Boot und Spiele: Urlaub vor der Küste Dalmatiens 

Die Kreuzfahrt mit dem Kick

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Fernab vom Rest der Welt: Die Macek ankert in einer einsamen Bucht.

Während der Fußball-EM verreisen? Noch dazu auf einem kleinen Motorsegler? Die Leinen zum Alltag kappen und trotzdem spieltechnisch am Ball bleiben? Ob das funktioniert?

Unsere Autoren Oliver Bendixen und Christine Hinkofer haben’s mit einer Gruppe von Freunden ausprobiert. Ihr Tagebuch einer Kreuzfahrt mit Kick vor der Küste Dalmatiens:

SAMSTAG Von Trogir zur Insel Brac

Deutschland - Portugal 1:0

Signal für das Spiel: Kapitän Teo (re) und Offizier Joschko montieren die Antenne auf den Führerstand der Macek.

Wir haben auf der Macek die Aktiv&Cappuccino-Tour von Trogir nach Dubrovnik und retour gebucht. Das heißt, dass man kein festes Programm hat, sondern nach Lust und Laune entscheiden kann, wo’s langgehen soll; ob das Ziel des Tages ein kleiner Hafen ist oder eine Bucht, ob wir unterwegs mal aussteigen und radeln oder wandern wollen oder einfach nur faul an Deck liegen, während das Schiff durch die Wellen pflügt.
Aber heute bestimmt König Fußball. Denn um 20.45 Uhr ist Anpfiff für das erste Deutschland-Spiel gegen Portugal. „Wir müssen in einen Hafen, damit wir Strom und Signal haben“, sagt Kapitän Teo. Und wir sagen natürlich nichts dagegen. Wir, das sind neun mehr oder weniger fußballbegeisterte männliche Passagiere, zehn weniger fußballbegeisterte weibliche Passagiere und eine Mannschaft von fünf sehr fußballbegeisterten Kroaten.
Teo wählt Pucisce, einen kleinen geschützten Hafen an der Nordküste der Insel Brac. Dreieinhalb Stunden Fahrzeit, Badepause unterwegs, die Zehen in die noch frühsommerkühle Adria halten. Schiffskoch Stipe arbeitet am Abendessen. Es gibt Rindsroulade mit Blaukraut und Kartoffelgratin, gute deutsch-kroatische Hausmannskost als Nervenfutter für den Spieleabend.

Blick auf den Hafen von Pucisce, in dem wir am Samstag das Spiel Deutschland – Portugal schauen.

Ankommen in Pucisce – noch eineinhalb Stunden bis zum Anpfiff. Zeit, um das Städtchen am Rande des berühmten Steinbruchs von Brac, aus dem auch das Material für das Weiße Haus in Washington stammt, zu erkunden. Ein imposantes Gebäude an der Hafeneinfahrt: die Steinmetzakademie. Zwei ältere Herren, leibhaftige Ballträger, kommen vom Strand, das Handtuch geschultert. Bei der Blechbläserkapelle, die im kleinen Theatersaal neben dem Hafen übt, läuft das Spiel noch nicht ganz rund. An der Kirche liegt der Dorfkater entspannt im Blumenbeet.

Im ersten Café am Platz steht die Leinwand für das Public Viewing. Im zweiten Café am Platz steht nichts, da finden sich die Fußball-Verächter ein. Blick auf unser Schiff: Lange bleibt es dort verdächtig still, dann hallt der Freudentaumel über die Bucht. Endlich! Ein Tor, das einzige in dieser Nacht. Der Kater im Blumenbeet steht auf und räkelt sich. Sein Spiel beginnt jetzt.

SONNTAG Von Brac nach Hvar und Korcula

Kroatien - Irland 3:1

„Kein Risiko heute abend“, ruft der Kapitän und turnt auf dem Dach seines Steuerstands herum. Mit Kabelbindern klemmt er einen Besenstiel an den Handlauf und darauf eine Fernsehantenne. Wenn wir heute abend in einer einsamen Bucht ankern, müssen wir unbedingt TV-Empfang haben. Kein Risiko – heute spielt Kroatien gegen Irland.

