Unwohlsein ohne einen Befund

+
Häufig sind Kopfschmerzen somatoforme Beschwerden, für die keine körperlichen oder organischen Gründe gefunden werden können. Psychische Belastungen verschlimmern die Schmerzen.

Somatoforme Beschwerden gehen mit körperlichen Funktionsstörungen einher, für die medizinisch keine organischen oder körperlichen Gründe gefunden werden können. Oft haben Patienten eine lange Odyssee durch Arztpraxen hinter sich und sind auf der Suche nach einer organischen Erkrankung, die ihre Schmerzen erklärt.

Somatoforme Beschwerden zeigen sich in vielfältiger Weise: Am häufigsten sind Kopf-, Rücken und Gelenkschmerzen, gefolgt von Beschwerden im Magen-Darm-Trakt wie Bauchschmerzen und Übelkeit.

Ebenso auftreten können Schwindel, Herzrasen, Engegefühl im Hals und Atembeschwerden. Die Betroffenen erleben häufig, dass die Beschwerden bei psychischen Belastungen stärker werden, sie sind sich aber trotzdem sicher, dass eine organische Ursache zugrunde liegt. Seelische Probleme greifen, vermittelt über das vegetative Nervensystem, das die inneren Organe steuert, in die Körperfunktionen ein. Häufig kommen somatoforme Störungen gemeinsam mit einer Depression oder einer Angststörung vor.

Es kennt wohl jeder, dass einmal Kopf- oder Bauchschmerzen vorkommen, ohne dass ein erklärbarer Grund dafür gefunden wird. Erst wenn diese Beschwerden gehäuft auftreten oder über einen längeren Zeitraum nicht verschwinden, spricht man von somatoformen Störungen. Dann ist psychotherapeutische Hilfe nötig. Über die psychische Erkrankung informierte Stefan Hoffmann, Leitender Oberarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Klinikum Kassel, in der HNA-Telefonsprechstunde.

Meine Tochter ist stark übergewichtig, hat Diabetes und fühlt sich an ihrer Arbeitsstelle gemobbt. Sie ruft mich andauernd an und berichtet über alle möglichen Beschwerden. Irgendwie hat sie jeden Tag eine neue Krankheit und sucht einen Anlass, sich krankschreiben zu lassen. Sie nimmt ein Antidepressivum und hat Psychotherapie gemacht, aber das hat nichts gebracht.

Hoffmann: Das Verhalten Ihrer Tochter spricht sehr für eine psychosomatische Erkrankung mit einer klassischen Vermeidungsstrategie. Durch die Beschwerden kann sie nicht zur Arbeit gehen und muss zuhause bleiben. Sie sollten Ihre Tochter unterstützen, noch einmal zu einer Psychotherapie zu gehen.

Vielleicht können Sie auch einmal mit dem Hausarzt sprechen, ob er eine stationäre Unterbringung mit einer intensiven Betreuung angebracht hält. Allerdings muss Ihre Tochter das auch wollen und darf nicht nur dazu gedrängt werden.

Ich habe seit einem Vierteljahr plötzlich starke Schwindelanfälle. Sie sind so schlimm, dass mir die Arme und Beine zittern und ich nicht mehr meiner Arbeit nachgehen kann. Weder beim Hausarzt, noch beim Neurologen oder Hals-Nase-Ohren-Arzt wurde eine Ursache gefunden. Mir geht es von Tag zu Tag schlechter. Ich muss das jetzt unbedingt abstellen, denn mein Mann hatte vor zwei Jahren einen Herzinfarkt und ich muss mich gut um ihn kümmern. Ich mache mir solche Sorgen um ihn.

Hoffmann: Das klingt so, als ob tatsächlich eine psychische Beteiligung vorhanden ist. Sie sollten sich unbedingt um psychotherapeutische Behandlung bemühen. In der Psychotherapeutischen Diagnostik sollte man herausbekommen, warum diese Beschwerden jetzt zum Ausdruck kommen. Machen Sie sich auch einmal selbst Gedanken, warum der Schwindel jetzt auftritt. Die übergroße Sorge um Ihren Mann kann ein Grund dafür sein. Sie müssen aber zusehen, dass Sie nicht selbst auf der Strecke bleiben. Deswegen würde ich eine Psychotherapie empfehlen, bei der Ihnen Möglichkeiten an die Hand gegeben werden, mit Ihren Problemen besser klarzukommen.

Ich habe als junges Mädchen ein traumatisches Erlebnis in einer Diskothek gehabt. Ich bin dort kollabiert. Nach acht Wochen war ich noch einmal dort, und es ist wieder das Gleiche passiert. Seitdem leide ich unter Kopfschmerzen, Kreislaufbeschwerden und Schwindelanfällen. Sie sind besonders stark, wenn ich unter Menschen gehe. Ich habe früher viel Sport gemacht, habe das aber dann auch abgebrochen, weil ich Angst habe, dass mir dabei etwas passiert. Wenn ich es irgendwie vermeiden kann, verlasse ich das Haus nicht. Ich habe schon eine Psychotherapie und zwei Jahre lang eine Psychoanalyse hinter mir. Das hat nichts gebracht. Außerdem nehme ich ein Medikament gegen Depressionen und Angststörungen, das die zeitweilig auftretenden Katastrophenideen etwas dämpft.

Hoffmann: Sie haben offensichtlich den Wunsch, wieder normal und unbeschwert leben zu können. Bei Angststörungen muss man Sie wieder behutsam an die alltäglichen Dinge heranführen. Das geht am besten mit einer Verhaltenstherapie. Da bei Ihnen die Angst schon so groß ist, dass Sie sich kaum noch aus dem Haus und unter Menschen trauen, wäre sicherlich eine stationäre Aufnahme angebracht. Die Behandlung mit einer Intensivtherapie wird dort auf Ihre Angststörung und die Erweiterung Ihres Aktionsradius ausgerichtet werden.

Unsere 16-jährige Tochter hat seit fünf Jahren somatoforme Beschwerden und jetzt auch noch eine Bulimie. Wir kümmern uns sehr intensiv um sie und besuchen pausenlos Ärzte und Psychotherapeuten. Wie können wir ihr helfen?

Hoffmann: Sie sollten gemeinsam mit Ihrer Tochter bei einem Familientherapeuten das Gespräch suchen. Sie sollten sich aber darüber im Klaren sein, dass die Therapie eine lange Zeit beanspruchen wird. Was in so langen Jahren entstanden ist, lässt sich nicht in kurzer Zeit beheben. Wegen der neu aufgetretenen Bulimie sollte man überlegen, ob nicht sogar eine stationäre Aufnahme sinnvoll wäre.

Von Susanne Seidenfaden

Quelle: HNA

Kommentare