Bürgerrechtler der US-Organisation Southern Poverty Law Center (SPLC) bezeichneten den Angreifer am Montag als einen “frustrierten Neo-Nazi“, der seine Ideologie als Kopf einer rechtsextremen Band verbreitet haben soll. Die Polizei identifizierte den Mann, der sich nach der Tötung von sechs Menschen selbst erschoss, als einen 40-jährigen ehemaligen Militärangehörigen. Die Behörden stuften die Tat als terroristischen Akt ein.
Der 40-jährige Wade Michael Page, der am Sonntag vor und in dem Gotteshaus in Oak Creek im US-Staat Wisconsin sechs Menschen erschossen habe, sei Mitglied der Streitkräfte gewesen, teilte die Staatsanwaltschaft in der Stadt Milwaukee mit. Aus Militärkreisen verlautete, der Mann sei vor seiner Entlassung im Jahr 1998 im Rang zurückgestuft worden. Die Organisation SPLC verwies am Montag auf ein Interview, das Wade Michael Page im Jahr 2010 einer rassistischen Website gab. Darin erklärte der 40-Jährige demnach, er sei seit 2000 in der rechtsextremen Musikszene aktiv und habe 2005 die Band End Apathy gegründet.
Die Ermittlungen in dem Fall führt nach Polizeiangaben das FBI, da von einem terroristischen Akt ausgegangen werde. Gläubige erklärten, sie hätten den gut 1,80 Meter großen und kahlköpfigen Mann zuvor noch nie in dem Tempel gesehen. Neben einem Polizisten befanden sich am Montag noch zwei weitere Personen in kritischem Zustand.
So erlebten Augenzeugen den Amoklauf
Die 24-jährige Gurpreet Kaur berichtet, ihre Mutter habe mit rund 14 anderen Frauen das Essen in der Küche des Tempels vorbereitet, als der Täter erschien und das Feuer eröffnete. Die Gruppe sei dann zur Speisekammer geflüchtet.
Ein Freund von ihm sei auf den Parkplatz des Tempels gefahren, habe Schüsse gehört und zwei Menschen hinfallen sehen, sagte der 21-jährige Sunny Singh. Der Angreifer habe dann nach Beobachtung des Freundes seine Waffe neu geladen und sei in den Tempel gegangen.
Er habe den Anschein erweckt, als verfolge er ein klares Ziel und wisse, wohin er vordringen wolle. „Er hat nichts gesagt, einfach angefangen zu schießen“, berichtete ein Mitglied der Gemeinde unter Berufung auf Augenzeugen.
Der Sikhismus ist eine im 15. Jahrhundert in Indien entstandene monotheistische Religion. Sie hat weltweit 27 Millionen Anhänger. Viele männliche Sikhs tragen einen Turban und einen ungestutzten Bart, womit sie an strenggläubige Muslime erinnern können. Die „New York Times“ berichtete in ihrer Internetausgabe am Montag, zwar seien vor dem Massaker vom Sonntag keine gewaltsamen Übergriffe gegen Sikhs in Wisconsin bekanntgewesen. Angehörige der Gemeinschaft berichteten aber von wachsender Abneigung seit den Anschlägen vom 11. September 2001. Sie vermuteten, das hänge damit zusammen, dass Sikhs irrtümlich für Muslime gehalten worden seien.
Akt des Inlandsterrorismus?
„Während das FBI ermittelt, ob es sich hier um einen Akt des Inlandsterrorismus handeln könnte, konnte bislang kein Motiv festgestellt werden“, teilte eine Sprecherin der Bundespolizei in der Nacht zu Montag mit.
Zuvor hatte ein Bewaffneter sechs Menschen in einem Vorort von Milwaukee getötet, bevor er selbst bei einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben kam. Die Behörden teilten mit, sie gingen nicht davon aus, dass es einen weiteren Schützen gegeben habe. Einsatzleiter Bradley Wentland sagte, vor dem Tempel seien zwei, darin vier von dem Angreifer getötete Menschen gefunden worden. Neben einem Polizisten befanden sich nach Behördenangaben noch zwei weitere Personen nach der Schießerei in kritischem Zustand.
Obama und indischer Ministerpräsident verurteilen Tat
US-Präsident Barack Obama äußerte sich „zutiefst betrübt“ und sicherte jegliche notwendige Unterstützung zu, um das Verbrechen aufzuklären. Sikhs seien Teil der amerikanischen Familie, betonte er. Der indische Ministerpräsident Manmohan Singh zeigte sich geschockt. Er verurteilte den Anschlag am Montag als „sinnlose Gewalttat“. In New York und Chicago kündigte die Polizei an, dass die dortigen Sikh-Tempel stärker unter Beobachtung gestellt würden.
„Wir hätten nie gedacht, dass dies unserer Gemeinde passieren könnte“, sagte Mitglied Devendar Nagra in Oak Creek. „Wir haben nie jemandem etwas getan.“
Bombenentschärfungskommando vor Ort
Nach dem Vorfall evakuierte die Polizei einige Häuser in einem weiteren nahegelegenen Vorort. Dabei wurden vier Blocks in dem Ort Cudahy abgesperrt, der nur wenige Kilometer von dem Tempel entfernt liegt. Bei der Evakuierung war nach Angaben einer Polizeisprecherin auch ein Bombenentschärfungskommando vor Ort. Warum dieses gerufen wurde, führte die Sprecherin allerdings nicht aus.
In New York und Chicago teilte die Polizei mit, dass die dortigen Sikh-Tempel als Vorsichtsmaßnahme zusätzliche Aufmerksamkeit erhalten würden. Erst vor zwei Wochen hatte ein Mann während einer Kino-Premiere in Colorado das Feuer eröffnet und zwölf Menschen getötet.
dapd/hn










