Wandern am Blumen-Meer

+
Im April verwandelt sich der Naturpark Gargano am Monte Sacro, dem heiligen Berg der süditalienischen Adriaküste, in ein Blumenmeer.

Im April verwandelt sich der Naturpark Gargano am Monte Sacro, dem heiligen Berg der süditalienischen Adriaküste, in ein Blumenmeer. 60 von 200 wilden Orchideensorten weltweit sind hier beheimatet.

Wer sie finden will, muss allerdings den wilden Kühen und den Ziegen zuvorkommen, die haben die exotische Pracht nämlich zum Fressen gern.

Die beste Aussicht hat man, wenn man sich auf den Bauch legt. Oder zumindest tief in die Knie geht. Nur so kommt man mit ihnen auf Augenhöhe. Manche tanzen wie Elfen über die Wiese, andere verstecken sich zwischen Blättern und heben im entscheidenden Moment triumphierend wie eine Königin das Köpfchen.

Die Rede ist von Wildorchideen, die im Naturpark Gargano am Monte Sacro wachsen. Über 60 Sorten sind hier zu Hause. Die meisten blühen von April bis Mitte Mai und verwandeln die Bergwiesen in ein Blumenmeer, bevor dann der „natürliche Rückschnitt“ in Gestalt von Ziegen und Kühen kommt.

Eine Bergwiese voller Schätze!

Experte für Orchideen: Giovanni Quitadamo (67) lebt seit 1975 in Mattinata.

Wenn man Italien als Stiefel vor Augen hat, liegt der Gargano am oberen Teil des Absatzes. Die gebirgige Landschaft fällt zur Adria hin steil ab oder öffnet sich in weiten Tälern. Außerhalb der italienischen Saison im heißen Juli/August kommen Touristen nur vereinzelt in die abgelegene Region. Daher ist es gut, wenn man ein paar Dutzend italienische Vokabeln beherrscht, ansonsten geht es aber auch mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Englisch.
Von Mattinata, einem Dorf über dem Meer inmitten von Olivenplantagen gelegen, sind es nur ein paar Minuten mit dem Auto bis zum Monte Sacro. Giovanni Quitadamo, er ist Co-Autor eines Orchideenbuches, weist uns den Weg durch das Blumenparadies. Orchideen sucht man hier nicht wie versteckte Pilze, sie leuchten einem in Scharen entgegen. Eine Bergwiese voller Schätze! Quitadamo schlägt sein Buch auf und hält die Seite mit dem Foto

60 Wildsorten gibt es im Nationalpark Gargano

www.orchideedelgargano.it.

neben das lebende Exemplar. Immer wieder. Er spricht nur Italienisch. Der Begeisterung tut das kaum Abbruch, Verständigung funktioniert mit den Augen. Auf Knien nähern wir uns den kleinen Schönheiten. Wer sich auskennt, wirft rätselhafte Namen wie „Grüne Hohlzunge“, „Weißes Waldvögelein“ oder „Angebranntes Knabenkraut“ in die Runde.

Ziegen haben die exotische Pracht besonders gern

Die meisten Wildorchideen sind 15 bis 30 Zentimeter groß und sehen wie zarte Miniaturausgaben der üppigen Verwandtschaft in den Tropen aus. Manche verströmen einen feinen Duft. Sie wachsen auf Wiesen und zwischen Steinen, im Wald und sogar am Rand von Wanderwegen.

Der Ort Rodi Garganico liegt auf einem hohen Felsen, der den Sandstrand überragt.

Etwa 200 wilde Orchideen gibt es weltweit, 85 davon wachsen im Gargano, 61 am Monte Sacro. Das „Kleine Knabenkraut“, so berichtet Quitadamo, wurde hier früher als eine Art Viagra genutzt. Getrocknet und pulverisiert wurde es zur Stimulanz in Getränke gemixt. Heute steht es wie alle Orchideen im Gargano unter Naturschutz. Bergan werden die Bäume dichter und die Orchideen seltener. Andere Blumen lösen sie ab – Cistrose, Storchschnabel, Wolfsmilch. Wie kleine Spinnen schweben die filigranen lila Blüten über dem Grün. Es duftet nach Thymian, Kerbel und Pimpinelle.

Plötzlich kracht es im Unterholz. Ein Reh? Das würde nicht so viel Lärm machen. Ein Wildschwein? Nein größer! Noch einmal poltert ein Stein – dann outet sich das Tier im Gehölz mit einem tiefen „Muuuh“. Kühe leben hier halbwild im Bergwald, das hält sie schlank und sportlich. Wenn Jungtiere über eine Wiese galoppieren, springen sie wie Fohlen.

Die Nordküste der Gargano-Halbinsel

Unterhalb des Gipfels liegt eine große Benediktiner-Abtei aus dem 11. Jahrhundert im Wald versteckt. Zu ihrer Blütezeit dürften hier über 100 Mönche gelebt haben. Sie bauten Gemüse an, fingen das Wasser vom Gipfel in einer Zisterne auf. Das Kloster war Pilgerziel und mit einer großen Bibliothek auch geistiges Zentrum der Region. Die Dimensionen des Glockenturms beschwören Bilder aus dem Film „Im Namen der Rose“ herauf – nur dass jetzt zwei Kühe in den Ruinen der Kapelle wiederkäuen und in den ehemaligen Schlafsälen Bäume wachsen. Noch gut erkennbar ist die ehemals dreischiffige Kirche. Das Kloster gehörte zu den bedeutendsten seiner Zeit. Auch Wissenschaftler des Deutschen Nationalmuseums in Nürnberg haben hier geforscht. Im 16. Jahrhundert wurde die Abtei aufgegeben. Geblieben sind Legenden von Mönchen, die sich dem Satanskult ergeben haben sollen. Auch von „Fliegenden Mönchen“ ist die Rede.

