Verwirrt nach Operation

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Bereit für die OP: Der Anästhe- sistsorgtdafür, dassderEingriff für den Patienten schmerzfrei verläuft.

Groß e Operationen wie beispielsweise orthopädische Eingriffe an den Gelenken und Herzoperationen bedeuten eine erhebliche Belastung für den Körper.

Nach Operationen in Narkose können bei Patienten vorübergehende Verwirrtheitszustände („Durchgangssyndrom“, „Post-operatives Delir“), aber auch länger anhaltende Störungen auftreten, die für Patienten und Angehörige sehr beunruhigend sind.

Die Symptome sind vielfältig, ebenso die noch nicht vollständig erforschten Ursachen dieser Störung. PD Dr. Ulrich Fauth, Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensiv- und Notfallmedizin am Roten Kreuz Krankenhaus Kassel, hat Anrufer während der Telefonsprechstunde am Montag beraten.

Ich bin weiblich, 74 Jahre alt und hatte vor einem Jahr eine Hüft-Operation in Vollnarkose. Nach der Operation war ich verwirrt und hatte auch einen Krampfanfall. Nun steht eine zweite Hüftoperation an und ich habe Angst, dass ich wieder unter den gleichen Symptomen leiden werde. Was raten Sie mir?   

DR. ULRICH FAUTH: Die von Ihnen beschriebenen Krämpfe stehen meiner Meinung nach nicht zwingend mit der Operation und der Narkose im Zusammenhang. Eine Narkose löst keine Krampfanfälle aus, insbesondere nicht mit einer Verzögerung von einigen Stunden. Die Verwirrtheitszustände betreffen eher ältere Patienten. Man spricht hier vom so genannten „postoperativen Delir“. Sie verschwinden glücklicherweise fast immer innerhalb von Stunden, höchstens einigen Tage, und müssen bei späteren Operationen nicht unbedingt erneut auftreten.

Sie sind nicht zu verwechseln mit anderen, oft diskreten Störungen der Hirnleistung, wie zum Beispiel Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Etwa 30 Prozent der älteren Patienten haben noch einige Tage nach dem Eingriff solche Einschränkungen der Leistung des Gehirns. Sie sind oft nur mit speziellen Tests nachzuweisen, können aber auch in Form von Schlafstörungen, Wortfindungsstörungen und vielem mehr den Patienten über einen längeren Zeitraum belasten.

Es gibt leider keine Prophylaxe für diese neurologischen Nachwirkungen von Operation und Anästhesie. Wenn die geplante Operation dies zulässt, zieht man eine Teilnarkose in Betracht, die in bestimmten Fäl- len vom Patienten besser vertragen wird. Aber auch dies ist keine Garantie dafür, dass keine Beschwerden auftreten.

Man weiß heute, dass die Störung der geistigen Leistungsfähigkeit nach schweren Erkrankungen eine Folge komplizierter Reaktionen des Körpers auf Operation und Narkose, aber auch auf einen Herzinfarkt oder eine schwere Entzünden ist. Langanhaltende Vergesslichkeit kommt gerade bei älteren Patienten häufiger vor, was aber nicht mit einer Demenz gleichzusetzen ist.

Ein postoperatives Delir kann zwar eine Demenz beschleunigen, steht aber nach bisherigen Erkenntnissen nicht in direktem Zusammen- hang. Ich rate Ihnen, vor dem nächsten Eingriff die behandelnden Ärzte über Ihre Beschwerden zu informieren. Operateur und Anästhesist können sich dann darauf einstellen.

Auch wenn die Mechanismen noch nicht im Detail geklärt sind, kennen wir doch einige vorbeugende Maßnahmen. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass Sie die Nachfolgeoperation dann in der Regel besser überstehen werden und diese Komplikationen vermieden werden können.

Ich bin weiblich, 85 Jahre alt und hatte nach einer Hüftoperation ein schweres Durchgangssyndrom. Ich konnte drei Monate lang nicht richtig schla- fen und leide seitdem vermehrt unter Gleichgewichtsstörungen. Zudem bin ich zeitweise verwirrt, habe manchmal Wahnvorstellungen und befürchte, an Demenz zu erkranken. Hört das wieder auf oder muss ich damit leben? 

DR. FAUTH: In Ihrem Alter ist es in der Tat nicht selten, dass nach einem großen Eingriff solche Beschwerden auftreten, die gelegentlich auch länger anhalten können. Die Kombination aus Narkose, größerem Blutverlust, Schwankungen von Blutdruck und Körpertemperatur während eines Eingriffs, sowie die hormonelle Reaktion des Körpers auf diese Belastungen steckt nicht jeder Patient gleich gut weg.

In Ihrem Fall spricht man von einem postoperativen kognitiven Defizit (POCD). Es handelt sich dabei nicht um Demenz, auch wenn sich die Symptome ähneln. Selbst wenn in Ihrem Fall die Beschwerden länger andauern, können sie sich im Laufe der Zeit zurückbilden. Wir können dies allerdings leider kaum beeinflussen.

Ich bin männlich und hatte nach einer Operation bei der mir eine Schulterprothese eingesetzt wurde akute Probleme mit Depressionen. Nach zirka drei Wochen ging es mir wieder besser, aber es stehen Folgeoperationen an und ich habe Angst davor, dass die Beschwerden erneut auftreten. Gibt es eine schonendere Form der Narkose, die für mich in Frage kommt? 

DR. FAUTH: Operationen sind immer ein schwerwiegender Eingriff für den Körper. Gerade bei älteren Patienten kann es in der Folge von Operation und Narkose zu Auffälligkeiten kommen. Die „ideale Narko- se“, die völlige Nebenwirkungsfreiheit garantiert, gibt es leider noch nicht. Speziell beim Einsatz einer Schulterprothese kommen viele Faktoren zusammen, die das Auftreten von neurologischen Störungen nach der Operation begünstigen. Dazu gehören Blutdruck- und Hormonschwankungen, ein gelegentlich größerer Blutverlust, aber auch Schmerzen nach der Operation.

Eine vorübergehende depressive Verstimmung als Folge des Eingriffs kann sicherlich nicht ausgeschlossen werden, ist allerdings eher ungewöhnlich. Hier könnten auch andere Faktoren, zum Beispiel die veränderte persönliche Situation in Folge der Operation, eine Rolle spielen.

Als „schonendere“ Variante der Vollnarkose kann ein zusätzlicher Schmerzkatheter gelegt werde. Dies ist zum Beispiel bei größeren Operation im Bauchraum, aber auch bei großen orthopädischen Eingriffen sinnvoll. Über diesen Katheter erhält der Patient in den Tagen nach der Operation schmerzhemmende Substanzen in die Nähe der Nerven oder des Rückenmarks. Aber auch dieses Verfahren kann Nebenwirkungen haben und muss postoperativ intensiv betreut werden. Es gilt daher, mit dem Anästhesisten im Vorfeld genau abzuklären, welche Form der Narko se in Ihrem Fall angebracht ist.

Von Sandra Köhler

Quelle: HNA

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