Wenn’s im Ohr kräftig trompetet

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Trompeten im Ohr: Tinnitus-Geschädigte werden schon bei geringsten Geräuschen unruhig und nervös

Plötzlich pfeift es im Ohr, es summt oder rauscht. Jeder Vierte hat das schon erlebt. Verschwindet das Geräusch nicht wieder nach kurzer Zeit, spricht der Mediziner von einem Tinnitus, einer Wahrnehmung von Geräuschen ohne Geräuschquelle von außen.

Die Ohrgeräusche haben viele Ursachen, erklärte Dr. Catri Tegtmeier, Chefärztin der Psychosomatischen Abteilung der Asklepios Klinik Fürstenhof in Bad Wildungen. Tinnitus sei eine Störung der Hörwahrnehmung, häufig Folge von Lärmschwerhörigkeit, Knalltrauma oder einem Hörsturz.

Die häufigste Ursache sei die Schwerhörigkeit, berichtete die Ärztin aus der Praxis. In diesem Fall leiste ein Hörgerät gute Dienste, mit dem der Patient mehr andere Geräusche hören könne, so dass der Tinnitus weniger stark wahrgenommen werde.

Körperliche Belastung

Aber auch bei völlig normalem Hörvermögen könnten Ohrgeräusche auftreten oder durch andere körperliche und seelische Belastungen, die eine Schwächung der Hörfilter zur Folge haben, ausgelöst werden. Dadurch könne ein zuvor aus der Wahrnehmung verdrängtes Ohrgeräusch in den Vordergrund gelangen und weitere Belastungen verursachen wie Konzentrations- und Schlafstörungen, Depressionen und verminderter Belastbarkeit.

Die Betroffenen geraten in einen Teufelskreis: Das ständige Lauschen auf die Ohrgeräusche löst Stress aus, verbunden mit Reaktionen wie Bluthochdruck, erhöhter Pulsfrequenz und innerer Unruhe. Der Tinnitus wird als Warnsignal bewertet und verstärkt wahrgenommen. Die Betroffenen reagierten zunehmend gereizt: „Dann stört schon die Fliege an der Wand“, sagt Dr. Tegtmeier.

Die Konzentrierung auf das Ohrgeräusch schränke die Erlebnisfähigkeit ein, die Betroffenen ziehen sich zurück, vermeiden Geräusche in ihrer Umgebung, was wiederum den Tinnitus verstärke. Dieser Teufelskreislauf könne oft von den Betroffenen nicht mehr aus eigener Kraft durchbrochen werden. Chronischer Tinnitus sei ein körperliches und seelisches Leiden. Die Behandlung erfordere eine enge Zusammenarbeit von Psychotherapeuten, HNO-Ärzten, Hörtherapeuten und Hörgeräteakustikern. Ziel der Therapie sei, den bisher als katastrophal erlebten Tinnitus als ungefährliches und unwichtiges Signal zu bewerten und schließlich zu überhören.

Im Vergleich zur individuellen Hörschwelle, also der Lautstärke, in der eine Frequenz hörbar ist, sei das Ohrgeräusch nur 10 bis 15 Dezibel lauter. „Das ist so laut, wie ein Blatt Papier, das zu Boden fällt“, sagte Dr. Tegtmeier. Aber die Patienten beschrieben es als so laut wie einen Presslufthammer. „Ein leises Geräusch mit großer Wirkung.“

Mit Tinnitus leben lernen

Mit Hilfe einer Psychotherapie können die Patienten lernen, mit dem Tinnitus zu leben. Zentrale Themen sind unter anderem der Abbau von Ängsten und fehlerhaften Krankheitsmodellen, die Veränderung ungünstiger Denk- und Verhaltensmuster, die Umlenkung der Aufmerksamkeit auf andere Sinneseindrücke, der Abbau von Rückzugs- und Vermeidungsverhalten sowie die Analyse funktionaler Beziehungen des Tinnitus.

Hintergrund

Tinnitus – ein Volksleiden

In der hausärztlichen Praxis geben 15 Prozent der Patienten einen Tinnitus an. Jährlich geht bei 340 000 Betroffenen der Tinnitus in eine chronische Form über. Nach einer repräsentativen Studie der Deutschen-Tinnitus-Liga sind zehn Millionen Menschen in Deutschland von einem Tinnitus betroffen, davon haben rund 1,5 Millionen einen erheblichen Leidensdruck. (yma)

Quelle: HNA

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