Dallas in Niederbayern

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Dallas in Niederbayern: Die Füssinger sitzen an der Quelle. Den J.R.-Hut setzte Rudolf Weinberger aber nur fürs Foto auf. Sonst mags der Direktor von Europas erfolgreichstem Kurort lieber bayerisch.

Die Geschichte liest sich wie die niederbayerische Version von Dallas. Alles drin: Öl, Reichtum, Erfolg, auch ein bisserl Neid und ein paar Niederlagen.

Nur, dass der Chef hier so ganz anders ist als der J.R. aus der Fernsehserie, nämlich grad raus, standhaft und sehr zielstrebig. Niederbayerisch eben.

Dieser hier, obwohl vor einem halben Jahrhundert quadratisch-praktisch und eigentlich recht lieblos am Reißbrett entworfen, ist heute nicht nur sehr vital, er atmet sogar, sichtbar.

Der Bohrturm von 1938: Doch statt des erhofften Öls sprudelte heißes Wasser aus 1000 Metern Tiefe.

Wie aus einem Waschkessel steigt über der Wasserschleife der Europa Therme von Bad Füssing an diesem schneekalten Februartag der Dampf auf. Von der Aussichtsplattform am Hallenbad beobachtet Kurdirektor Rudolf Weinberger, wie die Badegäste durch den Kanal tudeln. Eigentlich sollte man in dem 120 Meter langen Therapiebecken, gefüllt mit 36 Grad warmen Thermalwasser, ja gegen den Strom schwimmen – zur Muskelstärkung. „Aber da kannst fünf Bademeister an den Beckenrand stellen und es hilft trotzdem nix“, sagt Weinberger. Aufregen könnt er sich...

Aber dafür der Mann mit der barocken Statur zu sehr Bayer. Niederbayer, was noch eine Steigerung eines recht stabilen Gemütszustands ist. Niederbayern haben ein angeborenes Gelassenheits-Gen und eine gesunde Portion Sturheit. Mit dem Strom schwimmen, wie die Urlauber im Kanal, das kommt für Menschen wie Herrn Weinberger nicht in Frage. Sie rudern antizyklisch, und trotzen selbst größten Widrigkeiten. Solchen wie, sagen wir es mal deutlich, dem „Kurkiller“ Gesundheitsreform.

Die erste Therme: Erst nach Kriegsende rollte das Geschäft mit dem mineralhaltigen Heilwasser an.

Ja, so muss es sein. Und nur so erklärt es sich, dass sie ausgerechnet hier im strukturschwachen Grenzland, das vom Zukunftsrat der Staatsregierung gerade knallhart ins Abseits gekickt wurde, eine beachtliche Erfolgsgeschichte hingelegt haben. Eine die eigentlich besser nach Amerika passt. Nach Texas, weil es ursprünglich mal um Öl ging. Dallas in Niederbayern.

Angefangen hatte alles vor 70 Jahren, als sie auf der Suche nach Erdöl den ersten Bohrer in den Boden des brettlebenen und damals noch bettelarmen Inntals getrieben haben. Weil sie aber in 1000 Meter Tiefe nur auf heißes, stinkendes Wasser gestoßen sind, war der Traum vom schnell fließenden Reichtum schnell wieder ausgeträumt. Deckel drauf.

Erst nach dem Krieg hat sich der Landwirt Franz Ortner an die Quelle erinnert und sie für Traktoren- und sonstige Reinigungszwecke wieder freigelegt. Und weil der Tümpel mit dem wohligwarmen Wasser ganz gut angenommen wurde, auch von den ersten Sommerfrischlern, hat er ein paar Zuber aufgestellt und pro Bad ein Zehnerl kassiert.

So unspektakulär begann die Erfolgsgeschichte eines niederbayerischen Bauerndorfs als Kurort. Eine, die den Bad Füssingern heute europaweiten Ruhm einbringt. Weil sie nämlich alle anderen inzwischen abgehängt haben.

