Schutz vor Burn-out: Buchautor Dr. Manfred Nelting gibt Tipps

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Schutz vor Burn-out: Buchautor Dr. Manfred Nelting gibt Tipps

Das Glück der Erde finden - manchen fällt dies leichter als anderen. In Zeiten von städiger Erreichbarkeit und permanenter Reizüberflutung ist es wichtig, für ein Gleichgewicht zu sorgen und dem Ausbrennen entgegenzuwirken.

Dr. Manfred Nelting beantworet im Folgenden unsere Fragen zum Thema Burn-out und gibt alltagstaugliche Tipps für mehr Ausgeglichenheit.

Wenn man den Suchbegriff „Burn-out“ bei Google eingibt, erhält man ungefähr 264.000.000 Ergebnisse. Das Interesse an diesem Thema ist riesig. Aber ist die Krankheit als solche in der Gesellschaft akzeptiert?

Dr. Manfred Nelting: Nein, viele Betroffene verbergen die Diagnose ähnlich wie bei der Depression um z.B. keine Nachteile bei der Arbeit zu haben (Angst vor Entlassung), der Medizinbetrieb akzeptiert das Phänomen Burn-out, die Diagnose „Burn-out“ aber nicht, weil noch zu wenig verläßliche Forschungsergebnisse zum Burn-out vorliegen. Firmen sind noch sehr zurückhaltend, weil Burn-out-Prävention systemische Weiterentwicklung in den Firmen bedeuten würde.

Die erste Auflage des Ratgebers „Burn-out“ ist aus dem Jahr 2010. Was hat sich seitdem ereignet, dass im Jahr 2012 ein neuer Band erschienen ist?

Nelting: Das neue Buch „Schutz vor Burn-out“ ist ein komplett eigenständiges Buch. Das erste Buch habe ich für Menschen geschrieben habe, die sich schon in einer Burn-Down-Spirale bzw. im manifesten Burn-out fühlen und Wege heraus suchen. Der Schwerpunkt des neuen Buches liegt auf der Bewältigung der Herausforderungen im globalisierten Alltag, sowohl im Arbeitsprozess, als auch in der sogenannten Freizeit, und wie der eigene Lifestyle ggf. sinnvoll und lebenspflegend modifiziert werden kann. Dem Buch liegt auch eine QiGong-Lern-DVD meiner Frau und Co-Autorin bei. Qigong eignet sich ideal zur Erhaltung der inneren Balance in dieser pausenlosen Zeit.

Ist die heutige Arbeitswelt einer der ausschlaggebenden Faktoren für Burn-out?

Nelting: Für die hohe Anzahl der Betroffenen ja, aber nicht bedingend. Bei Männern in ihrer vielfach sehr ausgeprägten beruflichen Identifizierung ist die Arbeitswelt doch regelhaft ein zentraler Grund im Burn-out-Geschehen, bei Frauen, die vielfach auch stärker in sozialen Bezügen identifiziert sind, tritt die Arbeitswelt als Ursache graduell zurück. Letztlich ist Arbeit und Freizeit aber bei beiden Geschlechtern nicht wirklich zu trennen bei der Entstehung von chronischem Stress und Erschöpfung.

Gibt es Berufsgruppen, die besonders gefährdet sind?

MN: Helfende, soziale Berufe und Menschen mit intensivem Kundenkontaktbrauchen eine gute Resilienz um in einer Dienstleistungsgesellschaft in guter innerer Balance zu bleiben. Aber heutzutage übersteigt der permanente Anforderungsdruck am Arbeitsplatz in praktisch allen Berufsfeldern die Bewältigungskräfte der einzelnen Menschen.

Gibt es Schutzmaßnahmen vor Burn-out im modernen Arbeitsalltag?

Nelting: Ja und interessanterweise sind auch einige eher einfach erscheinende Korrekturen sehr wirksam: Für echte Pausen sorgen, in denen nicht aufgearbeitet wird; den Piepton bei eintreffenden neuen Emails abstellen; Vereinbarungen über die Nicht-Erreichbarkeit per Handy in arbeitsfreien Zeiten treffen; sich um Partner, Kinder und Freundschaften, also ein soziales Netz kümmern.

Gibt es medizinisch festgehaltene Kriterien, nach denen Burn-out festgestellt wird? Gibt es eindeutige Richtlinien für eine Diagnose?