Aber noch ist es früh. Wir tuckern gemächlich die Küste von Hvar entlang. Viel Stein, viel Grün. Und plötzlich ist da dieser Mann, splitterfasernackt. Robinson? Oder der letzte Jäger und Sammler auf der längsten Insel des Archipels? „FKK“, sagt Reiseleiter Dario und deutet auf einen kleinen Campingplatz zwischen den Bäumen am Ufer.

Bordleben: Fröhliche Runde an Deck.

In Racisce auf der Insel Korcula packt uns selbst der Sportsgeist. Erstmals kommen die Radl, die wir an Bord haben, zum Einsatz. Zwölf Kilomter geht es auf winzigen Sträßchen die Küste entlang bis Korcula Stadt, vorbei an kalksteinweißen Ferienhäuschen mit üppig blühenden Vorgärten. Eine stille Idylle, wie man sie sonst am Mittelmeer nur noch selten findet.

In Korcula, einst südlichste Stadt der Republik Venedig an der Adria, kaufen wir zwei Kroatien-Flaggen auf dem Markt. Von der Terrasse der Bar Tramonto können wir dem ersten Autokorso zuwinken. Als wir um 18 Uhr an Bord gehen, knallen an der Hafenpromenade die Böller. Wohlweislich verziehen wir uns in die Nachbarbucht. Wenn die schon vor dem Sieg so feiern...

MONTAG Orebic/Peljesac, Sipan/Elafiten

Frankreich - England 1:1

Ukraine - Schweden 2:1

Unsere Mannschaft ist noch ganz erschöpft vom Vortag. 3:1 gegen Irland – das kostete Kraft und Nerven. „Wir haben den Iren Irish Coffee eingeschenkt“, steht in der Zeitung, die der Kapitän aus Korcula mitgebracht hat. Frühmorgens war er mit dem Beiboot hinübergerudert, um frisches Brot fürs Frühstück zu holen.

Am Glockenturm von Sipan

Heute morgen wandern wir von Orebic auf der Halbinsel Peljesac hinauf zum Franziskanerkloster aus dem 15. Jahrhundert. Ein guter Ort, um sich zu bedanken. Für Spielergebnisse und andere Erfolge im Leben. Die Kapitäne, die von hier seit Jahrhunderten zur See fahren, tun das auch, wie die Gaben im Klostermuseum dokumentieren. Dann zeigt uns Maria, die Winzerin, wofür Kroatiens längste Halbinsel hauptsächlich steht: An den steilen Hängen reifen die Reben für die berühmten Rotweine Dingac und Plavac Mali. Im Garten eines würdevollen alten Kapitänshauses lädt Maria zur Weinprobe. Dazu gibt es geräucherten Schafskäse und goldgelbes Olivenöl, das wir mit Weißbrot tunken.

Und dann weiter. Um 18 Uhr laufen wir im Hafen von Sipan, der größten Insel der Elafiten-Gruppe ein. Allerdings lässt die Partie Frankreich – England uns eher kalt. Wir nutzen den Abend, um das Gastronomie-Angebot von Sipan umfassend zu testen. Im Restaurant rechts der Hafeneinfahrt (schöner Blick) nehmen wir zur Vorspeise ein Fischrisotto, im Restaurant links der Hafeneinfahrt (schöner Blick) ordern wir den Meeresfrüchte-Salat und aus alter Jugoslawien-Reminiszenz ein Cevapcici. Das muss sein. Nach einer stimmungsvollen kroatischen Gesangseinlage in der Bar am Kai gehen an Bord die Lichter aus.