Ein Kurort auf der Erfolgswelle: In den 60-er Jahren kamen zur Therme 1 die Therme 2 und das Johannesbad hinzu.

Das Beste daran: Mit seinen 15.000 Gästebetten und der Tourismus-Maschinerie drumrum ist Bad Füssing der Arbeitsplatz-Garant für die gesamte 7500-Einwohner-Gemeinde und die umliegende Region. Keine Abwanderung der Jungen wie in anderen ländlichen Gebieten. Ganz im Gegenteil: Die Enkelin vom Bauern Ortner, der sich nach dem Krieg wieder der Thermalwasserquelle besann, hat gerade das Familienhotel, den Lindenhof, frisch renoviert.

Wenn man Kurdirektor Weinberger fragt, auf was der Erfolg seiner Gemeinde im Wesentlichen basiert, dann bekommt man eine sehr knappe Antwort: „Ganz einfach: Das ist das Wasser!“ Wasser in einer Mineralien-Konzentration, die so nur hier vorkommt. Wasser, das vielleicht keine Wunder bewirken kann, aber gästen schlichtweg umgedreht haben. Bei einer durchschnittlichen Verweildauer, die mit zehn Tagen doppelt so hoch ist wie in allen anderen bayerischen Urlaubsorten. Da war, sagt Weinberger, auch bei den privaten Investoren viel Überzeugungsarbeit nötig, „dass wir interessanter werden müssen, qualitätvoller, in der Hotellerie, im Unterhaltungsprogramm, beim Freizeitwert, bei allem.“

Aus dem Kurort wurde ein, so nennen sie das heute, Gesundheitsstandort, wo man nicht mehr nur Leiden auskuriert, sondern lernt, vernünftig zu leben, mit Therapien, Beratung und Ernährungsprogrammen. Sie haben das gestemmt. Und nicht nur, weil in Bad Füssing auch einmal eine Opernsängerin Mont- serrat Caballé auftritt, weil das Inntal ein ideales Wander- und Radlrevier ist, weil beinahe jedes Vier-Sterne-Hotel seine eigene Therme unterhält, kommen Gäste wie Ingrid und Walter Poiger seit 15 Jahren immer wieder hierher. Sie lieben die Gegend, sagen die beiden, sie ehemalige Buchhalterin, er Kaufmann, auf dem Papier beide bald 70 Jahre alt, dem Augenschein nach aber genau das Paar, das man in der Werbung als vitale Best-Ager präsentiert. „Wir wollen beweglich bleiben“, sagen sie. An Bad Füssing schätzen sie das Wasser, die gute Hotellerie (ihr Lieblingshaus ist das „Apollo“), die persönliche Atmosphäre, aber auch die Ruhe und Gelassenheit, die der Ort ausstrahlt. Aufregendes brauchen sie in ihrem Alter im Urlaub nicht mehr, sagt Frau Poiger. Abenteuer ist, wenn sie sich abends eine Domina bestellen (was kein erotisches Beiprogramm ist, sondern ein kräftiger Rotwein). Oder wenn sie mit 50 Euro Taschengeld in die Spielbank gehen.

Las Vegas in Niederbayern: Seit 1990 hat Bad Füssing eine Spielbank

Die Spielbank: Noch so eine Einrichtung, die sich Bad Füssing im Zuge der Attraktivitäts-Steigerung geleistet hat, damals, 1999, als es um alles oder nichts ging. Las Vegas in Niederbayern. Und auch wenn der BSE, der Brutto-Spielertrag, an dem die Gemeinde profitiert, mit der Einführung des bayerischen Nichtrauchergesetzes dramatisch gesunken ist – Rudolf Weinberger hat auch diese Entscheidung bis heute nicht bereut. Wer weiß, wofür es noch gut ist. Vielleicht könnte man als moderner Gesundheits-Standort ja mal eine Therapie gegen die Spielsucht anbieten. Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man schließlich Schönes bauen. Nein, dieser Satz stammt nicht von Kurdirektor Weinberger, sondern von Goethe. 

