Wo Muskeln nicht in Rente gehen

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In Bewegung bleiben: Mitarbeiterinnen der Kölner Sporthochschule und ein Testteilnehmer während des Trainings im Fitness-Bereich.

Die Musik stammt aus den 60er-Jahren. Das passt, denn die meisten der Anwesenden waren zu der Zeit 20 und 30 Jahren alt. Tanzen war damals angesagt, erinnern sich die durchschnittlich 70-jährigen Testteilnehmer, die einem Aufruf der Sporthochschule in Köln gefolgt sind, um an einer neuen Fitness-Studie teilzunehmen.

Getanzt wird in dem von der Sporthochschule und einem Fitness-Studio eingerichteten Trainingsraum nicht, aber Bewegung steht ganz oben auf dem Programm.

„Mit zunehmendem Alter steigt die Gefahr zu stürzen und sich dabei schwere Verletzungen zuzufügen“, sagt Tobias Morat. Der Mitarbeiter des sportgerontologischen Institutes an der Kölner Sporthochschule hat aufgrund dieser Fakten ein Trainingsprogramm zur Reduzierung des Sturzrisikos konzipiert. Bei der auf zwölf Monate angelegten Studie absolvieren die Testteilnehmer im Wochenrhythmus und unter Aufsicht einen Fitness-Zirkel mit acht Stationen und speziellen Rücken-, Bein- und Gleichgewichtsübungen. Mit jeweils einer Minute Pause sollen unter anderem die sensomotorischen Fähigkeiten der Testteilnehmer nachweislich verbessert werden. Dafür gibt es Eingangs-, Zwischen- und Abschlussuntersuchungen im institutseigenen Labor.

Beweglicher geworden

„Bisher habe ich nie gefehlt“, sagt beispielsweise die Kölnerin Karin Overzier. Sie sei beweglicher geworden, erzählt die 67-Jährige. Viel wichtiger sei allerdings auch die psychologische Komponente der Projektes. „Ich traue mir einfach im Alltag mehr zu“, sagt die Rentnerin, die nach Abschluss der Studie die Übungen zur Stärkung der einzelnen Muskelgruppen so weit es geht privat fortführen möchte.

„Die Übungen wirken auf den ersten Blick nicht besonders schwer, aber man hat durchaus am Anfang Schwierigkeiten. Man muss eben üben, üben und üben“, erzählt Hans Nix. Der 74-Jährige betrachtet dabei den Einbeinstand auf einem beweglichen Kreisel als besondere Herausforderung. Es habe eine ganze Weile gedauert, bis sich sein Gleichgewichtssinn auf die neue Herausforderung eingestellt habe, erzählt der Testteilnehmer.

Noch eine Weile dauern wird es wohl auch, bis Tobias Morat seinen Sturzpräventionszirkel in den Alltag von Fitness-Studios integriert hat, was durchaus noch eines der praktischen Ziele des gebürtigen Freiburgers ist.

„Wenn man sich den demografischen Wandel in der Altersstruktur der Bevölkerung anschaut, kommen durch Unglücksfälle im Alter, bei denen es schon mal zum Oberschenkelhalsbruch und damit verbundener Pflegebedürftigkeit kommen kann, immense Kosten auf unser Gesundheitssystem zu“, sagt Morat. Diesen Gefahren soll die Studie entgegenwirken.

Prävention durch Sturzzirkel-Training

Aufgrund des demografischen Wandels nimmt die Zahl der über 80-Jährigen in Deutschland immer weiter zu. Infolge von physiologischen und krankheitsbedingten Prozessen steigt mit zunehmendem Alter das Risiko zu stürzen. Bei den über 80-Jährigen stürzen 50 Prozent mindestens einmal im Jahr, was häufig mit einer Einbuße der Selbstständigkeit und einer verminderten Lebensqualität für den Einzelnen und hohen Kosten für das Gesundheitssystem einhergeht – Muskeldefizite, Gang- und Gleichgewichtsstörungen erhöhen bei vielen Menschen das Sturzrisiko. An der Kölner Sporthochschule wird derzeit ein Sturzpräventionszirkel getestet.

Von Martin Scholz

Quelle: HNA

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