Von Hustenburg zur Fachklinik

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Das Einsetzen von Stents, die die Atemwege freihalten, gehört zum Spezialgebiet der Lungenfachklinik Immenhausen bei Kassel.

In Immenhausen steht die größte pneumologische Klinik in Hessen – Viele Studien laufen an ihren Zentren

Als vor über 100 Jahren in Immenhausen bei Kassel eine Klinik zur Versorgung Schwerstkranker unter dem Dach der Phillipstiftung gegründet wurde, dachte wohl noch niemand daran, dass sich dieses Krankenhaus einmal zu einer der fortschrittlichsten Lungenfachkliniken Deutschlands entwickeln würde.

Mit jährlich 3400 stationären und 5000 ambulant betreuten Patienten ist die Lungenfachklinik Immenhausen die größte pneumologische Klinik Hessens.

Die Ausrichtung zur Lungenheilkunde ergab sich bereits zur Zeit des Ersten Weltkrieges. „Damals kamen sehr viele Soldaten mit Tuberkulose zurück in die Heimat“, erläutert der ärztliche Direktor der Klinik, Prof. Stefan Andreas. Die mussten oft monatelang in dem Krankenhaus bleiben. Aus dieser Zeit gibt es noch den schön angelegten, großen Garten und die hervorragende Krankenhausküche. Denn frische Luft und gutes Essen war die einzige Behandlungsmöglichkeit, die man damals für die hoch ansteckende Erkrankung hatte. „Wir kochen immer noch das Essen für unsere Patienten selbst“, ist die Küche stolz.

Doch sonst ist aus dieser Zeit, als die Lungenfachklinik im Volksmund „Hustenburg“ genannt wurde, wenig übrig geblieben. Ein Großteil der Patienten hat Krebs oder schwere Lungenfunktionseinschränkungen, wie die chronisch obstruktive Lungenerkrankung, COPD genannt. Innerhalb der Klinik und auch übergreifend haben sich etliche Zentren gebildet, die ganz spezifisch Erkrankungen behandeln. Gemeinsam mit der Uniklinik Göttingen und dem Evangelischen Krankenhaus Göttingen-Weende hat die Lungenfachklinik Immenhausen ein Lungentumorzentrum gegründet. Ziel ist eine multimodale Behandlung von Lungenkrebserkrankungen, so dass jeder Patient von der Kompetenz der beteiligten Kliniken profitieren kann. „Wir allein sind auch zu klein, um ein Lungentumorzentrum zu gründen“, erklärt Prof. Andreas den Zusammenschluss mit anderen Kliniken. Um die Zertifizierung durch die Fachgesellschaften zu bekommen, müsse man unter anderem über 75 große, onkologische Operationen der Lunge nachweisen. Eine Anzahl, die die Immenhäuser allein nicht vorweisen können. So erfolgen beispielsweise die meisten Operationen im Uniklinikum in Göttingen durch Dr. Marc Hinterthaner.

Entwöhnung von Beatmung

Ein weiterer hochspezifischer Bereich ist das Weaning-Zentrum in der Lungenfachklinik Immenhausen. In dem von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) im Jahr 2010 als erstem zertifizierten Zentrum in Hessen werden Patienten von der maschinellen Beatmung entwöhnt. Operierte Menschen, die bereits eine schwere Lungenerkrankung haben, schaffen es oft nach dem Eingriff nicht mehr alleine zu atmen. Sie müssen schrittweise von der Beatmungsmaschine entwöhnt werden. Zehn Betten stehen dazu in Immenhausen zur Verfügung. Eigentlich zu wenig, denn Patienten werden aus Kliniken aus ganz Hessen und den angrenzenden Bundesländern hierher verlegt. Bei drei Viertel aller Patienten gelingt es, sie von der maschinellen Beatmung wieder zu entwöhnen, über die Hälfte davon kann wieder vollständig selbst atmen, manche brauchen noch eine Maske zur nicht-invasiven Beatmung.

Mit dem Weaning-Zentrum nimmt die Lungenfachklinik auch and der Qualitätssicherung des „Wean-Net“ teil: Hierzu werden die Patientendaten erfasst und anonym ausgewertet.

Rechtsherzkatheter möglich

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Diagnose und Behandlung der pulmonalen Hypertonie, des Lungenbluthochdrucks. Dazu gibt es in der Klinik die Möglichkeit des Rechtsherzkatheters mit pharmakologischer Testung. „Das ist ein sehr aufwändiges Verfahren“, erklärt Prof. Andreas, der nicht nur Facharzt für Lungenerkrankungen, sondern auch noch Kardiologe ist. Die nächsten Kliniken, die dieses Verfahren regelmäßig durchführen, sind die Unikliniken in Gießen, Göttingen und Hannover.

Bei dieser Erkrankung sowie bei sechs anderen (Bronchialkarzinom, nicht-invasive Beatmung, COPD, Tabakentwöhnung, Pleuramesotheliom und idiopathische Lungenfibrose) nimmt die Lungenfachklinik an Studien teil. So gibt es zur Therapie der Lungenfibrose (einer Vernarbung und Versteifung des Lungengewebes), ein neues Mittel, das in der Erprobung ist und das Fortschreiten der Erkrankung verhindern soll. „Wir sind eines der wenigen Krankenhäuser in ganz Deutschland, das dies Substanz testen darf“, ist der zuständige Oberarzt Dr. Hammerl stolz.

Eine Studie zur Impfung bei Lungenkrebs läuft ebenfalls in Immenhausen. „Wenn der Krebs Oberflächenantigene aufweist, kann man die bei der Operation heraussuchen und ähnlich wie bei einer Grippeimpfung einen Impfstoff herstellen“, erläutert der erfahrene Lungenfacharzt. Es zeige sich bereits, dass die so behandelten Erkrankten weniger Rückfälle bekommen.

Manchmal helfen aber alle Studien und Therapien nichts. Auch für diesen Fall ist die Lungenfachklinik in Immenhausen gewappnet. Es gibt zwei Palliativbetten und speziell für diese Patienten ausgebildetes Personal. „Die Palliativmedizin soll in Zukunft noch ausgebaut werden.

Drei weitere klassische Bereiche in der Lungenfachklinik sind die Allergologie, die Tabakentwöhnung und die Schlafmedizin.

Von Susanne Seidenfaden

Quelle: HNA

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