"Kinder ertrinken leise" - Badesee als tödliche Falle

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Seen, Flüsse und Meere bieten im Sommer die Chance auf Abkühlung: Aber sie bergen auch Risiken. Foto: Julian Stratenschulte

Jedes Jahr ertrinken etwa 400 Menschen in Deutschland. Besonders im Sommer häufen sich die tödlichen Unfälle. Ältere Menschen überschätzen sich, Kinder werden zu wenig geschützt. Neue Risikogruppen sind dazu gekommen.

Berlin (dpa) - Die tödlichen Gefahren für kleine Kinder lauern schon im flachen Wasser. Gerade in Badeseen gibt es im Uferbereich einzelne tiefere Stellen. Oder zwei, drei Schritte weg vom Ufer und das Wasser wird tief. Dann kann es schnell zu spät sein.

"Kinder ertrinken leise", erklärt der Rettungsschwimmer Frank Villmow von der DLRG Berlin. "Sie schreien nicht um Hilfe wie Erwachsene." Bei Kleinkindern sind Oberkörper und Kopf im Verhältnis zum Rest des Körpers schwerer. Reichen die Füße nicht mehr auf den Boden, kann der Körper nach vorne kippen. Der Kopf gerät unter Wasser. "Bei kleinen Kindern im Wasser müssen Eltern direkt danebenstehen", sagt Villmow. "Es reicht nicht, wenn sie 50 Meter weiter auf einer Decke sitzen."

Gefährdet sind nicht nur Kinder. Ältere Menschen gehören ebenso zur Risikogruppe. Gerade Männer überschätzen ihre Kräfte. Letztlich ertrinken in Deutschland Menschen allen Alters, wie ein tragischer Fall vom vergangenen Wochenende zeigt. Ein zwölfjähriger Junge und sein Vater, Besucher aus England, tauchen im südhessischen Biebesheim nicht mehr aus dem Rhein auf.

Das Unglück passiert an einer beliebten Badestelle mit flachem Wasser. Der Junge spielt in einer Gruppe auf einer Kiesbank. Plötzlich verlieren einige Kinder den Halt und treiben ab. Der 33-jährige Vater stürzt sich in den Fluss, erreicht noch seinen Sohn und fasst ihn an der Hand. Dann gehen beide unter.

In diesem Sommer häufen sich die Badeunfälle da, wo es besonders heiß ist: im Süden und Osten Deutschlands. Im schwäbischen Friedberg verunglückt ein spanischer Student im Planschbereich eines Baggersees, wo er im hüfthohen Wasser untergeht und wiederbelebt werden muss. Im bayerischen Breitenthal ertrinkt ein 80-jähriger Mann in einem Teich, bei Lindau kürzlich ein 85-Jähriger. Allein im Bodensee sterben bislang mindestens 15 Menschen, deutlich mehr als in früheren Sommern.

An den Küsten von Nord- und Ostsee gibt es wegen des wechselhaften Wetters nur wenig Notfälle. Wieder zeigen sich die Seen und Flüsse als eigentliche Gefahrenstellen, auch weil dort nur wenig Rettungsschwimmer stationiert sind. Die ehrenamtliche Wasserrettung hat große Nachwuchsprobleme.

Zwei kleine Jungen planschen ohne Schwimmflügel in einem Bremer See und einem Oldenburger Freibad und ertrinken. Zwei Männer unterschätzen die Entfernungen: der eine will einen Baggersee bei Göttingen durchschwimmen, der andere die Weser. Beide gehen unter.

Der DLRG-Einsatzleiter Jens Serbser kennt das: "Da nimmt man sich ein ankerndes Schiff oder eine Boje als Zielmarke und denkt nicht daran, dass man auch noch den Rückweg schaffen muss." Aber auch kleine Fehltritte können tödlich sein. In einem Nebenfluss der Weser steigt ein Mann von einem Anleger auf ein Boot, rutscht aus und ertrinkt.

Unter den Badetoten sind inzwischen so viele Asylbewerber und Flüchtlinge aus arabischen Ländern und Afrika, dass DLRG-Verbände spezielle Schwimmkurse anbieten. In Bayern gibt es ein extra Informationsblatt in diversen Sprachen. Die Retter dort sprechen von einem "beachtlichen Teil Flüchtlinge" unter den Ertrunkenen. Erst vor einer Woche findet die bayerische Polizei die Leiche eines 17-jährigen Afghanen, der im Lech ertrank. Anfang Juli geht ein 25-jähriger Mann aus Kamerun in einem See in Südbrandenburg unter.

Der Berliner DLRG-Mann Villmow berichtet: "Aus dem Müggelsee haben wir neulich einen 15-Jährigen aus Somalia gezogen. Er war mit anderen weit reingelaufen, ins Tiefe gekommen und unter Wasser geraten. Dann hat er um Hilfe geschrien. Wenn wir ihn nicht erwischt hätten, wäre er ertrunken."

DLRG Bayern zu Flüchtlingen

An der Küste: Das Meer kann sich etwa durch die Gezeiten schnell verändern: Plötzlich verschwindet eine Sandbank unter Wasser, auf der man gerade noch stehen konnte. Außerdem ist die Strömung riskant: Eine Unterströmung etwa kann Kinder selbst im flachen Wasser leicht umreißen. Wer in eine Strömung gerät, sollte versuchen, mit ihr zu schwimmen, auch wenn das einen weiteren Weg zurück zum Strand bedeutet. Am besten geht man am Meer nur in extra gekennzeichneten Badezonen schwimmen, also da, wo der Strandabschnitt überwacht wird. Und eine rote Flagge sagt: Jetzt nicht schwimmen!

In Flüssen: Größere Flüsse haben häufig rechtwinklig zum Ufer Ausbuchtungen. Sie verändern die Strömung - selbst geübte Schwimmer können so Probleme bekommen. Hier und auch dort, wo Schiffe und Boote fahren, geht man besser nicht ins Wasser. Außerdem gilt: Bewachsene und sumpfige Uferzonen sind ein Risiko.

In Seen: Fällt das Ufer hier steil ab, kann das schnell gefährlich werden. Auch Ansammlungen von Wasserpflanzen umschwimmt man lieber, sonst kann man hängenbleiben. Riskant sind besonders Kiesgruben als Badesee, weil hier das Ufer abrutschen kann. Auch schlammiger Boden ist gefährlich: Darin kann man stecken bleiben und beim Versuch herauszukommen, noch tiefer einsinken. Die DLRG rät, sich durch kräftige Schwimmbewegungen nur mit den Armen aus dem Morast zu befreien.

Im Freibad: Hier bergen etwa Ansaugöffnungen für Wasserstrahlanlagen und Strömungskanäle wegen des Sogs Gefahren. Außerdem sind die Bereiche um die Pools oft glatt gefliest: Langsam gehen, sonst rutscht man aus!

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