Die Welt wieder besser verstehen

+
Individuell angefertigte Hilfe: Der Hörakustiker passt das Hörgerät nach einer eingehenden Höranalyse an.

Zeitungspapier, das raschelt, Vögel, die zwitschern oder dem Gespräch mit der besten Freundin im Café ungestört folgen – laut einer Schätzung leiden in Deutschland 15 Millionen Menschen an einem spürbaren Hörverlust und nehmen einen Teil ihrer Umwelt nicht mehr wahr.

Aber nur etwa ein Drittel nutzt ein Hörgerät, obwohl die neuen Modelle kaum zu sehen sind und teilweise sogar ganz im Ohr verschwinden.

Das Unternehmen Hess Hören ist bereits seit 25 Jahren auf Hörsysteme spezialisiert. Alexander Zeiser, Hörakustikmeister aus Kassel, hat Anrufer während der Telefonsprechstunde am vergange- nen Montag beraten.

Ich bin 76 Jahre alt und nutze seit etwa vier Jahren ein Hörgerät. Mir fällt auf, dass ich zwar im Allgemeinen besser höre, aber ich dennoch Probleme habe, Gesprächen zufolgen. Ich habe das Gefühl, dass ich manche Worte nicht richtig verstehe. Woran kann das liegen?

 

ALEXANDER ZEISER: Nach vier Jahren sollte zunächst ein neuer Hörtest vorgenommen werden. Das Hörvermögen kann sich in diesem Zeitraum verändert haben. Aus diesen Daten lässt sich ablesen, welche Frequenzen Sie noch wahrnehmen und in welchen Frequenzen eine minimiertes Hörvermögen vorliegt. Zusammen mit den Erfahrungen, die Sie in den vier Jahren gesammelt haben und den Hörwünschen, die sich daraus ergeben, entsteht ein neues Hörprofil. Diese neue Hörkurve und das Hörprofil bilden die Grundlage für die Nacheinstellung an Ihrem Hörgerät. Für Nacheinstellungen wird bereits beim Kauf des Hörgeräts eine Verstärkungsreserve berücksichtigt.

In Ihrem Fall liegt vermutlich eine Hörminderung im Frequenzbereich der Sprache vor. Ihr Hörakustiker kann aufgrund Ihrer Schilderungen und den Daten der Hörkurve Ihr Gerät noch weiter anpassen, um das Sprachverstehen zu verbessern und die Umgebungsgeräusche besser herauszufiltern. Wichtig dabei ist, dass Sie Ihr Hörgerät regelmäßig tragen, um sich an den neuen Höreindruck zu gewöhnen.

Wenn Sie das Gerät nur zu bestimmten Anlässen tragen, werden Sie immer das Gefühl haben, manche Worte nicht richtig zu verstehen, da eine langfristige Eingewöhnung an den neuen Höreindruck nicht erfolgt.

Ich habe seit längerer Zeit das Gefühl, immer schlechter zu hören. Nach einem Hörtest habe ich ein Probegerät bekommen, bin damit aber nicht zufrieden und es liegt eigentlich nur in der Schublade. Ich merke jedoch, dass ich ein Hörgerät brauche, da ich Gesprächen mit meinen Freundinnen im Café nicht mehr folgen kann, da ich bestimmte Worte nicht verstehe. Was kann ich tun? 

 

ZEISER: Zunächst sollte man bedenken, dass sich eine Hörverschlechterung über Jahre hinweg entwickelt und sich der Betroffene auch daran gewöhnt, dass bestimmte Dinge akustisch nicht mehr wahrgenommen werden. Tragen die Betroffenen zum ersten Mal ein Hörgerät, nehmen sie zwar Geräusche wie Blätterrascheln und fließendes Wasser wieder wahr, empfinden die Geräusche aber als unangenehm. Das Gehirn muss die Verarbeitung der neuen Reiz- wahrnehmung erst wieder erlernen.

Auf dem Weg zu einem guten Hörvermögen im Alltag sammelt jeder Betroffene andere Erfahrungen und die Eingewöhnungszeiten sind individuell. Hörakustiker nehmen eine Hörprofilanalyse vor und empfehlen zusätzlich, den Rat eines Hals-Nasen-Ohren-Arztes hinzuzuziehen. Wird aufgrund dieser Daten das Tragen eines Hörgerätes empfohlen, sollte das Gerät im Alltag getestet werden – und zwar regelmäßig.

Eine Anpassung von Hörgeräten erfordert meist mehrere Termine und die Termine werden zirka wöchentlich durchgeführt. Nach dem Kauf der Hörgeräte empfehlen wir eine vierteljährliche Funktionsüberprüfung und einmal im Jahr einen neuen Hörtest. Wichtig ist, dass Sie sich die Zeit nehmen, das Gerät ausreichend zu testen, um sich an das veränderte Hörvermögen zu gewöhnen.

Ich trage seit zwei Jahren ein Hörgerät und komme damit im Alltag gut zurecht. Allerdings habe ich Probleme, die Worte beim Besuch des Gottesdienstes richtig zu verstehen. Gibt es etwas, worauf ich achten muss? 

 

ZEISER: Zahlreiche öffentliche Gebäude wie Kirchen, Veranstaltungshallen, Theater und Museen sind mit Ringschleifen ausgestattet. Dabei handelt es sich um Kabel, die in den Innenwänden verlegt sind und es Trägern von Hörgeräten ermöglichen, Audio- signale wie Musik oder Wortbeiträge störungsfrei zu empfangen.

Gebäude, die mit dieser induktiven Höranlage ausgestattet sind, erkennt man an einem Hinweisschild im Eingangsbereich in Form eines blauen oder gelben Quadrates mit einem stilisierten Ohr und dem Buchstaben „T“.

In der Kirche sind meist die vorderen Bänke mit dieser Technik ausgestattet. Wichtig bei der Nutzung einer induktiven Höranlage ist, dass ein dafür eingerichtetes Telefonspulen-Programm des Hörgerätes aktiviert wird.

Seit einem halben Jahr trage ich ein Hörgerät und komme gut damit zurecht. Wenn ich vor dem Fernseher sitze, passiert es allerdings oft, dass ich manche Wörter nicht richtig verstehe. Was kann ich tun? 

ZEISER: Der Ton aus dem Fernseher verteilt sich meist über den gesamten Raum. Einrichtungsgegenstände wie Teppiche und Möbel schlucken jedoch die Töne. Während Sie die tiefen Töne noch wahrnehmen, kommen die hohen Frequenzen der Sprache nicht mehr bei Ihnen an.

In diesem Fall kann Ihnen ein Zusatzgerät weiterhelfen, das direkt an den Fernseher angeschlossen wird. Dieses Gerät überträgt den Ton des Fensehers per bluetooth direkt auf Ihr Hörgerät ohne jeglichen Verlust. Diese Geräte gibt es auch für Telefone und Handys, die eine kabellose Übertragung von Gesprächen ermöglich.

Von Sandra Köhler

Quelle: HNA

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

der Inhalt dieses Artikels entstand in Zusammenarbeit mit unserem Partner. Da eine faire Betreuung der Kommentare nicht sichergestellt werden kann, ist der Text nicht kommentierbar.