Reden ist Silber, Berührungen sind Gold

Zarte Babyhaut sanft streicheln, die Wärme des kleinen Körpers spüren, den Duft des eigenen Kindes wahrnehmen: Das sind sehr emotionale Momente zwischen Eltern und Kindern. Zudem tun Streicheleinheiten schon dem Baby unwahrscheinlich gut!

Diese ersten Hautberührungen vermitteln dem kleinen Menschen das Gefühl von Gemeinschaft und Sicherheit und bilden damit die Basis für seine gesunde, geistige und körperliche Entwicklung. NIVEA hat in einem Experteninterview mit der Diplom-Psychologin Iris Nowacki die Bedeutung von Berührungen in der Schwangerschaft, in der Erziehung und der Familie genauer beleuchtet.

Wie wichtig ist Hautkontakt?

Hautkontakt ist so wichtig wie Atmen, Trinken oder Essen. Ohne den Tastsinn können wir nicht existieren. Unsere Haut verfügt über unzählige Sensoren für die taktile Wahrnehmung. Und das funktioniert von Anfang an: Lange bevor wir sehen, hören oder riechen können, sind wir schon als Fötus im Mutterleib für Berührungen empfänglich. Unmittelbar nach der Geburt regen Berührungsreize die Atmung an und sorgen dafür, dass das Immunsystem des kleinen Körpers hochfährt. In den ersten Lebensmonaten entdecken Babys ihre Umwelt dann bevorzugt über den direkten Hautkontakt. Sogar im Erwachsenenalter sind Berührungen für uns noch essentiell: als sprichwörtliches Bindeglied im zwischenmenschlichen Bereich, aber auch als einer der fünf Sinne, mit der wir unsere Welt tagtäglich wahrnehmen.

Welche Bedeutung haben Berührungen für die Entwicklung eines Menschen?

Wir erleben uns und die Welt als erstes durch Hautkontakte. Die Entwicklung des „Haut- Ichs“ ist also der erste Schritt auf dem Weg zur eigenen Persönlichkeit. Später hilft es uns bei wichtigen Aufgaben wie Orientierung, Koordination, Lesen und Schreiben. Hinzu kommen emotionale Aspekte wie „Vertrauen in uns und in andere“ zu finden sowie Selbstbewusstsein, Genuss- und Beziehungsfähigkeit zu entwickeln. Nicht zu vergessen, dass Hautkontakt auch auf den Körper Einfluss nimmt, zum Beispiel auf die physiologische Stabilisierung des Immunsystems und die Verdauung.

Woran liegt es, dass Hautkontakt so angenehm empfunden wird?

Von der Geburt an, beim Stillen, bei zärtlichen Berührungen, begleitet uns Oxytocin – das „Bindungs-Hormon“ für Liebe, Vertrauen und Bindung. Neben anderen psychisch angenehmen Reizen wird es vor allem bei Berührungen ausgeschüttet und sorgt für emotionale Momente und Beziehungen. Wir lernen durch unseren Tastsinn die Welt zu „begreifen“ und wir lernen uns selber durch Berührungen kennen. Unsere Haut spricht eine Berührungssprache, die emotional direkter ist als das Wort. Diese macht keinen „Umweg über den Kopf“, sie ist „pures Gefühl“.

Warum sollen Eltern ihre Babys viel streicheln?

Durch Hautberührungen legen wir unserem Kind quasi ein Urvertrauen in die Wiege. Das „Skin to Skin Bondingen“ zwischen Eltern und Kind ebnet den Weg für eine selbstbewusste Sicht auf die Welt und das Zutrauen in Menschen und Beziehungen. Dazu kommt, dass Berührungen auch gut sind für das Wachstum, die Nahrungsverwertung, die Entwicklung von kognitiven und sensuellen Fähigkeiten.

Welchen Einfluss haben Berührungen in der Kindheit auf die Persönlichkeit eines Menschen?

Studien haben gezeigt, dass wir alle eine „Berührungs-Biographie“ haben. Diese gibt uns im Wesentlichen mit auf den Weg, wie selbstverständlich wir auch in unserem Erwachsenenleben mit Berührungen umgehen, sie als Teil unseres Kommunikationsstils nutzen. Und wir wissen, dass Berührungen sowohl physiologisch, als auch psychologisch eine wichtige Rolle für unsere Entwicklung spielen. Will man den Einfluss von Berührungen auf unsere Persönlichkeit unter diesen Aspekten zusammenfassen, kann man sagen, dass wir durch Berührungen ausgeglichener werden, sich die Stressempfänglichkeit reduziert und wir generell vertrauensvoller auf andere zu- und Beziehungen eingehen. Unsere soziale Sicherheit wird durch die kindliche Berührungsbiographie mitentwickelt und so auch unsere Beziehungsfähigkeit, das Vertrauen in den anderen. Unsere Haut hat ein Gedächtnis. Es speichert die Momente des Wohlfühlens durch Hautkontakt, durch zärtliches Streicheln und aktiviert diese Erinnerung in anderen sozialen Situationen.

Sind Menschen, die in der Kindheit viel berührt wurden, im Erwachsenalter, nahbarer oder emotionaler?

Auch hier legen die wissenschaftlichen Erkenntnisse nahe, dass positive Berührungen in der Kindheit dazu führen, dass man mitfühlender auf andere zugehen, emotionale Momente besser „dechiffrieren“ kann. Menschen, die auch im Erwachsenenalter Berührungen als einen Teil der Kontaktaufnahme zu anderen nutzen, strahlen oftmals mehr Sicherheit aus, geben diese Sicherheit an andere weiter. Eine einzige angenehme Berührung in einem Gespräch kann mehr Trost, mehr Unterstützung, mehr geteilte Freude ausdrücken, als ein langer Dialog.

Spielt Hautkontakt später im Leben auch noch eine Rolle?

Ja. Eine Vielzahl von Untersuchungen hat nachgewiesen, dass die Bereitschaft, anderen zuzuhören und ihren Worten zu vertrauen, wächst, wenn das Gespräch mit Berührungen „bereichert“ wird. Auch in der Kindererziehung können Berührungen zu einer verbesserten Kommunikation beitragen. Sie vermitteln Kindern das Gefühl sicher zu sein, geliebt und akzeptiert zu werden, selbst wenn es erziehungstechnisch gerade hoch her geht. In die andere Richtung funktioniert diese Form der Beziehungsarbeit übrigens genauso: Eltern gewinnen durch Hautkontakt die emotionale Sicherheit, ihre Kinder nicht zu verlieren, sie immer noch ‚nahe bei sich’ zu haben.

Bedeutet das, dass Berührungen letztendlich Familienarbeit sind?

Ganz genau. Die zärtlichen Gesten des Alltags wie, sich berühren, sich in den Arm nehmen, die Hand beim Gespräch halten, festigen das Wir-Gefühl zwischen den Familienmitgliedern. Man spürt sprichwörtlich am eigenen Leib, dass man nicht allein ist. Und das ist einfach ein super Gefühl, und zwar in jedem Lebensalter.

Quelle: HNA

Kommentare