Christine Hinkofer

DIE INFOS ZU BAD FÜSSING

REISEZIEL Bad Füssing ist ein Kurort im niederbayerischen Bäderdreieick, zu dem außerdem das ländliche Bad Birnbach und das auf Golfer spezialisierte Bad Griesbach gehören. Bad Füssing wurde 1971 aus den Gemeinden Safferstetten, Egglfing am Inn, Würding und Aigen neu gebildet. Nach Passau sind es rund 30 Kilometer. Über den Inn führt eine Brücke ins österreichische Obernberg.

ANREISE Mit dem Auto auf der B12 von München zirka 160 Kilometer, knapp zwei Stunden Fahrzeit.

HEILWASSER Lebensquell des Kurbades ist das Thermalwasser, das 56 Grad heiß aus 1000 Meter Tiefe an die Oberfläche sprudelt, jeden Tag 2,4 Millionen Liter davon. Es hilft gegen Rückenbeschwerden, bei Rheuma und Gelenkerkrankungen und Osteoporose. Auch nach chirurgischen Eingriffen wie etwa Hüftgelenksoperationen werden Kuraufenthalte in Bad Füssing empfohlen.

KURBÄDER Bad Füssing hat drei Thermalbäder: Das Johannesbad mit den als Weltneuheit propagierten feinen Luftsprudeldüsen am Beckenboden (zur Fußreflexzonenmassage); die Europatherme mit Strömungskanal und die Therme 1 mit angrenzendem großen Saunahof (Specials: Heuboden- und Kartoffelsauna). Zusätzlich werden in Bad Füssing 24 Hotels von der Urquelle gespeist.

WELLNESS „Bei uns steht der Gesundheitsaspekt an erster Stelle“, sagt Kurdirektor Rudolf Weinberger. Bad Füssing wolle sich ausdrücklich von Freizeit- und Spaßbädern abgrenzen. Nichtsdestotrotz bietet der Kurort heute alle erdenklichen Spielarten der Wellness-Anwendung von Ayurveda bis Zen-Meditation als Zusatzprogramm an.

GESUNDHEITS-TREFF Seit 2008 bietet Bad Füssing Gästen, die ohne ärztliche Verordnung kommen, mit dem „Treffpunkt Gesundheit“ eine Service-Plattform an. Experten helfen Gästen hier, sich in dem riesigen Angebot zurechtzufinden, und das optimale Programm für ihren persönlichen Zuschnitt zu finden. Einstiegs-Check-Up: 39 Euro. Im Service-Center an der Kurallee 1. Tel. 08531/9446181.

LEBENSTIL-TRAINING Zusammen mit der Technischen Universität München und dem Klinikum Rechts der Isar wurde für Bad Füssing ein Programm erarbeitet, das das Individuelle Gesundheitsmonogramm (IGM) ermittelt. Es zeigt die persönlichen Defizite und Erkrankungsrisiken bzgl. Diabetes, Herz-Kreislauf-Problemen oder Stressfolgeschäden auf, und Wege, die der Patient beschreiten muss, um sie zu vermeiden. Mit Ausführungsplänen für 12 Wochen, verlängerbar auf ein Jahr, soll es eine Anleitung für eine „Reise in ein gesünderes Leben“ sein.

KULTUR Das Bad Füssinger Kulturprogramm listet 2200 Veranstaltungen pro Jahr auf, 1500 davon können mit Kurkarte kostenlos besucht werden. Der Ort hat ein eigenes Kurorchester mit 14 Musikern und zwei Kinos mit täglich wechselndem Programm.

SPORT Rund um Bad Füssing wurden 160 Kilometer Nordic- Walking-Strecken angelegt, das Radwegenetz umfasst 400 Kilometer (neuerdings auch E-Bike-Verleih). Für Kinder gibt es ein Freibad ohne Thermalwasser. Im Winter wird eine Kunsteisbahn präpariert.

WEITERE INFOS Kur- und Gästeservice Bad Füssing, Rathausstraße 8, Telefon 08531/975580, im Internet: www.badfuessing.de.

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