Teil 3: Auf der Suche nach Lösungen, die innere Uhr zu takten

Derek Naysmith verlor 1986 sein Augenlicht als sich bei einem Feuerwerk während eines Gemeindefestes ein Feuerwerkskörper verirrte und ihn im Gesicht traf. „Ich kann von Glück sagen, dass ich überlebt habe“, berichtete er. Beide Augäpfel mussten entfernt werden. Zu diesem Zeitpunkt war er 33 Jahre alt.

Naysmith lebt in Edinburgh, Schottland, und bemerkte beinahe unmittelbar, dass sich sein Schlafverhalten veränderte. Er erinnert sich, dass er „später einschlief und später aufwachte. Manchmal schlief ich am helllichten Tag ein. Mein Rhythmus verschob sich einmal komplett ungefähr alle 24 Tage. Ich war schlecht drauf und kam beruflich und familiär aus dem Tritt.“

Bevor er sein Augenlicht verlor war Naysmith Dozent für Bodenphysik. Nach dem Unfall wandte er sich der Informationstechnologie zu. Er wurde Computerspezialist und Entwickler für Datenbanksysteme.

Ein Aufruf an die Mitglieder der British Computer Association of the Blind, mit dem Freiwillige für die Teilnahme an einer Schlafstudie an der University of Surrey in Guildford gesucht wurden, brachte ihn mit Steven Lockley zusammen. Naysmith willigte in die Teilnahme an den Studien von Lockley ein, die um das Jahr 1995 starteten. Er füllte Fragebögen aus, führte ein Schlaf- und Stimmungstagebuch, maß seine Körpertemperatur und gab Urinproben ab. Die Untersuchungen ergaben, dass er an N24HSWD litt.

Im Rahmen der Studie begann er mit der Einnahme von Melatonin. Dies ist ein Hormon, welches offensichtlich in der Lage ist, die innere Uhr zu takten. „Das Leben wurde wieder erträglich“, so Naysmith.

„Meine Kinder waren damals noch klein“, erzählte er. "Bevor ich mit der Einnahme von Melatonin angefangen habe, war es mir häufig nicht möglich, am Familienleben teilzunehmen. Manchmal legte ich mich schlafen, wenn die Kinder aus der Schule kamen."

Heute ist Naysmith 57 Jahre alt und er verlässt sich noch immer auf Melatonin. Er nimmt jeden Tag um 21.30 Uhr 4 mg ein. „Zwischen 22.00 Uhr und Mitternacht gehe ich ins Bett und zwischen 6.00 und 7.00 Uhr stehe ich auf, und dann verläuft mein Tag normal.“

In seiner derzeitigen Tätigkeit als Computerspezialist arbeitet Naysmith daran, die Internetzugänglichkeit für sehbehinderte Menschen zu verbessern. Daneben entwickelt er auditive und taktile Lösung, um Daten aus Graphiken und Bildern umzusetzen.

Im Rahmen der Forschung begann man Ende der 80er Jahre mit Versuchen, den Schlaf-Wach-Rhythmus bei blinden Menschen mithilfe einer Melatonin-Ergänzung zu synchronisieren. Laborversuche hatten zuvor gezeigt, dass mit täglichen Melatonin-Injektionen der körpereigene Rhythmus von Ratten, die in vollständiger Dunkelheit gehalten wurden, synchronisiert werden konnte.

Die Biochemikerin Josephine Arendt und Kollegen von der University of Surrey berichteten 1988 von einem blinden Mann, dem sie dann, wenn die natürliche Melatonin-Ausschüttung bei ihm kurz vor der gewünschten Schlafenszeit einsetzte, Melatonin in Tablettenform verabreicht hatten. Dank des Melatonins pendelte sich sein täglicher Schlaf-Wach-Rhythmus wieder ein. Auch in nachfolgenden Studien konnte gezeigt werden, dass mithilfe einer Melatonin-Ergänzung die innere Uhr von Blinden wieder synchronisiert werden konnte.

Melatonin ist ein Hormon, das natürlicherweise im Körper vorkommt. Es wird in der Epiphyse, einer Drüse im Gehirn, gebildet und ist das biochemische Signal für Dunkelheit. Es handelt sich dabei um einen körpereigenen Marker für Tag oder Nacht. Da sich die Tageslänge im Jahresverlauf ändert, dient Melatonin auch als körpereigener Indikator für Sommer und Winter.

Bei nicht Blinden beginnt die Ausschüttung von Melatonin gewöhnlich einige Stunden vor der Schlafenszeit, meist zwischen 21.30 und 22.00 Uhr. Die Melatonin-Konzentration ist über die Nacht hoch und sinkt dann gegen Morgen ab. Wirkt nachts Licht auf den Körper ein, so wird die Melatonin-Ausschüttung gedrosselt.

Menschen sind tagaktive Wesen. Durch die Ausschüttung von Melatonin weiß der Körper, dass es Nacht ist und Zeit, schlafen zu gehen. Wenn Menschen, gleichgültig ob sehend oder blind, sich schlafen legen, wenn ihre biologische Uhr auf Nacht steht, werden sie gewöhnlich besser schlafen können, als wenn sie es versuchen, während ihre biologische Uhr Tag anzeigt. Melatonin in Tablettenform kann eine leichte Schläfrigkeit verursachen. Dies geschieht mit höherer Wahrscheinlichkeit, wenn man es während des Tages einnimmt, wenn der Körper normalerweise kein Melatonin produziert.

Welches therapeutische Potential Melatonin besitzt, um Schichtarbeitern zu helfen, sich an wechselnde Arbeitszeiten anzupassen, um bei Reisenden, die mehrere Zeitzonen durchfliegen, Jetlag zu vermeiden oder um bei Menschen mit anderen zirkadianen Schlafstörungen, die innere Uhr neu zu stellen, wird derzeit mit Hochdruck erforscht. In all diesen Situationen sind sowohl die Melatonin-Dosis als auch der Zeitpunkt der Einnahme ausschlaggebend für die Wirkung. Bestimmte Dosierungen und Einnahmezeiten unterstützen die Synchronisierung der inneren Uhr, andere nicht.

Quelle: HNA

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