Verbesserung der Qualität von Schlaf- und Wachphasen bei Blinden - Teil 1: Nicht nur der Schlaf ist gestört

Dan Roy ist 52 Jahre alt und von Geburt an blind. Seit seiner Kindheit leidet er immer wieder unter Phasen, in denen er schlecht schläft und tagsüber außerordentlich müde ist. Und dann wieder erlebt er Phasen, in denen er gut schläft und sich ausgeruht fühlt.

„Manchmal schlafe ich ein und schlafe durch. Dann wieder wache ich nach ein paar Stunden auf und finde keinen Schlaf mehr“, erzählt er. „Mitunter fühle ich mich zu unterschiedlichen Tageszeiten müde und trotzdem schlafe ich nachts nicht ein.“

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Jahrelang suchte Roy Hilfe bei unterschiedlichen Ärzten, vergebens. „Sie sagten, dass meine Schlafgewohnheiten falsch seien. ‚Sie bleiben zu lange auf oder schlafen morgens zu lange’“, erinnert sich Roy, der in Des Plaines, Illinois, lebt.

Roy ist Braille-Übersetzer für Horizons for the Blind und erzählt, dass er besonders intensiv arbeitet, wenn er sich sehr energiegeladen fühlt, um damit die Zeiten zu kompensieren, wenn seine Leistungsfähigkeit nicht so hoch ist. „Ich versuche gegen meine Müdigkeit anzukämpfen“, erklärt er.

„Das ist so ähnlich, als würde man unter Arthritis leiden“, fügt er hinzu. „Es heißt ja nicht, dass man nicht trotzdem versucht, etwas dagegen zu unternehmen.“

Melanie Brunson ist Rechtsanwältin und Geschäftsführerin bei American Council of the Blind in Arlington, Virginia. Auch sie ist seit ihrer Geburt blind. Sie kam zu früh zur Welt und erhielt Sauerstoff, woraufhin sich bei ihr eine retrolentale Fibroplasie (RLF) entwickelte, heute auch bekannt unter dem Namen Frühgeborenen-Retinopathie.

Brunson ist heute 57 Jahre alt und gibt an, dass sie erst vor 15 bis 20 Jahren erkannt hat, dass die Schwankungen in ihrem Schlaf-Wach-Rhythmus einem vorhersagbaren Muster folgen.

„Es kann sein, dass ich mich einige Monate lang gut fühle, und dann habe ich Schwierigkeiten beim Einschlafen und Durchschlafen“, so Brunson. „Manchmal werde ich am Tage von Müdigkeit überwältigt.“ Dann kann sie sich glücklicherweise an ihre Mitarbeiterin wenden: „Ich schließe meine Bürotür jetzt für 30 Minuten. Ich muss ein Nickerchen machen.“

„Andere Mitglieder der Blindengemeinde schicken gelegentlich E-Mails um 3.30 Uhr und machen Witze über Schlaflosigkeit“, erzählte Brunson. Viele vermeiden jedoch, über die Müdigkeit während des Tages zu klagen. Dies könnte implizieren, dass sie während der Arbeit einschlafen, so die Befürchtung.

Roy und Brunson haben den Weg zum Boston's Brigham and Women's Hospital und zu dem Neurowissenschaftler Steven Lockley von der Harvard Medical School gefunden. Lockley untersucht seit 15 Jahren Störungen im Schlaf-Wach-Rhythmus bei Blinden, zunächst in England und in jüngster Zeit in den USA.

Die Symptome von Roy und Brunson sind typisch für das, was Fachleute eine Schlaf-Wach-Störung mit Abweichung vom 24-Stunden-Rhythmus (N24HSWD, non-24-hour sleep-wake disorder) nennen. Diese Störung tritt bei Blinden wesentlich häufiger auf als bei Sehenden. Man schätzt, dass ca. 50 000 bis 100 000 Blinde in den USA und 140 000 in Europa an N24HSWD leiden.

Lockley leitet derzeit eine klinische Multicenter-Studie, bei der untersucht wird, ob vollständig blinde Menschen mit einem bestimmten neuen Medikament sicher und wirksam einen regelmäßigen und ausreichenden Schlaf während ihrer üblichen Schlafenszeit zurück gewinnen können.

Die Wissenschaftler möchten weitere Teilnehmer in die Studie aufnehmen.

Weitere Informationen können entweder unter http://24sleepwake.com/ oder http://clinicaltrials.gov/ (bitte Suchbegriff "N24HSWD" eingeben) abgerufen werden. (nh)

Quelle: HNA

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