Nelting: Allgemein anerkannte Richtlinien gibt es noch nicht, klinische Erfahrung allerdings genug. Z.B. sind wir in unserer Gezeiten Haus Klinik als Spezialisten seit einiger Zeit in der Lage die vegetativen Einflüsse auf die Herztätigkeit apparativ zu erfassen und das Ausmaß des „Ausgebranntseins“ wissenschaftlich definitiv festzustellen. Auch können wir die Therapieerfolge hiermit im Therapieverlauf nachweisen. Weiterhin sind wir an einem Forschungsprojekt zum Burn-out der Uni Bonn beteiligt, hieraus werden sich voraussichtlich bestimmte klinisch sehr deutliche Befunde erhärten lassen.

Welche Signale sendet der Körper und sollten ernst genommen werden?

Nelting: Wenn man müde ist, sollte man schlafen; wenn man traurig ist, darf man trauern. All dies kann man prinzipiell körperlich/seelisch fühlen und danach handeln. Wir haben aber vielfach gelernt unsere inneren Körpersignale zu überhören, in der Pausenlosigkeit und dem Getöse des Alltags gehen die Signale oft unter oder man stumpft ihnen gegenüber ab. Dies ist ein zentrales Thema in meinem neuen Buch.

Warum sind wir nicht mehr glücklich?

Nelting: Weil wir tendenziell Beziehungen und Begegnungen durch Warenbeziehungen und Konsum ersetzen, zunehmend passiv konsumieren und keine interessanten Herausforderungen mehr suchen. Wir brauchen in der Regel etwas Anderes als das was uns als wichtig und glückverheißend im Kaufhaus, in den Medien oder in der Werbung erzählt wird. Glück liegt viel eher in der Bewältigung von neuen Herausforderungen und in Begegnungen mit Menschen, Tieren und der Natur. Dort wird das Glück aber immer weniger gesucht.

Gibt es im Internet einen Selbsttest für Burn-out-Gefährdung?

Nelting: Ja, auf unserer Website www.gezeitenhaus.de findet sich der von mir entwickelte aktuelle Burn-out-Test, der kostenlos und anonym online durchgeführt werden kann mit sofortiger Auswertung. Er ist darüber hinaus auch in unserer kostenlosen Burnout-App für IPhone und iPad enthalten.

Wie kommt es zu dem Namen „Gezeitenhaus“ Ihrer Klinik?

Nelting: Wir suchten nach einem Begriff, der polare Elemente wie z.B. Ebbe und Flut in einem Wort zusammenfaßt. Denn in der Therapie sind die von einer Person als „Licht“- und „Schatten“-Seiten empfundenen Anteile gleich wichtig. Am Beispiel der Gezeiten sehen wir, daß es ein Ganzes gibt. Nur durch den Wechsel von Ebbe und Flut entsteht Leben im Watt, beides ist wichtig. Und als Norddeutsche sind meiner Frau und mir die Gezeiten natürlich immer gegenwärtig.

Ist eine langfristige Änderung der Lebensweise auch nach einer Therapie möglich?

Nelting: Ja, wobei die Nachhaltigkeit des Therapieerfolges in der Regel auch an Lebenspflege und speziell den Körper als Träger der Nachhaltigkeit gebunden ist. Bei uns in der Gezeiten Haus Klinik haben wir erstmalig in Deutschland auch QiGong als Achtsamkeitsverfahren in die psychosomatische Therapie eingeführt. Wir beobachten, daß diejenigen Patienten, die QiGong nach der stationären bzw. teilstationären Behandlung zuhause weiterführen, nachhaltig ihre innere Balance halten und es Ihnen auch nach Jahren gut geht. Die Mehrzahl der Patienten hat ihren Lebensstil dabei erfolgreich modifiziert.

Gibt es schon Zahlen über erfolgreiche Lebenswege nach einer Therapie?

Nelting: Wir führen aktuell eine sogenannte Katamnese-Studie durch, in der wir nachschauen, wie es unseren Patienten ein halbes Jahr und 2 Jahre nach Entlassung gesundheitlich geht. Aus unserer bisherigen Erfahrung können wir sagen, daß unsere Therapie sehr erfolgreich und nachhaltig ist für die große Mehrzahl der Patienten. Diese Aussagen wollen wir durch die Studie präzisieren.

Wie gestalten Sie selbst Ihren Alltag, Herr Dr. Nelting?

Nelting: Meine Frau und ich machen seit Jahrzehnten QiGong und leben einen spirituell geprägten, achtsamen Alltag. Wir tanzen Tango Argentino und betreiben auch sonst Lebens- und Beziehungspflege im bewussten Umgang miteinander, für uns in großer Dankbarkeit von Liebe getragen. Wir geben uns Zeiten, wo sich unser Denken beruhigen kann. Unser Arbeitstag gehört natürlich zu unserem Lebensalltag, wir leben also nicht erst nach der Arbeit.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Quelle: HNA

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