Kleine Drüsen mit großer Wirkung

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Zwischen Kehlkopf und Luftröhre: Diese Grafik verdeutlicht die Lage der Schilddrüse.

Müde und antriebslos und dabei trotzdem nervös und unruhig – die Symptome bei Erkrankungen der Schilddrüse und der Nebenschilddrüse sind vielfältig.

Während Über- und Unterfunktionen der Schilddrüse umfassend untersucht werden, ist die Untersuchung und Beachtung von Funktionsstörungen der Nebenschilddrüsen noch nicht weit verbreitet.

Fragen zur Therapie von Erkrankungen der Schild- und Nebenschilddrüsen beantwortete Dr. Wulf Hamelmann vom Marienkrankenhaus Kas- sel am Montag während der HNA-Telefonsprechstunde.

Bei mir wurde aufgrund der Diagnose Morbus Basedow vor vier Monaten die gesamte Schilddrüse entfernt. Die Nebenschilddrüsen sind aber erhalten geblieben. Seitdem leide ich an Kalzium- und Vitamin-D3-Mangel und nehme täglich Tabletten. Trotzdem leide ich sehr unter ständigem Kribbeln und Muskelzuckungen. Was kann ich tun? 

 

DR. WULF HAMELMANN: Bei einer vollständigen Entfernung der Schilddrüse kann es auch bei sehr sorgfältiger Präparation dazu kommen, dass die Durchblutung der in unmittelbarer Nähe liegenden Nebenschilddrüsen in Mitleidenschaft gezogen wird. Zumeist erholt sich die Durchblutung jedoch.

In der Zwischenzeit können die Nebenschilddrüsen jedoch nicht genügend Parathormon produzieren und das Kalzium im Blut sinkt. Kribbeln und Muskelkrämpfe sind dafür typische Zeichen. Diese können nur durch die Gabe von Kalzium und Vitamin D3 gebessert werden. Hier gilt es, die richtige Dosierung zu finden. In Ihrem Blut sollte die Parathormon-Konzentration gemessen werden. Findet sich ein gewisser Spiegel, so besteht Hoffnung auf eine vollständige Erholung.

Bei meiner Tochter wurde eine Unterfunktion der Schilddrüse diagnostiziert und zu einer Operation geraten. Seit dieser Operation nimmt sie täglich 600 Mikrogramm ( μ g) L-Thyroxin ein. Bei einer aktuellen Blutuntersuchung stellte sich heraus, dass ihr TSH-Wert bei 40 liegt. Sie fühlt sich sehr unwohl, hat innerhalb von acht Wochen 15 Kilo zugenommen und ist antriebslos. Was können wir tun? 

DR. HAMELMANN: Nach einer Schilddrüsenoperation ist es besonders wichtig, dass dem Körper genügend Schilddrüsenhormone zur Verfügung gestellt werden. 600 μg L-Thyroxin ist dabei eine unge- wöhnlich hohe Dosis. Umso erstaunlicher ist es, dass Ihre Hypophyse dann immer noch versucht, mit einer sehr hohen Produktion von Schilddrüse-stimulierendem Hormon (TSH) mehr Schilddrü- senhormone zu fordern. Hier sollte untersucht werden, ob entweder die Hypophyse von sich aus zu viel TSH produziert oder ob der Körper mit dem eingenommenen L-Thyroxin nicht zurecht kommt. Dann muss auf ein anderes Medikament umgestiegen werden. 

Seit meiner Operation an der Schilddrüse nehme ich täglich 75 μg L-Thyroxin ein. Nach einer Blutuntersuchung vor drei Monaten wurde die Dosierung auf 50 μg herabgesetzt. Seitdem ist mein Puls sehr niedrig. Ich fühle mich schlapp und nur eine Tasse grüner Tee oder Kaffee bringt meinen Kreislauf in Schwung. Können diese Symptome mit der niedrigeren Dosierung des Schilddrüsenhormons in einem Zu- sammenhang stehen?

DR. HAMELMANN: Da die Schilddrüse zahlreiche Stoffwechselvorgänge im gesamten Körper beeinflusst, kann auch der Kreislauf beeinträchtigt werden. Zunächst sollten die genauen Schilddrüsenhormone fT3, fT4 und TSH im Blut ermittelt werden. Auch wenn sich diese Werte in einem Normbereich befinden, kann es trotzdem vorkommen, dass sich die Patienten unwohl fühlen. Daher sollten Sie Ihren Arzt über Ihre Beschwerden informieren und gemeinsam eine Dosierung finden, mit der Sie sich wohlfühlen und die Werte weiterhin im Normbereich bleiben. 

Bei mir wurde die Autoimmunerkrankung Morbus Basedow und gleichzeitig Hashimoto Thyreoiditis diagnostiziert. Seit der Operation im Jahr 1990 nehme ich täglich 75 μg L-Thyroxin und Selen ein. Eine Blut- untersuchung ergab, dass der Wert der mikrosomalen Antikörper über 1000 beträgt und der TSH-Wert ebenfalls zu hoch ist. Abgeschla- genheit und trockene Augen sind meine täglichen Begleiter. Hinzu kommt, dass ich im Mai dieses Jahres einen Herzinfarkt erlitten habe. Stehen die beiden Erkrankungen in einem Zusammenhang und was kann ich dagegen tun? 

DR. HAMELMANN: In diesem Fall liegt nicht alles an der Schilddrüse. Wenn bei Ihnen der TSH-Wert erhöht ist, ist das ein Zeichen dafür, dass Ihr Körper versucht, die (nicht mehr vorhandene Schilddrüse) zu mehr Produktion anzuregen. Gegebenenfalls sollte die L-Thyroxin-Dosis erhöht werden sollte. Allerdings können in diesem Fall die Herzrhythmusstörungen noch verstärkt werden und zu einer vitalen Bedrohung führen. Daher ist mein Rat, dass Sie hier einen guten Mittelweg wählen, um Ihr Herz-Kreislauf-System nicht zusätzlich zu belasten.

Von Sandra Köhler

Quelle: HNA

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