Im Kopf wird Kanne zu Tanne

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Mein vierjähriger Sohn verwechselt oft die einfachsten Dinge. Außerdem wirkt er im Kindergarten oft unaufmerksam und lustlos. Die Erzieherinnen glauben, dass eine auditive Wahrnehmungsstörung der Grund sein könnte. Was sollen wir tun?“, fragt Beate aus Vellmar. Die Kasseler Logopädin Sylvia Bam und Hans-Werner Schultz, HNO-Arzt und Pädaudiologe in Kassel, wissen Rat.

Was hat es mit der auditiven Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung auf sich?

Diese Störung ist eine Entwicklungsstörung des Kindes, bei der die Betroffenen zwar ganz normal hören, das Gehörte aber nicht richtig verarbeiten können. So fällt es den Kindern schwer, den Nutzschall vom Störschall zu unterscheiden. Sie reagieren auch bei normalen Geräuschkulissen überempfindlich und können ähnlich klingende Laute nicht unterscheiden. Sie verstehen dann zum Beispiel Tuch statt Buch, Kanne statt Tanne oder Schüssel anstatt Schlüssel – wie beim Spiel Stille Post.

Wie macht sich diese Störung bemerkbar?

Es fällt auf, dass die Kinder oft unaufmerksam sind oder sogar völlig abschalten. Außerdem sind sie hinsichtlich gesprochener Informationen sehr vergesslich und können sich oft nur sehr schwer konzentrieren, erläutert Sylvia Bam. Wenn Kinder außerdem visuell sehr fixiert sind und ihrem Gegenüber auffällig auf die Lippen starren, sind dies ebenfalls erste Hinweise auf das Vorliegen einer auditiven Wahrnehmungsstörung.

Diese Symptome treten aber nicht immer alle gemeinsam auf – denn die Störung kann ganz unterschiedliche Ausprägungen haben und betrifft oft nur Teilbereiche der auditiven Verarbeitung.

Das heißt also, dass die Entwicklung der Kinder erheblich unter dieser Störung leiden kann?

Ja, denn vor allem beim Lesen und Schreiben ist ein phonologisches Bewusstsein eine wichtige Voraussetzung. Und ist dieses Bewusstsein eingeschränkt, kommt es in der Schule oder im Kindergarten automatisch zu Problemen. Deshalb sollte diese Entwicklungsstörung, die meist zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr entdeckt wird, auch so früh wie möglich behandelt werden, damit die Kinder später eben keine Probleme beim Diktat oder Vorlesewettbewerb bekommen.

Wie wird die Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung diagnostiziert?

Da der klassische Test des HNO-Arztes völlig normal ist, kann die Diagnose nur durch eine pädaudiologische Hördiagnostik gestellt werden, erläutert Hans-Werner Schultz. Die Kinder werden in einem speziellen Raum einem ausgiebigen Test unterzogen, bei dem der Arzt die Reaktionen der Kinder auf bestimmte Geräuschimpulse analysiert.

Der klinische Status dieser Patienten ist aber völlig normal: Weder das Trommelfell der Kinder ist gereizt, noch liegen Nasen-Rachen-Mandeln vor.

Und wie wird diese Störung behandelt?

Nachdem der Pädaudiologe die Diagnose gestellt hat, übernimmt eine Logopädin die Therapie. Darin werden die Kinder spielerisch auf auditive Signale aufmerksam gemacht und lernen klangliche Unterscheidungen kennen. Außerdem wird das phonologische Bewusstsein durch entsprechende Übungen geschult.

In der Regel lässt sich diese Entwicklungsstörung innerhalb eines Jahres gut beheben, der Therapieerfolg ist aber immer von der individuellen Entwicklung der Kinder abhängig. Grundsätzlich aber ist die auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörung sehr gut behandelbar, sodass keine bleibenden Einschränkungen befürchtet werden müssen. Allerdings muss die Störung erkannt und behandelt werden. Eltern sollten deshalb nicht zögern, bei den beschriebenen Symptomen einen Pädaudiologen oder eine Logopädin aufzusuchen.

Von Chrisoph Steinbach

Quelle: HNA

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