Wenn Erwachsene „zappeln“

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Das Schaukeln mit dem Stuhl ist zum Sinnbild des Zappelphilipps geworden. Doch nicht nur Kinder, auch Erwachsene leiden unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom.

Das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADHS) kommt nicht nur bei Kindern vor – auch vier Prozent aller Erwachsenen sind vom so genannten Zappelphilippsyndrom betroffen. In der Reihe „Gesundheit im Gespräch“ war „ADHS bei Erwachsenen“ jetzt im Saal des Hermann-Schafft-Hauses Thema.

Man kann sich kaum mehr an den Inhalt eines gerade gesehenen Kinofilms erinnern oder rastet aus, wenn bei grüner Ampel der Vordermann nicht sofort losfährt. Dies können typische Anzeichen des Krankheitsbildes im Erwachsenenalter sein.

ADS oder ADHS (mit Hyperaktivität) ist eine bereits im Kindesalter beginnende psychische Störung. Aufmerksamkeitsschwäche, impulsives Verhalten und manchmal auch Hyperaktivität sind typische Symptome der Erkrankung. Laut Dr. Martin Ohlmeier, Direktor des Ludwig-Noll-Krankenhauses am Klinikum Kassel, tritt das Syndrom bei etwa zehn Prozent der Kinder auf.

Bei Erwachsenen, die an ADHS leiden, stehen oft allgemeine Leistungs- und Konzentrationsschwächen gepaart mit innerlicher Ruhelosigkeit und Getriebenheit im Vordergrund. In seinem Vortrag betonte Ohlmeier, dass viele Erwachsene insbesondere an den sozialen Folgen des Krankheitsbildes leiden wie Schwierigkeiten im Berufs- und Privatleben, die sich mit häufigem Jobwechsel und erhöhter Scheidungsrate bemerkbar machten.

Aufwendige Diagnose

Um die Erkrankung festzustellen, sei eine aufwendige Diagnose durch Nervenärzte notwendig, die sich vor allem auf die Lebensgeschichte der Betroffenen stütze. Zudem sei häufig die Abgrenzung zu anderen psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Sucht- oder Stoffwechselerkrankungen schwierig.

Ludwig Haffke, niedergelassener Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der exemplarisch zwei Fälle vorstellte, wies auf die allgemeine Unterversorgung mit psychiatrischen Fachärzten hin, sodass es häufig zu langen Wartezeiten – in Kassel bis zu sieben Monaten – kommen könne. Laut Haffke und Ohlmeier ist die Erkrankung gut therapierbar. Die Säulen der Behandlung bildeten in der Regel eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten. Je nach Erscheinungsbild sei zusätzlich auch eine Verhaltenstherapie sinnvoll. Die Bedeutung von Selbsthilfegruppen stellte Dr. Anette Hasselmann heraus. Sie ist Psychiaterin des Gesundheitsamtes der Region Kassel. Der Austausch untereinander sei für die Betroffenen enorm wichtig und eine Hilfe im Umgang mit der Erkrankung.

Das bestätigte auch Sonja Neufeld, Vertreterin der Selbsthilfegruppe Erwachsene mit AD(H)S Kassel. Die 53-Jährige ist selbst von ADS betroffen. Ihr Rat: Man sollte den Therapie-Optionen offen gegenüberstehen. Die Patenschaft für den vom Gesundheitsamt der Region Kassel organisierten Themenabend hatte die Techniker Krankenkasse übernommen.

Dopaminmangel ist ADHS-Ursache

Ursache für ADHS ist ein Mangel des Neurotransmitters Dopamin im Gehirn. Neurotransmitter sind für die Weiterleitung von Signalen zwischen Nervenzellen zuständig. Dieser Dopaminmangel kann mit Medikamenten ausgeglichen werden. Behandelt wird ADHS in der Regel in Kombination mit einer Psychotherapie.

Über die Kontakt- und Informationsstelle KISS des Gesundheitsamtes erhalten Betroffene Informationen und den Kontakt zu Selbsthilfegruppen: Telefon 0561/92005-5399, kiss@stadt-kassel.de (mkx)

Quelle: HNA

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