Gefäßaussackung: Kasseler Klinikum bietet neuartige Eingriffe an der Hauptschlagader an

Kassel. Am Klinikum Kassel wird ein neues Operationsverfahren angewandt, das es erlaubt, Aussackungen und Erweiterungen der Hauptschlagader zu behandeln, ohne dabei den Brustkorb oder Bauch zu öffnen.

Diese Hybrideingriffe kombinieren die Umleitung von Blutgefäßen mit dem Einschieben einer Endoprothese (Gefäßstütze) in die Hauptschlagader. Mittlerweile wurden am Kasseler Klinikum zehn Patienten mit diesem Verfahren behandelt.

Vor dem Eingriff: Die Gefäßwand im Aortenbogen (rechts) ist gerissen. Foto:  Klinikum/ nh

An besonders schwer zugänglichen Stellen, beispielsweise nahe am Aortenbogen oder an Gefäßabzweigungen zu den Nieren, sind solche Eingriffe nur in enger Zusammenarbeit von Gefäßchirurgen und Radiologen möglich. Denn in solchen Fällen müssen Gefäßabschnitte zunächst verpflanzt werden, erläutert Dr. Hans-Jörg Kellner, kommissarischer Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie.

Dabei wird unter Röntgensicht die Prothese über kleine Schnitte in der Leiste durch die Beckengefäße in die Aorta eingeführt und entfaltet sich erst an der vorgesehenen Stelle im Gefäß. Dieses Verfahren ist nach Angaben von Nael Abusalim, Oberarzt der allgemeinen interventionellen Radiologie, schonender für den Patienten und kann auch noch eingesetzt werden, wenn eine offene Operation wegen des Allgemeinzustandes oder zahlreicher weiterer Erkrankungen des Patienten zu risikoreich wäre.

Die Patienten verbringen keine oder nur kurze Zeit auf der Intensivstation und können das Krankenhaus meist nach sieben bis zehn Tagen wieder verlassen.

Nach dem Eingriff: Gefäße wurden versetzt, der Aortenbogen mit Prothese stabilisiert.

Auch bei komplizierten Fällen und hochkomplexen Erkrankungen bietet das Klinikum-Team als bislang einziges in der Region nun diesen minimalinvasiven Eingriff an. Dabei müssen Gefäße zunächst verpflanzt werden, um überhaupt eine Prothese setzen zu können. Mit Bleistift und Papier entwirft Herzchirurg Kellner dazu für jeden Patienten eine Strategie, in welcher Reihenfolge welches Gefäß verlegt werden muss, damit während der Operation alle Organe ausreichend durchblutet sind. Anschließend kann Nael Abusalim die vorher ausgemessene Prothese einsetzen.

Bei einer 78-jährigen Patientin, die unter einem Einriss der absteigenden großen Brustschlagader litt, wurden zunächst von Natur aus fehlangelegte Schlagadern so verpflanzt und umgeleitet, dass ausreichend Platz für eine Gefäßprothese bestand (siehe Untersuchungsbilder).

Um künftig bei Notfällen mehr kostbare Zeit für die Patienten zu gewinnen, soll in diesem Jahr am Klinikum ein Notfalllager für Aortenprothesen eingerichtet werden. Bisher dauert es zwei bis drei Stunden, bis die Prothesen aus einem Notfalllager in Bayern geliefert werden. (hei)

Hintergrund Gefäßaussackung (Aneurisma)

Gefährliche Aussackungen Aussackungen an der Hauptschlagader (Aortenaneurysmen) sind nicht selten. Jährlich werden in Deutschland etwa sechs Prozent Neuerkrankungen entdeckt. Mit zunehmendem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Hauptschlagader an einer oder mehreren Stellen ausdehnt. Lebensgefährliche Folgen können die Bildung von Blutgerinnseln oder das Reißen des Blutgefäßes sein. In den USA sterben jährlich ca. 15 000 Menschen an den sekundären Folgen eines Aortenaneurysmas, in Schweden sind es 700 bis 1000 Menschen - meist Männer zwischen 65 und 75 Jahren. Da solche gefährlichen Aussackungen - wenn überhaupt - nur durch Zufall entdeckt werden, halten Dr. Hans-Jörg Kellner und Nael Abusalim Reihenuntersuchungen für sinnvoll, um Aneurysmen bei Risikogruppen aktiv aufspüren und rechtzeitig behandeln zu können. Mit einem Ultraschall des Bauchraums könne ein Aneurysma problemlos entdeckt werden, bevor es schlimme Folgen habe, so die Ärzte. „Eine solche Untersuchung ist sehr akkurat, nicht invasiv, nicht teuer und würde viele Menschenleben retten.“ (hei)

Quelle: HNA

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