Vom Gipfel des 872 Meter hohen Monte Sacro hat man einen wunderbaren Blick. Bei klarem Wetter liegt einem hier halb Apulien zu Füßen.

Auf dem Rückweg stehen sie dann in voller Breite auf der Straße. Schwarz, mit langen Bärten, meckernd. Flankiert von drei schneeweißen Bodyguards. Ein Ziegenherde mit Hütehunden. Noch trennen sie ein paar hundert Meter von dem Orchideenhang. Gut vorstellbar, wie die Blüten vor dieser Invasion zittern. Doch manche Orchideen haben auch Abwehrstrategien entwickelt, weiß Experte Quitadamo. Die Bocks-Riemenzunge zum Beispiel stinkt, um nicht gefressen zu werden. Und wenn doch, dann hinterlassen die Ziegen wenigstens Dünger – für die Blüten im nächsten Jahr.

Monika Reuter

REISE-INFOS GARGANO

REISEZIEL Der Gargano ist ein Naturpark am Sporn des italienischen Stiefels. Herzstück der 2000 Quadratkilometer großen bergigen Landschaft ist der Foresta Umbra. Entlang der zum Teil steil abfallenden Adriaküste gibt es viele Grotten, die mit dem Boot befahren werden können. 

ANREISE Mehrmals wöchentlich ab München mit Air Berlin oder Lufthansa nach Bari, Preis: rund 170 Euro. Mietwagen: Am Flughafen von Bari gibt es diverse Anbieter. Wochenpreis etwa 240 Euro für einen Kleinwagen. Von Bari nach Mattinata sind es 130 km.

REISEZEIT Jederzeit, außer im überlaufenen Juli/August. Die Orchideenblüte im Gargano beginnt im April und endet Mitte Mai.

REISETYP Für wanderfreudige Augenmenschen, die Spaß an weitgehend unberührter Natur haben. Außerdem bergfeste Radler und kulturell, historisch und religiös Interessierte.

WOHNEN Der in einer Ebene gelegene Ort Mattinata ist ein guter Ausgangspunkt für Wanderungen. „Torre del Porto“ ist ein einfaches, aber solides Hotel mit Pool, das etwas außerhalb in einer Olivenplantage versteckt ist. Zum Strand sind es etwa 200 Meter. Um 40 Euro pro Nacht/Person. Internet: www.torredelporto.it.

SEHENSWERT MONTE SARACENA: Der fünf Kilometer von Mattinata entfernte Berg am Meer ist ein gigantischer vorchristlicher Friedhof. Die Daunier haben fast 800 Gräber in den Fels geschlagen, viele der Grabbeigaben sind im örtlichen Museum ausgestellt. APOTHEKE IN MATTINATA (Corso Matino 114): Ihr ist ein kleines Privatmuseum mit vorchristlichen Fundstücken und ländlichen Antiquitäten angeschlossen. Apotheker Sansone Matteo (1916 – 1992) war leidenschaftlicher Archäologe, der den Wert von Funden aus den daunischen Gräbern erkannte und sie gerettet hat. Die Apotheke betreibt inzwischen sein Neffe. VIESTE: Eine typisch süditalienische Stadt mit engen steilen Gassen. In der Kathedrale wurde vom Mittelalter bis zum Barock übereinandergebaut. Und über dem Ganzen schwebt eine Holzdecke, deren illussionistische Malerei ein weiteres Stockwerk vorgaukelt. Hoch über der Stadt thront ein Stauffer-Schloss, das heute eine geschlossene militärische Zone ist. MONTE ST. ANGELO: Mittelpunkt des 15 Kilometer nördlich von Manfredonia gelegenen Ortes ist die Wallfahrtskirche San Michele in einer Grotte gut zwölf Meter unter der Erde. Der Legende nach soll hier der Erzengel den Hirten erschienen sein.

GASTRO-TIPP In einer verglasten Veranda über dem Strand in Mattinata thront das Restaurant „Giardano Monsignore“. Hier gibt es gut bürgerliche Küche mit viel frischem Fisch und Gemüse aus der Region. Frittierte Meeresfrüchte kosten 15 Euro, ein mehrgängiges Menü ab 30 Euro. Von April bis Oktober täglich geöffnet. www.monsignore.it.

HEILIGENKULT Pater Pio, Italiens liebster Volksheiliger, ist überall präsent. Der 2002 heilig gesprochene Kapuziner starb 1968 in San Giovanni Rotondo, wo ihm eine neue Kirche gebaut wurde.

WANDERN Oberhalb der Klippe führt ein Naturpfad von Mergoli nach Vignanoticia. Über 2500 Pflanzen sind in dieser Region beheimatet. Neben dem ständigen Duft nach Rosmarin erfreut ein schöner Blick aufs Meer die Wanderer.

BERGMESSE Jedes Jahr am 11. Juli gibt es eine Pilgerwanderung zum Kloster auf dem Monte Sacro – mit einer Messe auf dem Berg.

WEITERE INFOS Italienisches Fremdenverkehrsamt in Frankfurt, Tel.069/23 74 34, www.enit.de, oder www.garganoincoming.com.

Kommentare