DIENSTAG Sipan – Dubrovnik

Griechenland - Tschechien 1:2

Polen - Russland 1:1

Beflaggte Essensausgabe an Bord

Heute kommt der Jugo ins Spiel, ein kräftiger Wind, der aus dem Süden bläst und nicht nur das Meer unruhig macht. „Eine Runde Rock’n Roll!“ ruft Teo, und ist nur mäßig begeistert von dem Tanz, den die Macek auf den Wellen vollführt. „Mehr Diesel, mehr Zeit.“ Eine Stunde später als geplant laufen wir im Hafen von Dubrovnik ein. Das Mega-Kreuzfahrtschiff Queen Victoria sammelt gerade seine 4000 Passagiere ein, die im Gänsemarsch durch die Altstadt getrieben wurden. Der Aufstieg auf Dubrovniks begehbare Stadtmauer gestaltet sich nach einem opulenten Mahl in einer der vielen Restaurant-Gassen erwartungsgemäß schwierig. Noch ein Eisbecher am Stadttor und banges Warten auf den säumigen Linienbus A1 zurück zum Hafen. Ankunft drei Minuten vor Ablegen der Macek. Die Mannschaft ist gelassen. Tschechien gegen Griechenland ist kein Pflichttermin am Fernseher.

MITTWOCH Elafiten – Mljet – Korcula

Dänemark - Portugal 2:3

Deutschland - Niederlande 2:1

Der Jugo hat sich in der Nacht verabschiedet. Er hinterlässt einen blankgeputzten Himmel. Tiefblau strahlt er über unserem Ankerplatz in einer Bucht vor der kleinsten Elafiten-Insel Jakljan. Teo hatte das Boot hier am Vorabend sturmsicher an zwei Molen vertäut. Die Überfahrt von Dubrovnik hatte nicht nur die zwei 300-PS-Motoren der Macek, sondern auch unsere Mägen bis aufs Äußerste gefordert.

Ballakrobaten in der Bucht

Heute haben wir Mljet auf dem Programm, die grünste Insel Kroatiens, auf der nur 800 Einwohner leben. Der nördliche Teil ist Nationalpark, dort breitet sich dichter Wald um zwei azurblaue Binnenseen aus. Wir umrunden sie mit dem Rad und bei einer Badepause an einem einsamen Plätzchen unter uralten Aleppo-Pinien kommt uns vage der Gedanke, dass es auf dieser Welt doch noch was Schöneres geben kann als Fußball.

Trotzdem: Um 18 Uhr laufen wir im Hafen von Lombarda an der Ostspitze von Korcula ein. Der Ort mit zahlreichen Neubauten ist sicher nicht der schönste an der dalmatinischen Küste. Aber er bietet alles, was wir für diesen Abend, an dem Deutschland gegen die Niederlande spielt, brauchen: Strom und Signal für den Fernsehabend auf der Macek, und für Fußball-Muffel eine Strandbar im Karibik-Look mit guten Cocktails zu Livemusik. 2:1 für Deutschland – bitte noch einen Caipirinha!

DONNERSTAG Lombarda – Marinovac/Hvar

Italien - Kroatien 1:1

Spanien - Irland 4:0

Kroaten haben einen Sinn fürs Praktische. Die Tankstelle auf Korcula, die wir kurz nach dem Ablegen von Lombarda ansteuern, kann Autos und Schiffe gleichermaßen bedienen. Richtig fröhlich ist unser Kapitän heute nicht. 2000 Liter Diesel bunkert er – und das bei Deutschland-ähnlichen Treibstoffkosten. „Wenn wir heute abend verlieren, gibt es nichts zu essen“, droht Teo. Aber er hat die Rechnung ohne den Koch gemacht. Seit dem Frühstück werkelt Stipe in seinem Reich. Heute abend steht das Captain’s Dinner auf dem Plan.

C. Hinkhofer/ O. Bendixen

Zwei kleine Inseln, zwei stille Buchten, schwimmen, lesen, im Liegestuhl dösen, testen, ob kroatische Fische deutsche Kekse lieben – unser Programm für den Ruhetag auf See. Andere Motorsegler begleiten uns in Richtung Norden. Wunderschön anzuschauen auf den tiefblauen Wellen und doch traurig zugleich. Es ist ein untrübliches Zeichen dafür, dass unser Törn zu Ende geht. Enden heute abend auch die kroatischen Träume vom EM-Titel? Um 18 Uhr spielen unsere Freunde gegen Italien. Eine Stunde vor Anpfiff laufen wir in einer Bucht im Westen von Hvar ein. Teo und Joschko richten die Antenne aus, das Ergebnis ist unbefriedigend. Nur italienische Sender. „Gegen Italien bin ich heute al­lergisch“, sagt Teo und kratzt sich dabei symbolisch am Arm.

