610.03.1010.03.10|Bad Hersfeld|
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Bad Hersfeld. Vivien Hahn Andersen ist auf einer Zeit-Reise zu den Wurzeln ihrer Familie. Es ist eine Reise, die ihr Vater nie unternahm. „Er ist nicht hierher zurückgekommen – er konnte es nicht“, sagt die 64-Jährige leise, als sie vor dem Haus ihrer Ahnen in der Dudenstraße 7 steht. Heute praktiziert dort ein Zahnarzt, wo vor dem Krieg das florierende Bankhaus der jüdischen Familie Hahn war. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde die Familie schikaniert, systematisch ausgeplündert, inhaftiert und zur Flucht ins Ausland getrieben.

Der Historiker Dr. Heinrich Nuhn hat auch die Geschichte der Familie Hahn dokumentiert. Das alte Foto zeigt das erste Bankhaus der Familie, an dessen Stelle heute das Kaufhaus C&A steht. Links im Bild Vivien Hahn. Fotos: Struthoff
Die Ausstellung „Legalisierter Raub“ (siehe Kasten), die morgen im Beisein von Vivien Hahn Andersen eröffnet wird, lässt die Geschichte ihrer Familie wieder lebendig werden. Gestern suchte die Tochter auf einem Rundgang durch Bad Hersfeld nach den Spuren ihrer Vorfahren.
Vivien Hahn Andersen ist eine Nachgeborene. Erst als Generalfeldmarschall Erwin Rommel in Afrika zurück geschlagen worden ist und der Krieg immer mehr verloren geht, wagen es ihr Vater Rudi und seine Frau Lizzy, Kinder in die Welt zu setzen. Vivien wird 1946 in London geboren, jener Stadt, die ihrer Familie – wie so vielen Juden – im Krieg Zuflucht und Sicherheit vor dem Terror der Nationalsozialisten bot. Vivian erzählt die Geschichte von ihrer Geburt und Rommel mit einem kleinen Lächeln – und doch verbirgt sich dahinter das Drama und Leid ihrer Familie.
Die Hahns sind geachtete und wohlhabende Bürger in Hersfeld. Großvater Jakob sitzt im Stadtparlament. Seine Söhne Arthur und Isfried kämpfen im 1. Weltkrieg. Sohn Rudi, Viviens Vater, ist aktiv in der Feuerwehr. Ein altes, sepiabraunes Foto zeigt ihn in einer schmucken Uniform mit seinen Kameraden vor der Stiftsruine. „Da war er stolz drauf“, erinnert sich Vivien, „doch sonst hat er nicht viel erzählt von früher – das ist wohl so, wenn man eingesperrt wird und das ganze Leben zerstört ist“, sagt sie nachdenklich.
Vivien Hahn Andersen hat sich intensiv mit der Geschichte der Judenverfolgung beschäftigt. Anders als ihr Vater kehrt sie immer wieder nach Bad Hersfeld zurück. Als junges Mädchen jobbt sie hier in einem Hotel. Später studiert sie in München und Freiburg Germanistik, wird Professorin für Touristik, lebt und lehrt viele Jahre in Dänemark. Heute wohnt die emeritierte Professorin im schottischen Edinburgh und sorgt engagiert dafür, dass die Geschichte der Judenverfolgung und die ihrer Familie nicht in Vergessenheit gerät.
„Ich kann nicht weinen, wenn ich vor dem Haus meiner Väter stehe“, sagt sie, die Nachgeborene, „denn ich habe dort ja nie gelebt“. Und doch ist die Geschichte ihrer Familie hier überall zum Greifen nah.
Ihr Stadtrundgang führt Vivien Hahn Andersen in die Konrad Duden Schule. In der alt-ehrwürdigen Aula ist die staubige Luft gleichsam geschwängert von der Aura der Geschichte. „Hier haben wahrscheinlich auch ihr Vater und ihr Onkel über Prüfungen geschwitzt“, erzählt Schulleiterin Susanne Hofmann. An der Wand hingen damals die Bilder von Adolf Hitler und Generalfeldmarschall Hindenburg. Im Flur des alten Schulgebäudes erinnert erst seit kurzem eine Gedenktafel an die ermordeten jüdischen Schüler des Gymnasiums.
Im Buchcafé, der ehemaligen Druckerei der Hersfelder Zeitung, blättert Vivien Hahn Anderson schließlich in einem alten Zeitungsband der HZ vom Februar 1933. In Annoncen in der Tagespresse wurden damals die Versteigerungen des enteigneten jüdischen Besitzes angekündigt. Auf langen Listen mussten die Juden minutiös ihr Eigentum für den Fiskus dokumentieren – von der Unterhose bis zum Kaffeelöffel.
Ihr Onkel Arthur hatte gegen den Terror der Nazis protestiert und wurde auch in der Zeitung von der NSDAP an den Pranger gestellt. Ein düsteres Kapitel, auch für die HZ. „Wir stellen uns der Geschichte unserer Zeitung und setzen uns damit auseinander“, berichtet HZ-Geschäftsführer Markus Pfromm. Die alte Zeitung wird deshalb auch in der Ausstellung gezeigt.
Auch Vivien Hahn Andersen stellt sich der Geschichte. „Ich habe lange nach Antworten und Erklärungen für das Geschehene gesucht“, erzählt sie, „ich habe sie nie gefunden.“
Für Unmenschlichkeit, Hass und Rassismus gibt es wohl nie eine schlüssige Erklärung. Hintergrund/Ausstellung
Von Kai A. Struthoff
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