Bette Midler.

„So ein wunderbarer Mann, so eine wunderbare Seele“, kommentierte der amerikanische Sänger Moby auf Instagram. „Die Dunkelheit ist jetzt noch viel dunkler geworden.“

„Danke Leonard Cohen“, schrieb die kanadische Sängerin k.d. lang in einem Tweet. „Schnelle Wiedergeburt mein Freund“, fügte sie hinzu.

Sänger Sean Lennon, der Sohn von John Lennon und Yoko Ono, stellte auf Instagram ein Foto Cohens. Dazu schrieb er: „Ruhe in Frieden. 2016 ist nun offiziell eines der traurigsten Jahre.“

Leonard Cohen R.I.P. 2016 now officially one of the saddest years.

Ein von Sean Ono Lennon (@sean_ono_lennon) gepostetes Foto am

Oscar-Preisträger Russell Crowe bedankte sich bei Cohen für „die stillen Nächte, die Betrachtungen, den Durchblick, das sarkastische Lächeln und die Wahrheit“.

Mehr zum Thema

Kommentare