Zum Anpfiff kriegen wir dann doch noch das kroatische Signal rein. Das Spiel läuft im Salon hinter verschlossenen Türen, bitte nicht stören! Die Fußballmuffel fiebern an Deck dem Ende entgegen. Bange Frage: Wie wird die Stimmung beim Captain’s Dinner sein? Um 20 Uhr läutet die Schiffsglocke. Alles bestens. „We had many luck“, strahlt Joschko. Stipe präsentiert uns eine bombastische Grillplatte und zum Nachtisch duftige Fritule, kleine in heißem Fett herausgebackene Quarkbällchen mit Rosinen. Kroatische Schiffsköche haben das Rezept, um deutsche Seefahrer glücklich zu machen.

FREITAG Hvar – Split – Trogir

Ukraine - Frankreich 0:2

Schweden - England 2:3

Auf der Strecke nach Split begleiten uns drei große Kreuzfahrtschiffe. Der Palast des römischen Kaisers Diokletian, der wesentliche Bestandteile der Altstadt ausmacht, wird überfüllt sein. Wir freuen uns trotzdem. Die Frauen auf die schicken Schuhgeschäfte, die Männer auf die schicken Mädchen. Aus Split, so sagt man, kommen die schönsten Frauen Kroatiens.

Drei Stunden später: Split war tatsächlich sehr voll. Aber den Charme der Stadt mit ihren italienischen Piazzas können auch Menschenmassen nicht unter sich begraben. Split muss man gesehen haben.

Fußballtechnisch ist der Tag sowohl aus deutscher wie aus kroatischer Sicht zu vernachlässigen. Aber das ist nicht der einzige Grund, weshalb wir es gar nicht eilig haben, den Hafen von Trogir zu erreichen. Dort sind wir vor einer Woche an Bord der Macek gegangen. Das Ende unserer Reise naht und wir tun uns schwer, uns von diesem Land, seinen Inseln, dem Meer und den Menschen zu verabschieden. Noch ein letzter Abendbummel durch die Gassen von Trogir, auch diese Stadt ist seit 1997 Weltkulturerbe. Ein letztes Bier an der Promenade, eine letzte kurze Nacht in unserer gemütlichen Kabinen auf der Macek, unserem Schiff. Morgen, wenn wir um sechs Uhr im Bus zum Flughafen sitzen, nimmt es eine neue Gruppe in Besitz.

Auf den Plätzen von Trogir zeigen sie an diesem Abend beim Public Viewing noch einmal das Kroatien-Spiel von gestern. Wenn wir die Zeit nur auch so einfach zurückdrehen könnten ...

NACHTRAG Zurück daheim

Was bleibt von diesem Traumtrip zu den Inseln vor der Küste Kroatiens ist das Schaukeln unter den Füßen, der Rhythmus der Wellen, lange noch. Am Sonntagabend Fußball-Krimi geschaut: Dänemark gegen Deutschland. Am Montag mit Kroatien gegen Spanien gezittert und gelitten. Astreiner Empfang vor dem heimischen Fernseher. Aber wir vermissen das Bild von der Besenstil-Antenne im Salon der Macek. Mails gehen rum, es wird telefoniert: „Schön war’s, so schön... Was meinst du? Nächstes Jahr wieder?“

DIE REISE-INFOS

Die Macek gehört zur Flotte des Reiseveranstalters Riva Tours. Der Münchner Kroatien-Spezialist hat insgesamt 27 Motorsegler im Programm, die ab den Häfen Rijeka, Trogir, Zadar und Dubrovnik auf verschiedenen Touren und mit verschiedenen Aktiv-Schwerpunkten (Sightseeing, Wandern, Radeln) oder einer Mischung davon (so genannte „Aktiv- und Cappuccino-Tour“) kreuzen. Preise mit Halbpension ab 299 bis 969 Euro pro Person und Woche zuzüglich Fluganreise. Privatcharter der Schiffe je nach Saison und Größe ab 2289 bis 17697 Euro pro Woche. Nähere Infos bei i.D. Riva Tours unter Tel. 089/231 10 00, www.idriva.de.

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