Zahnprobleme früh behandeln

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Bunt: Zahnspangen gibt es heutzutage in allen möglichen Farben. Doch egal ob rot, grün oder blau - man muss sie richtig tragen.

Fast jedes zweite Kind in Deutschland unterzieht sich einer kieferorthopädischen Behandlung. Doch wann sollte man damit beginnen? Und was gibt es dabei zu beachten? Einige Fragen zu diesem Thema beantworten wir hier mit Hilfe des Korbacher Kieferorthopäden Dr. Stephan Dreyer.

Können Eltern kieferorthopädische Probleme bei ihren Kindern verhindern, indem sie sie zum Beispiel nicht am Daumen lutschen lassen?

Ja, bis zu einem gewissen Grad können Eltern helfend auf das Kind einwirken. So ist es zum Beispiel besser einen entsprechenden Schnuller dem Kind anzugewöhnen als zum Beispiel am Daumen lutschen zu lassen. Eltern können ihr Kind jedoch früh ans Zähneputzen gewöhnen, indem sie ihm schon im Kleinkindalter den zahnlosen Kiefer mit einem Finger massieren, um das Kind an das tägliche Putzritual zu gewöhnen. Und sie sollten das Kind mit ins Bad nehmen, wenn sie selbst sich die Zähne putzen, um als gutes Beispiel voranzugehen. Sobald die ersten Zähne durchbrechen, sollte man mit dem Kind seinen Zahnarzt aufsuchen, um die richtige Zahnpasta auch in Abhängigkeit von zum Beispiel schulischen Flouridierungsprogrammen empfohlen zu bekommen. Dann kann den Kindern mit einer kleinen Zahnbürste die Zähne geputzt werden. Es gebe spezielle Kinderzahncremen, deren Schaum auch beim versehentlichen Schlucken keine Probleme bereitet.

Wann sollten Eltern ihr Kind bei einem Kieferorthopäden untersuchen lassen?

Einmal abgesehen von Erkrankungen, die schon im Säuglings bzw. Kleinkindalter auftreten, wie Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten etc., sollte ein Kind im Alter von etwa sieben bis acht Jahren beim Kieferorthopäden vorgestellt werden. Ein zweites Mal sollten die Kinder dann im Alter von elf Jahren zum Kieferorthopäden gehen, während der so genannten zweiten Wechselgebissphase. In dieser fallen die Milchzähne zwischen den Schneide- und großen Backenzähnen aus.

Warum sollen die Kinder schon mit sieben Jahren zum Kieferorthopäden gehen?

Stellt der Kieferorthopäde fest, dass eine Behandlung erforderlich ist, kann er eine Frühbehandlung beginnen. Diese ist zum Beispiel möglich bei der so genannten Progenie. Damit bezeichnet man die Situation, wenn die oberen Frontzähne hinter die unteren Frontzähne beißen. Auch Platzmangel im Kiefer und der Kreuzbiss - die unteren Zähne stehen seitlich weiter außen als die oberen Zähne - können in der Frühbehandlung korrigiert werden.

Welche Vorteile hat eine Frühbehandlung?

Sie bietet die Möglichkeit, schwerwiegende Fälle vor der normalen Behandlung anzugehen und damit die spätere Hauptbehandlung zumindest zu erleichtern. Beispiel Progenie: Sie begleitet den Patienten bis zum Ende des Wachstums im Alter von 16 bis 17 Jahren. Je später die Behandlung einsetzt, desto schwieriger wird sie. Denn der Kieferorthopäde beeinflusst mit der Zahnspange die Stellung von Unter- und Oberkiefer während des Wachstums.

Zahlen die Krankenkassen die Frühbehandlung?

Die Krankenkassen erstatten die Kosten der Frühbehandlung entsprechend der gesetzlichen Vorgaben anteilig. Es ist ganz genau festgelegt, in welchen Fällen eine Frühbehandlung von den Kassen erstattet wird.

Wie unterscheiden sich Früh- und Hauptbehandlung?

Während der Frühbehandlung setzt der Kieferorthopäde hauptsächlich herausnehmbare Zahnspangen ein. Während der Hauptbehandlung kommt überwiegend eine fest installierte Spange zum Einsatz, das so genannte Multiband. Dieses ermöglicht es besser, die bleibenden Zähne im Kiefer zu bewegen. Die Hauptbehandlung dauert meist vier Jahre.

Wie sieht es hier mit der Kostenerstattung durch die Krankenkassen aus?

