Schockierender Bericht regt zum Nachdenken an

Sein Flüchtlings-Post aus Bayern wurde fast 275.000 Mal geteilt

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Mit seinem Facebook-Post erreichte Raphaele Lindemann Hunderttausende Menschen.

Mainz - Auf Facebook geht derzeit ein Bericht aus einem Erstaufnahmelager viral, der in eindrucksvollen Worten die Situation schildert. Und zum Nachdenken anregt.

Erst vier Tage alt ist der Facebook-Post, den der Mainzer Arzt Raphaele Lindemann am 28. Januar dieses Jahres absetzte, doch er wurde schon fast 275.000 Mal (Stand: Montag, 1. Februar, 9:45 Uhr) geteilt. Der Inhalt: Ein Bericht aus einem Erstaufnahmelager im Camp Warteraum Asyl in Erding bei München, der in klaren, eindrücklichen Worten die Situation vor Ort ungeschönt beschreibt und sich später auch mit der aktuellen politischen Diskussion auseinander setzt. Zu guter Letzt zieht der Arzt seine persönlichen Schlüsse aus dem, was er mit eigenen Augen gesehen hat und dem, was er in sozialen Netzwerken an Hetze aber auch Hilfsbereitschaft mitbekommt.

Lindemann beginnt mit einer Beschreibung der Örtlichkeit und verspricht: "Ich habe mir vorgenommen, diesen Bericht neutral zu verfassen." Dies ist ihm aber - wie er selber zugibt - "aufgrund der erschütternden Realität nicht gelungen". Und auch ein paar polemische Äußerungen konnte er sich nicht sparen. 

Seine Aufgabe in dem Erstaufnahmelager ist es, die ankommenden Menschen noch vor jeder behördlichen Betreuung medizinisch zu versorgen. Dabei versichert er seine Leser der ungeschönten Realität. "Ich kann Euch versichern, dass es absolut unmöglich ist, z.B. einen Fuß mit Erfrierungen zu versorgen, der über 500 Kilometer in kaputten Schuhen, mit nassen Strümpfen durch den Winter marschiert ist und dabei durch eine „naive rosarote Gutmenschbrille“ zu schauen", so der Arzt.

Zustand der Flüchtlinge ist "desolat und erbarmungswürdig"

300 bis 500 Flüchtlinge sehe er pro Schicht und ihnen allen gemein ist ihr "desolater und erbarmungswürdiger Zustand". Nach eigener Schätzung sind darunter immer auch 40 Prozent Kinder, einige Alte und natürlich auch viele junge Männer. "Warum auch nicht?", fragt er seine Leser. 

Man merkt Lindemann seine persönliche Erschütterung in vielen Sätzen an. Besonders drastisch sei ein Beispiel einer Frau, die mit komplett verbrannten und notdürftig verbundenen Beinen den langen Weg hinter sich gebracht hat. Bei der schwierigen Versorgung der Wunden habe es jedoch keinerlei Klagen und erst Recht keine Anspruchshaltung gegeben. Stattdessen: "Diese Frau hat Dankbarkeit ausgestrahlt, weil sie endlich in Sicherheit ist und sich jemand um sie kümmert."

Im weiteren Text bittet Raphaele Lindemann seine Leser, über ihre Situation nachzudenken. Über das Gefühl der Sicherheit und des Wohlstandes, die Errungenschaften einer freiheitlich-demokratischen Ordnung und auch das Gebot der Humanität. Dass er dabei kein naiver Weltverbesserer ist, zeigen seine Gedanken darüber, dass es sicherlich primär Lösungen vor Ort bedürfe. Und auch die schlimmen Übergriffe in Köln heißt er natürlich keineswegs gut, sondern fordert im Gegenteil "eine härtere Bestrafung bei Gewaltdelikten jeglicher Couleur." Er weißt aber auch darauf hin, dass viele der selbsternannten "Frauenrechtler" früher noch fröhlich "Tittenwitze" gemacht haben, und sich nun als große Feministen hinstellen.

Arzt: Flüchtlinge sind Chance für Deutschland

Lindemann fordert auf zu einem politischen wie gesellschaftlichen Dialog über den zukünftigen Umgang mit den Flüchtlingen, die in der nahen Zukunft nicht weniger kommen werden. Das begreift er auch und vor allem als große Chance. Für einen Sozialstaat, der ohne Zuwanderung mit den Folgen massiver Überalterung zu kämpfen hat und weiterhin haben wird. Und der nicht nur ausgebildete Fachkräfte benötigt, sondern auch Menschen, die bereit sind, einfachere Arbeiten zu verrichten.

Die gelungene Integration von Zuwanderern aus dem asiatischen Raum in den 60er und 70er Jahren, deren Kinder inzwischen Stützen der Gesellschaft sind, nimmt er als Paradebeispiel und die Ghettos in Frankreich als abschreckendes.

Was Lindemann schreibt, berührt, erschüttert und begeistert viele Menschen aufgrund der Klarheit der Worte und der differenzierten Diskussion, die er selber führt. Den ganzen Post können Sie hier lesen:

Liebe Leute,nach nun fast vier Wochen im Erstaufnahmelager, finde ich endlich mal die Zeit ein paar Zeilen zur...

Posted by Raphaele Lindemann on Donnerstag, 28. Januar 2016

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