Nach der Rente kommt die Leere

Der Alltag war dank Arbeit bisher strukturiert und ausgefüllt, doch im Ruhestand fällt der vorgegebene Tagesablauf plötzlich weg. Viele Rentner fallen dann in ein tiefes Loch, aus dem sie ohne fremde Hilfe nicht mehr herauskommen.

Für Menschen jenseits der 60 gibt es sehr spezifische Auslöser für Depressionen, die gesondert behandelt werden sollten. Die Schön Klinik Bad Arolsen ist auf dieses Krankheitsbild spezialisiert. Oberarzt Julian von Hecker hat unsere Leser während der Telefonsprechstunde am Montag beraten.

Ich bin männlich, 82 Jahre alt und leide unter manisch-depressiven Phasen. Sie treten in einem Abstand von ungefähr zehn Wochen auf. Wenn ich merke, dass ich in eine depressive Stimmung gerate, nehme ich Johanniskraut. Es geht mir dann etwas besser, aber ich habe das Gefühl, dass es mir doch nicht in dem Maße hilft, wie ich mir das erhoffe. Was raten Sie mir? 

JULIAN VON HECKER: Eine Selbstmedikation bei depressiven Phasen halte ich immer für schwierig. Zumal Sie beschreiben, dass es nicht die er- wünschte Wirkung erbringt. Gerade in Ihrem Fall ist es wichtig, dass Sie mit Ihrem Hausarzt darüber sprechen und sich ein Facharzt für Psychiatrie um eine mögliche medikamentöse Behandlung kümmert.

Sie sollten dann auf jeden Fall erwähnen, dass Sie bereits Johanniskraut einnehmen. Falls der Facharzt zu einer medikamentösen Behandlung mit sogenannten Serotoninwiederaufnahmehemmern rät, sollte das Johanniskraut mindestens 14 Tage vorher abgesetzt werden, weil es sonst zu gefährlichen Wechselwirkungen kommen kann.

Ich bin weiblich, 80 Jahre alt und bereits seit einiger Zeit in psychotherapeutischer Behandlung. Mir wurde aufgrund meiner Angstzustände zur Be- ruhigung Benzodiazepin verschrieben. Allerdings vertrage ich das Medikament nicht gut und habe das Gefühl, dass ich wackelig auf den Beinen bin. Kann das mit dem Medikament zusammenhängen?    

VON HECKER: Der Einsatz von Beruhigungsmitteln aus der Gruppe der Benzodiazepine ist gerade bei älteren Menschen schwierig. Sie bergen die Gefahr, auch bei geringer Dosierung abhängig zu machen, wenn man sie über einen längeren Zeitpunkt (wenige Wochen) regelmäßig einnimmt. Zudem haben sie eine Wirkung auf die Muskulatur, was besonders bei älteren Pa tienten zu Stürzen führen kann.

Wenn Sie das Medikament bereits längere Zeit einnehmen, setzen Sie es bitte nicht plötzlich ab, sondern schleichen Sie es langsam unter ständiger ärztlicher Kontrolle aus.

Ich bin männlich, 65Jahre alt und seit April dieses Jahres im Ruhestand. Bereits seit 2012 nehme ich Antidepressiva ein, die ich aber zum Ende des vergangenen Jahres abgesetzt habe. Mein Facharzt hatte mir auch eine Reha angeraten, was ich allerdings aufgrund einer Bandscheiben-Operation nicht wahrgenommen habe. Seit meiner Pensionierung habe ich das Gefühl, auf dem Abstellgleis zu stehen und nicht mehr gebraucht zu werden. Damit komme ich nicht zurecht und reagiere zunehmend aggressiv. Ich versuche seitdem, meine innere Erregbarkeit und Aggressivität mithilfe von Schüsslersalzen unter Kontrolle zu bringen, was allerdings nicht gelingt. Gibt es einen pflanzlichen Wirkstoff, der mich dabei unterstützt, mich nicht mehr so schnell aufzuregen? Mit einer Reha könnte ich mich auch anfreunden, aber kommt das für mich als Rentner überhaupt infrage? 

VON HECKER: Mit Ihrer Vorgeschichte rate ich Ihnen, sich erneut über Ihren Hausarzt an einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie zu wen- den. Denn dieser kann und muss entscheiden, ob eine rein medikamentöse Behandlung für Sie in diesem Fall das Richtige ist.

Aus dem was Sie sagen höre ich heraus, dass es sich bei Ihnen um einen komplexeren Fall handelt, der psychotherapeutisch behandelt werden sollte. Ob diese Therapie von pflanzlichen oder anderen, antidepressiv wirksamen Mitteln unterstützt werden sollte, ist eine Frage, die dann entschieden wird.

Ich bin weiblich und rufe wegen meiner Freundin an. Sie leidet seit längerem an Depressionen und hat in letzter Zeit auch verstärkt Selbstmordgedanken. Sie ist völlig antriebslos und kann sich nicht aufraffen, zum Arzt zu gehen. Was kann ich tun? 

VON HECKER: Zun ächst möchte ich Ihnen sagen, dass ich es gut finde, dass Sie sich melden. Sie erweisen Ihrer Freundin damit einen guten Dienst. Grundsätzlich ist die Behandlung von Depressionen gut geregelt: Der erste Ansprechpartner ist der Hausarzt, der eine Überwei- sung für den Facharzt ausstellt. Der Facharzt stellt nach einer eingehenden Anamnese den Schweregrad der Depression fest und schlägt dann eine Behandlung vor. Das kann auch die Einweisung in eine psycho- somatische Klinik sein.

In vielen Fällen ist übrigens der Einsatz von Medikamenten gar nicht nötig. Am besten begleiten Sie Ihre Freundin zunächst zum Hausarzt. Meist brauchen Betroffene ein wenig Initialhilfe von Freunden oder der Familie, um den ersten Schritt zu gehen.

Von Sandra Köhler

Quelle: HNA

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