Auch die Hauptbehandlung wird zum überwiegenden Teil von den Kassen erstattet - sofern die Kriterien für die Behandlungsnotwendigkeit erfüllt sind. Beispiel Progenie: Hat das Kind nach der Frühbehandlung noch einen Kopfbiss - die Schneidezähne beißen aufeinander - zahlt die Kasse eventuell die weitere Behandlung. Hat das Kind jedoch schon einen leichten Überbiss - die oberen Zähne stehen minimal vor den unteren - zahlt die Kasse nicht mehr, sofern keine weiteren Probleme vorliegen. Laut Dr. Dreyer ist das manchmal eine Millimeter-Entscheidung.

Was passiert, wenn die Krankenkasse nicht weiter bezahlt?

Es gibt Fälle, in denen die Kassen wegen der nicht erfüllten Kriterien eine weitere Behandlung nicht bezahlen, diese aber aus medizinischer Sicht erforderlich sei. Deshalb rät Dr. Dreyer allen Eltern, den Abschluss einer privaten Zusatzversicherung für die zahnärztliche und kieferorthopädische Behandlung zu prüfen. Diese sollte möglichst früh, auf jeden Fall vor dem ersten Besuch beim Kieferorthopäden abgeschlossen werden, um einen späteren Zahlungsausschluss durch die Versicherung zu vermeiden. Denn es gibt, ähnlich wie bei Rechtsschutzversicherungen, eine Karenzzeit. Sprich: Die Versicherung darf nicht abgeschlossen werden, nachdem der Kieferorthopäde den Behandlungsbedarf festgestellt hat.

Was ist während der kieferorthopädischen Behandlung wichtig?

Das Wichtigste sei die Zahnhygiene, sagt Dr. Dreyer: zwei- bis dreimal täglich Zähne putzen, zwei bis drei Mal die Woche die Zahnzwischenräume mit Zahnseide reinigen und den Zahnarzt halbjährlich zur Kontrolle aufzusuchen. Wichtig sei auch, die Anweisungen des Kieferorthopäden zu befolgen, wann und wie die Spange zu tragen ist. Je häufiger diese getragen wird, desto schneller stelle sich der Behandlungserfolg ein. Die herausnehmbare Spange solle zum Beispiel nicht nur nachts getragen werden. Man könne sie auch bei den Hausaufgaben oder beim Computer-Spielen tragen.

Ist die kieferorthopädische Behandlung mit dem Ende des Wachstums im Alter von etwa 17 Jahren abgeschlossen?

Die eigentliche Behandlung häufig schon. Dennoch sei es wichtig, noch eine längere Zeit (mehrere Jahre) nachts so genannte Haltegeräte zu tragen. Diese verhindern, dass sich die Zähne wieder in die ursprüngliche Stellung zurückschieben. Die Schneidezähne können zum Beispiel mit einem Metalldraht an der Zahninnenseite in ihrer Position gesichert werden.

Hintergrund: Facharzt für Kieferorthopädie

In Anzeigen, Telefonbüchern und auf Praxisschildern finden sich ganz unterschiedliche Bezeichnungen, wenn es um kieferorthopädische Behandlungen geht. Der Bundesverband der Deutschen Kieferorthopäden weist darauf hin, dass nur der „Facharzt für Kieferorthopädie“ (oder auch Kieferorthopäde) eine vierjährige, praxisbezogen Weiterbildung durchlaufen hat, die er mit einem Abschluss vor einer Prüfungskommission beendet hat. Diese berechtige zum Führen des Titels Fachzahnarzt.

Die Bezeichnung „master of Science - Kieferorthopäde“ könne ein Allgemeinzahnmediziner erwerben, indem er an einer vorwiegend theoretischen Lehrgangsveranstaltung an einer Universität im Ausland teilnimmt. Dabei handele es sich – anders als beim Fachzahnarzt – um eine nebenberufliche Weiterbildung. Die Bezeichnung „Tätigkeitsschwerpunkt Kieferorthopädie“ führen laut Bundesverband der Kieferorthopäden solche Zahnärzte, die einen Teilbereich ihrer Berufstätigkeit als Schwerpunkt gegenüber der Zahnärztekammer angezeigt haben. Dabei handele es sich um eine Selbsteinschätzung des betreffenden Arztes. Eine unabhängige Prüfung der Qualifikation werde für diese Bezeichnung nicht verlangt.

Von Ingo Happel-Emrich

Quelle: HNA

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