Ein lebendiges Geschichtsbuch des Dorfes

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Zum diesem Bauernbett mit Baldachin weiß Elisabeth Bätz eine persönliche Geschichte zu erzählen. Denn die Stickerei vorn auf dem Überwurf stammt noch von ihrer Mutter.

Ihr Alter sei unwichtig, meint Elisabeth Bätz, als sie die Tür zum Turmeingang des Heimatmuseums in Friedewald aufschließt. Und doch soll hier erwähnt werden, dass die mittlerweile 88-Jährige dort seit 1968 als Aufsichtsperson zur Verfügung steht. Sie habe damals beim Aufbau des Museums mitgeholfen, sagt sie und kann sich noch an viele Einzelheiten aus der Anfangszeit erinnern.

Überhaupt ist das Gedächtnis der rüstigen Seniorin bis heute erstaunlich rege geblieben. Denn gleich nach Betreten des Ausstellungsraums beginnt sie über die Herkunft der Balken einer Fachwerkwand zu erzählen. Sogar den Schichtaufbau eines Lehmgefaches könnte ein Experte kaum besser erklären.

An der Gegenseite des Museums hängen an der Wand hinter einem offenen Podest mit Erntewagen und landwirtschaftlichen Geräten drei große Fotos mit Motiven aus dem dörflichen Alltag. Obwohl die Personen darauf bis auf eine längst nicht mehr leben, sind sie Elisabeth Bätz alle persönlich bekannt. Dabei ist ihr eigenes Alter für die Funktion als Museumsführerin eher ein Vorteil.

So etwa hat sie die dörflichen Sitten und Gebräuche aus früherer Zeit zum Großteil noch selbst erlebt. Sie weiß wie aus entrahmter Milch Kochkäse hergestellt wird und dass die Aufbewahrung im Bett den Reifeprozess förderte. Zudem ist ihr das Plätten von Stoffbahnen mit der Bügelrolle ebenso geläufig wie das Rezept von „Geriebenem Brei“ oder auch „Schlekkerbrei“ genannt. Über dieses regionaltypische Gericht habe der Hessische Rundfunk in der Museumsküche sogar eine Fernsehsendung fürs dritte Programm aufgenommen. Sie selbst koche sich den Brei auch heute noch, bekennt sich Elisabeth Bätz zu einer ihrer Lieblingsspeisen und zählt alle Zutaten sowie deren Zubereitung wie aus dem Kochbuch vorgelesen auf.

Einige Schritte weiterberichtet sie schmunzelnd über einen US-Amerikaner, der sich vor einem alten Bauernbett auf den Boden gelegt hat, um dessen Länge zu messen. Dieses Bett sei selbst für die damals kleineren Menschen zu kurz gewesen, zweifelte der Besucher aus den USA die Originalität des Möbelstücks an. Daraufhin erklärte ihm die Museumsführerin, dass die Menschen früher mehr in sitzender Körperhaltung geschlafen hätten. Denn Liegen habe im Aberglauben den nahen Tod bedeutet.

Manches habe sie sich auch angelesen, gibt sie ohne weiteres zu, so zum Beispiel über die Auswanderer nach Amerika in der Zeit von 1836 bis 1875. Viele davon hätten nach dem großen Brand im Jahr 1865, als ganze Häuserzeilen dem Feuer zum Opfer fielen, ihr Heimatdorf aus purer Not verlassen. Mit einem Blick auf die lange Namensliste der Fortgegangenen ist der ausführliche Museumsrundgang beendet.

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