Wenn die Nerven schmerzen

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Mit Hilfe der Spiegeltherapie können Fehlinterpretationen des Gehirns wieder umprogrammiert werden.

In Deutschland leiden rund 300.000 Menschen an Nervenschmerzen. Bei dieser Form von Schmerz ist das für die Schmerzleitung zuständige System geschädigt.

In vielen Fällen sind nur einzelne Nerven oder Nervenwurzeln irritiert, wie bei der Trigeminus-Neuralgie (Gesichtsschmerz), dem Schmerz nach Gürtelrose, dem Stumpf-/Phantomschmerz oder dem Wurzelschmerz bei Rückenleiden. In anderen Fällen sind mehrere Nerven betroffen. Dann spricht man von einer Polyneuropathie.

Dr. Andreas Böger

Die Beschwerden äußern sich in brennenden und stechenden Schmerzen, die oft von einem Moment auf den anderen auftreten. Auch ein kribbelndes Gefühl im betroffenen Areal, so als ob Ameisen darüber laufen, oder Taubheitsgefühle können nach Nervenschädigungen auftreten. Die Ursachen für Nervenschmerzen können sehr vielfältig sein und reichen von Stoffwechselerkrankungen und Entzündungen über Defekte nach Operationen bis hin zu Schäden im Gehirn oder Rückenmark. Eine sorgfältige Diagnose vor der Therapie ist deswegen unumgänglich.

Über die Diagnose und Therapie von Nervenschmerzen informierte Dr. Andreas Böger, Chefarzt der Schmerzklinik im Roten Kreuz Krankenhaus Kassel und Leiter des Regionalen Schmerzzentrums Kassel, in der jüngsten HNA-Telefonsprechstunde.

Ich habe nach einem Bruch der linken Hand ein regionales Schmerzsyndrom entwickelt. Meine Hand ist geschwollen und tut unglaublich weh. Woher kommt diese Erkrankung und was kann man dagegen tun?

Böger: Die Ursachen für das Complexe Regionale Schmerzsyndrom (CRPS) sind noch nicht vollständig geklärt. Man weiß, dass es häufig nach Verletzungen und nach Brüchen auftritt, aber warum es dazu kommt, ist nicht bekannt. Man vermutet eine Fehlprogrammierung im Nervensystem. Neben Medikamenten haben wir mit der Spiegeltherapie gute Erfahrung gemacht.

In Ihrem Fall würden Sie dabei Ihre gesunde Hand vor einem Spiegel bewegen und dabei beobachten. Obwohl Sie die rechte Hand bewegen, sieht Ihr Gehirn sie spiegelverkehrt und programmiert sie im Hirn als die linke Hand. So kann ein Heilungsprozess angestoßen werden. Sie sollten sich unbedingt in fachärztliche Behandlung begeben und die Therapie unverzüglich einleiten. Die Therapie selbst wird auch von Physiotherapeuten und Ergotherapeuten angeboten.

Ich hatte im vergangenen Jahr eine ausgedehnte Gürtelrose, die aber erfolgreich behandelt wurde. Jetzt habe ich in dem Bereich Nervenschmerzen. Besonders nachts quälen sie mich. Kann das von der Gürtelrose kommen?

Böger: Ja, es ist bekannt, dass nach dem Auftreten und äußeren Abheilen einer Gürtelrose Nervenschäden zurückbleiben können. Sie sollten sich an einen Neurologen oder Schmerztherapeuten wenden, der genau prüfen kann, ob Ihre Nerven in diesem Bereich geschädigt sind. Dann kann er die nötige Therapie einleiten. Mit Medikamenten kann man die Beschwerden meistens gut in den Griff bekommen.

Ich habe seit sieben Jahren eine Polyneuropathie. Die Ursache dafür ist nicht geklärt. Was kann man dagegen tun?

Böger: Da sich die Ursache in Ihrem Fall nicht klären lässt, kann man gegen die Polyneuropathie selbst nichts tun. Man kann die Schmerzen aber mit Medikamenten behandeln. Dazu muss man unter neurologischer oder schmerztherapeutischer Betreuung austesten, welches Mittel am besten wirkt.

Ich bin im Oktober in einem stundenlangen Eingriff am Herzen operiert worden. Seitdem habe ich Gefühlsstörungen und Schmerzen im linken Arm. Vom Ellenbogen bis in den Ring- und kleinen Finger kribbelt und schmerzt es.

Böger: Es ist möglich, dass durch die Lagerung auf dem Operationstisch ein Nerv irritiert wurde. Vermutlich handelt es sich bei Ihnen um den Musikantennerv, der das Kribbeln verursacht. Lassen Sie das am besten von einem Neurologen prüfen. Da die Operation erst vor zwei Monaten war, ist es wahrscheinlich, dass die Irritation auch wieder ganz ausheilen kann.

Mir tun ständig und sehr stark nachts die Arme und der Rücken weh. Mein Hausarzt hat mich schon zum Kardiologen und zum Orthopäden geschickt. Aber dort wurde nichts gefunden. Ich habe auch Diabetes Typ 2. Kann es sich um Nervenschmerzen handeln?

Böger: Nervenschmerzen sind oft nachts stärker. Es kann sein, dass Sie durch den Diabetes eine Nervenschädigung haben. Diese Neuropathie kommt häufig bei Diabetespatienten als Zweiterkrankung hinzu. Bitten Sie Ihren Hausarzt, Sie zu einem Neurologen zu überweisen.

Ich bin seit Jahren Schmerzpatientin und war im Frühjahr in einer Klinik. Dort habe ich verschiedene Übungen zur Schmerzbewältigung erlernt und bin auf ein opiathaltiges Medikament eingestellt worden. Es geht mir jetzt aber nur etwas besser.

Böger: Sie haben Ihrer eigenen Aussage nach schon seit Jahren mit Schmerzen zu kämpfen. Die kann man nicht von heute auf morgen abstellen. Die Therapie hat aber offensichtlich schon angeschlagen. Sie müssen nun Geduld haben und die erlernten Übungen konsequent weiterführen. Die Genesung dauert viele Monate, aber Sie haben eine gute Chance, dass die Schmerzen weiter abnehmen.

Zur Person

Andreas Böger wurde 1969 in Paderborn geboren. Er studierte Medizin und Romanistik in Marburg, Zürich und Saragossa. Er arbeitet am Epilepsiezentrum in Bethel und an verschiedenen Neurologischen Kliniken. Er machte seinen Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Er hat die Zusatzbezeichnungen Notfallmedizin und spezielle Schmerztherapie. Er ist verheiratet, hat drei Kinder.

Quelle: HNA

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