Hilfe gegen Ohrgeräusche

Es rauscht, piept und pfeift permanent im Ohr – etwa drei Millionen Deutsche leiden unter Ohrgeräuschen. Während ein Teil der Betroffenen mit den Störgeräuschen gut leben kann, leiden 1,5 Millionen sehr schwer. Ein Prozent der Betroffenen empfinden den Tinnitus sogar als unerträglich.

Die Beeinträchtigungen der Lebensqualität reichen von Schlafstörungen bis hin zu Depressionen und Angststörungen.

Dr. Bernadette Talartschik, Fachärztin für HNO-Heilkunde und leitende Ärztin des HNO-Bereichs der Schön Klinik Bad Arolsen, hat unsere Leser in der Telefonsprechstunde beraten.

Die Klinik behandelt psychosomatische Leiden, zu denen auch schwer belastete Tinnituspatienten mit Begleit- und Folgeerkrankungen gehören.

Ich bin weiblich, 73 Jahre alt und leide seit langer Zeit unter einem Pfeifen in den Ohren. Mein HNO-Arzt rät mir zu Hörgeräten, da ich auch schlecht höre. Aber werden mit Hörgeräten die Tinnitusbeschwerden nicht noch verstärkt? 

DR. BERNADETTE TALARTSCHIK: Ihre Symptome sprechen für die Kombination aus einer Schwerhörigkeit und Tinnitus. Das ist sehr häufig. Aus der Forschung kennt man eindeutige Zusammenhänge. Wenn die Hörzellen im Innenohr geschädigt sind, kommt es zu einer veränderten Hörverarbeitung im Gehirn, die einen Tinnitus auslösen kann. Dann ist die Versorgung mit Hörgeräten genau der richtige Weg. Sie korrigieren nicht nur die veränderte Hörverarbeitung, sondern verbessern gleichzeitig das Sprachverstehen. So wird der Tinnitus durch die wieder hörbaren Umgebungsgeräusche überhört. Es ist wie eine Kerze, die ihre Bedeutung verliert, wenn man das Licht anmacht.

Ich bin männlich, 37 Jahre alt und habe schon lange einen Tinnitus, mit dem ich gut leben konnte. Seit einigen Wochen hat er sich deutlich verstärkt und belastet mich sehr. Mein HNO-Arzt sagt, da könne man nichts mehr machen. Stimmt das?

TALARTSCHIK: Auch ein Tinnitus, der sich nach Jahren verstärkt, kann wieder gut erträglich und weniger belastend werden. Es ist zunächst einmal wichtig, dass Sie Ihre Ängste und Sorgen loslassen und wieder Hoffnung gewinnen.

Die Belastung und der Leidensdruck durch den Tinnitus sind vor allem durch unsere Gefühle und Bewertung dem Tinnitus gegenüber entscheidend beeinflussbar. Dabei spielt das seelische Zentrum in unserem Gehirn, das limbische System, eine wesentliche Rolle.

Die Zusammenhänge und entsprechende Übungselemente müssen Ihnen verständlich vermittelt werden. Sie brauchen eine Arzt, der Ihnen dabei hilft. Darüber hinaus gibt es apparative Hilfen wie Rauschgeräte oder bei Schwerhörigkeit auch Hörgeräte. Sie können eine zusätzliche Hilfe sein und den Tinnitus in den Hintergrund treten lassen.

Sollte das alles nicht gelingen und durch den Leidensdruck körperliche und seelischen Folgeprobleme drohen, wäre die stationäre Therapie in einer psychosomatischen Klinik mit Schwerpunkt Tinnitusbehandlung ratsam.

Ich bin männlich, 42 Jahre alt und hatte vor vier Wochen einen Hörsturz mit Tinnitus. Ich wurde drei Tage lang mit Kortison behandelt. Das hat aber nicht geholfen. Mein Freund hat vor zwei Jahren Infusionen zur Durchblutungsverbesserung bekommen. Wäre das auch bei mir besser gewesen ? 

TALARTSCHIK: Für jedes Krankheitsbild gibt es Leitlinien, die von ausgesuchten Wis- senschaftlern herausgegeben werden. Sie spiegeln den wissenschaftlichen Stand unterschiedlicher Behandlungsmethoden wider und sprechen Empfehlungen aus.

Die Leitlinien für Hörsturz und akuten Tinnitus wurden vor zirka eineinhalb Jahren aktualisiert. Für die Behandlung eines Hörsturzes, wie bei Ihnen, ist die dreitägige hochdosierte Kortisontherapie genau richtig.

Durchblutungs-fördernde Medikamente werden dagegen nicht mehr in den Leitlinien empfohlen, weil kein Erfolg nachgewiesen werden konnte.

Ich bin 45 Jahre alt und leide unter einem quälenden Tinnitus. Medikamente haben mir nicht geholfen. Man sagte mir, ich sei austherapiert. Deshalb habe ich im Internet recherchiert und bin durch die Klinikbewertungen auf die Schön Klinik Bad Arolsen aufmerksam geworden. Dort wird von Edukationen gesprochen. Was ist das? 

TALARTSCHIK: Edukationen sind Informationsvermittlungen. Dabei werden die Patienten in Gruppen und Einzelgesprächen umfassend über die Zusammenhänge aufgeklärt, wie ein Tinnitus entsteht, was man dagegen tun kann und was Sie vor allem selbst dagegen tun können. Das ist wichtig, um Ängste und Sorgen abzubauen, die den Tinnitus unterhalten und verstärken.

Im zweiten Schritt werden Bewältigungsstrategien vermittelt, die neue Hoffnung geben, Vertrauen in die eigenen Einflussnahme wecken und Wege zu begeisternden Erfahrungen aufzeigen. Dabei ist gerade bei schwer belasteten Patienten eine einfühlsame Arzt- Patient-Beziehung auf Augenhöhe hilfreich für den Therapieprozess.

Von Sandra Köhler

Quelle: HNA

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