Neuer Süßstoff Stevia: Verbraucher sind verunsichert

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Süße Blätter: Die Süßstoffe der Steviapflanze sind nun auch in Deutschland zugelassen.

Man liest jetzt überall von der „Wunderpflanze“ Stevia, mit der man auf natürliche Weise fast kalorienfrei süßen kann. Da ich Süßes liebe, wüsste ich gern, was Ernährungswissenschaftler dazu sagen.“ Diese Leserfrage, die derzeit viele Verbraucher beschäftigt, schickte Anja D. aus Hofgeismar.

Anne Brockhoff, Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke, wird derzeit oft zu diesem Thema gefragt. „Es gibt eine große Verunsicherung“, weiß die Expertin. Denn bevor der Süßstoff aus der Steviapflanze bei uns im Dezember vergangenen Jahres zugelassen wurde, gab es immer wieder Diskussionen um eventuelle Gesundheitsschäden durch die Zuckeralternative.

Deshalb betont die Wissenschaftlerin: Substanzen, die in der Europäischen Union als Lebensmittelzusätze zugelassen sind, seien in den vorgegebenen Mengen sicher. Schon bei den kleinsten Hinweisen auf eine eventuelle Gesundheitsgefährdung würden sie vom Markt genommen.

Stevia, auch Honigkraut genannt, ist keine unbekannte Pflanze. Die Ureinwohner Paraguays nutzen sie seit Jahrhunderten als Mittel gegen Magenschmerzen. Und in den USA, in Japan, Thailand und Israel ist der Süßstoff längst nicht mehr aus den Lebensmittelgeschäften wegzudenken.

Denn die Pflanzenextrakte der Stevia sind bis zu 300 Mal süßer als Zucker, sie haben fast keine Kalorien und sind nicht schädlich für die Zähne. Zudem habe Stevia keinen Einfluss auf den Insulinspiegel, erläutert Anne Brockhoff. „Uns fehlen die Enzyme, damit die Stevia-Süßstoffe vom Körper aufgenommen werden.“ Diese Eigenschaft treffe übrigens auch auf andere Süßstoffe zu.

Im Gegensatz zu synthetischen Süßstoffen wie Aspartam oder Saccharin sei Stevia aber zunächst ein natürliches Produkt. Das könne freilich auch bedeuten, dass die bis zu zehn verschiedenen Süßstoffe der Pflanze, darunter Steviosid und Rebaudiosid, im Labor oder biochemisch nachgebildet, also der Natur nachempfunden werden können. Auch bei der Verarbeitung des Naturproduktes gibt es komplexe Rezepturen, um industriell Stevia-Süßstoffe herzustellen, die beim Verbraucher auch geschmacklich ankommen.

Denn der neue Süßstoffgeschmack kann mitunter gewöhnungsbedürftig sein. „In Kaffee macht er sich gar nicht gut“, hat Anne Brockhoff ausprobiert. In Tee schmecke er deutlich besser. Denn Stevia kann einen bitteren, lakritzartigen Nachgeschmack auf der Zunge hinterlassen. Und zum Backen könne Stevia mangels Volumens gar nicht verwendet werden.

Auch setzte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), die den Süßstoff im vergangenen Jahr für unbedenklich erklärte, klare Grenzen. Danach sollte die tägliche Verzehrmenge nicht mehr als vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht überschreiten. Mit dieser Menge lassen sich aber zum Beispiel Limonaden nicht ausreichend süßen, sodass Hersteller auf einen Süßstoff- beziehungsweise Zucker-Mix zurückgreifen müssen. Und: Je mehr mit Stevia gesüßte Lebensmittel man verzehrt, je schneller und höher ist die maximal erlaubte Tageshöchstdosis überschritten. Das gilt besonders für Kinder.

Von Martina Heise-Thonicke

Quelle: HNA

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