Wirksamkeit von Augengymnastik: Effekt ist schnell verschwunden - wissenschaftlicher Nachweis fehlt

Sehtest: Fehlsichtigkeiten sollten zum Beispiel mit einer Brille korrigiert werden, rät der Augenarzt. Foto:  dpa

Kann man die Brille durch gezieltes Augentraining wieder loswerden?, fragt unsere Leserin Helen M. In ihrem Bekanntenkreis sei sehr viel die Rede davon, dass man so seine Sehfähigkeit wesentlich verbessern könne. „Was ist daran wahr?“, möchte sie von einem Augenarzt wissen.

Diese Frage beantwortet der Kasseler Augenarzt Dr. Helmut Wehr, der sich in seiner Praxis auch mit ganzheitlicher Augenheilkunde beschäftigt. Fachlich gesehen könne man mit einem Augentraining vor allem bei einer Kurzsichtigkeit keinen positiven Einfluss ausüben, stellt der Facharzt klar. Gewisse Trainingseffekte gebe es mitunter bei der Altersweitsichtigkeit. Allerdings sei der Trainingsaufwand enorm hoch und der Effekt sei schnell wieder verschwunden, schränkt er ein. „Sonst hätte ich längst eine Sehschule für Augentraining“, sagt Wehr und bestätigt die allgemeine fachliche Auffassung. Denn ein wissenschaftlicher Nachweis für die Wirksamkeit des Augentrainings auf optische Fehlsichtigkeiten konnte bisher nicht erbracht werden. Das angestrebte Ergebnis des Augentrainings, Fehlsichtigkeiten durch Entspannung der Augenmuskeln zu reduzieren oder gar beseitigen zu können, wird von der Wissenschaft als nicht erreichbar angesehen. Denn die Ursache für Brechungsfehler im Auge, die Fehlsichtigkeiten bedingen, ist in der Regel ein Missverhältnis zwischen der Brechkraft der Hornhaut oder Linse und der Länge des Augapfels - nicht aber eine Störung der Augenmuskeln.

Fehlsichtigkeit korrigieren

Kurzsichtigkeit könne man auch nicht aufhalten, indem man solange wie möglich auf eine Brille verzichtet, betont Wehr. Diese These wird immer mal wieder vertreten, sei jedoch ebenfalls nicht wissenschaftlich fundiert. Wehr: „Eine Unterkorrektur des Auges zum Beispiel um eine Dioptrie ist Unsinn.“ So hätten Studien mit eineiigen Zwillingen ergeben, dass sich die Kurzsichtigkeit gleich entwickelte, obwohl ein Zwilling mit Brille korrekt versorgt war und der andere nicht. „Eine Fehlsichtigkeit solle immer richtig korrigiert werden“, rät der Augenarzt. Dies sei zum Beispiel auch beim Autofahren sehr wichtig.

Es gebe aber andere, naturheilkundliche Ansätze, um einer fortschreitenden Kurzsichtigkeit entgegenzuwirken. Solche mitunter gravierenden Fälle gebe es öfter im Wachstum oder in der Pubertät bei Kindern und Jugendlichen. In der deutschen Gesellschaft für ganzheitliche Augenheilkunde, der Wehr angehört, arbeite man häufig mit bindegewebskräftigenden Therapien, die die dünnen Augenwände stärken. So habe sich gezeigt, dass man zum Beispiel mit Schüssler Salzen das Fortschreiten einer Kurzsichtigkeit mitunter verlangsamen oder sogar stoppen könne.

Hintergrund: Häufige Sehfehler

• Bei einer Kurzsichtigkeit (Myopie) sieht der Betroffene in der Ferne unscharf. Der Grund: Aus der Ferne einfallende Lichtstrahlen werden vor der Netzhaut gebündelt und ergeben ein unscharfes Bild, weil das kurzsichtige Auge zu lang oder die Brechkraft der Augenlinse zu hoch ist.

• Bei einer Weitsichtigkeit (Übersichtigkeit, Hyperopie oder Hypermetropie) werden einfallende Lichtstrahlen hinter der Netzhaut gebündelt. Objekte erscheinen dabei zunehmend unschärfer, je näher sie dem Betrachter sind.

• Bei der Alterssichtigkeit handelt es sich um eine zunehmende Fehlsichtigkeit im Nahbereich durch Veränderungen der Linse im Alter. Aus der Nähe einfallende Lichtstrahlen werden hinter der Netzhaut gebündelt und ergeben so ein unscharfes Bild. (hei)

Stichwort: Sehschule

Der Begriff Sehschule ist nicht geschützt und taucht daher häufig auch im Zusammenhang mit Augentraining auf. Häufig verwendet wird er auch heute noch für augenheilkundliche, medizinische Spezialabteilungen von Kliniken, Facharztpraxen oder anderen Gesundheitseinrichtungen. Hier werden Augenmuskelausgleichstörungen wie Schielen und Nystagmus sowie Störungen des beidäugigen Sehens (zum Beispiel fehlendes räumliches Sehen) und funktionaler Schwachsichtigkeit untersucht und behandelt. Hier sind so genannte Orthoptisten tätig. (hei)

Von Martina Heise-Thonicke

Quelle: HNA

Kommentare