Krisensituationen besser meistern

+
Das Gedankenkarussell dreht sich: Schlafprobleme sind ein erstes Warnsignal des Körpers für nicht abgeschlossene Konflikte.

Etwa dreißig Prozent der Bevölkerung leiden innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung. In den meisten Fällen sind das Depressions- und Angststörungen. Wobei Angst- und Suchterkrankungen einander sehr häufig begleiten.

Angst- und Depressionskrankheiten können erfolgreich behandelt werden. Eine frühzeitige psychotherapeutische Intervention und das Ausschöpfen vielfältiger Methoden sind ein erster Schritt und können die Betroffenen vor langjährigem Leiden bewahren. Fragen zur Therapie von Ängsten und Depressionen beantwortete der Heil- praktiker für Psychotherapie, Hans J. Martin, am Montag in der HNA-Telefonsprechstunde.

Nach dem Tod meiner Schwiegermutter im Februar dieses Jahres wurde bei mir eine Depression diagnostiziert, die in einer stationären Therapie behandelt wurde. Nach zehn Tagen habe ich mich selbst entlassen, da ich den Ansatz der Klinik als nicht hilfreich empfand. Obwohl ich die verschriebenen Medikamente weiterhin einnehme, bin ich antriebslos und gehe auch meinem Beruf als selbstständiger Musiker nicht mehr nach. Wie komme ich aus der Depression wieder heraus?   

HANS J. MARTIN: Es gibt einen Weg aus der Depression. Da Sie bereits medikamentös eingestellt sind, rate ich zu einer begleitenden Psychotherapie. Nur die Kombination aus Antidepressiva und einer Psychotherapie hilft dabei, diese Krise zu bewältigen. Die Antriebsschwäche, die Sie beschreiben, ist ein klassisches Symptom einer depressiven Erkrankung. Hinzu kommt, dass diese Antriebslo- sigkeit Ihre Existenz bedroht, da Sie Ihrer Arbeit, die Sie ja gern machen, nicht nachgehen können. Das erzeugt zusätzliche Angstgefühle.

Während einer dezidierten Psycho therapie wird das Verhalten in einer belastenden Situation analysiert und gelernt, wie man in Zukunft solche Ereignisse besser übersteht. Ziel einer Psychotherapie sollte sein, im Anschluss medikamentenfrei zu sein und das Leben wieder aktiv und strukturiert zu gestalten.

Ich bin 64 Jahre alt und leide seit dem Tod unseres Enkelkindes vor zwei Jahren unter Schlafproblemen. Jede Nacht werde ich gegen drei Uhr wach und kann nicht mehr einschlafen. Zusätzlich habe ich das Gefühl, dass sich mein Rheuma seit der nächtlichen Unruhe verschlim- mert. Steht der Tod meines Enkels mit den Schlafproblemen und den rheumatischen Beschwerden in einem Zusammenhang? 

 

MARTIN: Ihre Schlafunterbrechungen in der Nacht sind ein Zeichen dafür, dass Ihnen Dinge durch den Kopf gehen, die Sie noch stark belasten. Da Sie jede Nacht zur etwa gleichen Zeit aufwachen, handelt es sich um einen konditionierten Automatismus, der sich bei Ihnen unbewusst entwickelt hat. In solchen Fällen hat sich die Hypnosetherapie bewährt, die den Gedankenkreislauf unterbricht.

Die Schlafprobleme und die rheumatischen Beschwerden sind ebenfalls Anzeichen dafür, dass Sie mit dem Tod Ihres Enkels noch nicht abgeschlossen haben. In diesem Fall empfehle ich Ihnen eine aufde- ckende psychotherapeutische Behandlung in Kombination mit einer biografischen Arbeit. Diese Therapie kann schmerzhaft sein, denn nicht verarbeitete Prozesse suchen sich Schwachstellen im Körper, was sich bei Ihnen in Schlafproblemen und den rheumatischen Beschwerden äußert. Dieser Prozess ist aber wichtig, um den Grund für die Ängste zu finden und diese dann erfolgreich zu behandeln.

 

Meine Frau ist 77 Jahre alt und leidet bereits seit 1997 an Depressionen. Seit Beginn dieses Jahres kommen heftige Pa- nikattacken hinzu. Gibt es Medikamente, die gegen diese heftigen Reaktionen helfen? 

 

MARTIN: Es gibt angstlösende Medikamente, die in akuten Krisensituationen helfen und auch angebracht sind. Allen Medikamenten ist aber gemein, dass sie höchstgradig abhängig machen und daher nur in geringer Dosis über einen minimalen Zeitraum eingenommen werden sollten.

Panikattacken sind sehr gut heilbar, gerade wenn sich der Patient, wie in Ihrem Fall, noch in einem Anfangsstadium befindet. Ängste und De- pressionen sind wie Geschwister –sie bedingen sich gegenseitig. Die Panikattacken Ihrer Frau sind ein Zeichen dafür, dass die langwierige depressive Erkrankung noch nicht ausgeheilt ist und die Panikatta- cken eine weitere Ausprägung der Depression sind. Eine psy- chotherapeutische Behandlung ist daher dringend anzuraten.

Ich bin 49 Jahre alt und Mutter zweier Kinder. Seit zwei bis drei Jahren leide ich unter panischer Angst vor dem Autofahren, insbesondere auf Autobahnen. Bisher konnte ich dem Problem entgehen, indem ich Autobahnen gemieden habe. Meine Kinder starten jedoch mit dem begleitetem Autofahren und ich möchte ihnen das natürlich ermöglichen. Aber wenn ich nur an das Fahren auf der Autobahn denke, bekomme ich panische Angst. Vor meiner Familie ist mir diese Unsicherheit äußerst unangenehm, da sie mein Verhalten nicht nachempfinden kann. Was kann ich tun? 

MARTIN: Das Meiden der Konfliktsituation, in Ihrem Fall das Umfahren von Autobahnen, ist ein klassisches Symptom für den Beginn einer Angststörung. In einer Psychotherapie lässt sich das sehr gut behandeln. Bleibt die Angststörung unbehandelt, kommt es zu einer Chronifizierung der Angst – sie verschlimmert sich und überträgt sich auch auf andere Lebensbereiche.

Ihrer Familie können Sie keinen Vorwurf machen. Wer nicht selbst unter Angstattacken leidet, kann diese Reaktionen nicht nachempfinden. Ich empfehle eine Psychotherapie mit Biografiearbeit. Meist liegen die Gründe für Ängste und Depressionen in der Vergangenheit. Ein erfahrener Therapeut erarbeitet mit Ihnen die Gründe für Ihre Ängste und findet gemeinsam mit Ihnen einen Weg, diese Ängste abzubauen.

Von Sandra Köhler

Quelle: HNA

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

der Inhalt dieses Artikels entstand in Zusammenarbeit mit unserem Partner. Da eine faire Betreuung der Kommentare nicht sichergestellt werden kann, ist der Text nicht kommentierbar.